Außerkörperlich durch die Löcher des Netzes fliegen
3. Kapitel
Werner Zurfluh
Erstmals veröffentlicht in: Der Wissenschaftler und das Irrationale - Bd. 1: Beiträge aus Ethnologie und Anthropologie, Hg. Hans Peter Duerr, Frankfurt a.M.: Syndikat, 1981:473-504. 2.Aufl. 1996 im HTML-Format, teilweise ergänzt.
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3 Kapitel:
Der Wissenschaftler und das Irrationale


Für mich ist die Außerkörperlichkeit zuerst einmal ein Phänomen, das ich selber erleben und beobachten kann. Wenn ich den eigenen physischen Leib nach einem "Austritt" in seiner gewohnten Umgebung sehe, habe ich als bewußtseinskontinuierliches Wesen in seiner Bewußtheit die unerschütterliche Gewißheit, vom Körperzustand unabhängig zu sein, zumal ich ganz genau weiß, daß der physische Körper schlafend in Bett liegt. Möglicherweise sehe ich ihn sogar! Ähnliches haben viele Menschen erlebt, deren Erlebnisberichte in umfangreichen Fallsammlungen dokumentiert sind. (Anm.13) Bei dieser Fülle an Erzählungen und angesichts der Möglichkeit, Außerkörperlichkeit selbst zu erleben, ist es nur schwer verständlich, weshalb die gegenwärtige philosophische Diskussion des Leib-Seele-Problems diesen Aussagen keine Beachtung schenkt. (Anm.14) Sie berücksichtigt die Ergebnisse der Hirnforschung und hinterfragt sie nach impliziten philosophischen Voraussetzungen, beschäftigt sich aber nicht mit den Erzählungen der "Ekstatiker". Die Möglichkeiten, die sich mit der Eröffnung der "Innenwelt" ergeben, werden unterschätzt und den Psychologen überlassen, die mit einer Erkenntnistheorie arbeiten, die den gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht widerspricht. (Anm.15) Als Praktiker wäre ich dankbar, wenn sich die Philosophie etwas vermehrt um die Erzählungen der Mitmenschen und um die eigenen Erlebnismöglichkeiten des Philosophen kümmern würde, statt sie in der sprachlichen Unzulänglichkeit und der scheinbaren Theorielosigkeit zu belassen.

Transzendenz"> Eine Philosophie könnte aufzeigen, an welchen Orten ein Paradigma zur Transzendenz hin offen ist und - ohne Anwendung von Gewalt - geöffnet werden kann. Sobald sie sich aber mit ihrem Begriffssystem vom praktischen Erleben lossagt, ist sie zum Selbstzweck geworden. Das Leib-Seele-Problem macht zum einen deshalb so große Schwierigkeiten, weil die persönliche, vollbewußte Erfahrung auf den Bereich des Wachzustandes des physischen Körpers eingeschränkt wird. Zum anderen stammen die Probleme daher, daß das Ich als abgeschlossenes System betrachtet wird, das sich nur vom Wachzustand des Körpers her definieren läßt und mit all seinen bewußt erlebten Erfahrungen auf den körperlichen Wachzustand eingeschränkt bleibt. Das Konzept der "Leere", d.h. der Offenheit zur Transzendenz hin, das in der östlichen Philosophie und in der gesamten Mystik zentrale Beachtung findet, wird in seiner praktischen Bedeutung für das menschliche Verhalten verkannt. Besitzt nämlich das Ich als geschichtliches Wesen für das Andere keine Offenheit mehr, wird es zum Gefangenen eines festgelegten, abgeschlossenen Systems, das alleiniger und ausschließlicher Bezugspunkt ist. Das System bestimmt, was wünschbar und realisierbar ist, und definiert, was als alltäglich, selten oder paranormal zu gelten hat. Hier ist die Heimat des "alten Ichs". Wer sie verläßt, hat nichts mehr, "wo er sein Haupt hinlegen kann" (Anm.16). Ein radikaler und manchmal sehr schmerzhafter Orientierungswechsel wurde vollzogen, die Identität mit dem Paradigma aufgelöst und die "Leere", die Offenheit, in den Mittelpunkt aller Handlungen gestellt. Dabei kommt es weniger darauf an, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, als vielmehr prinzipielle Offenheit und Ausrichtung zur Transzendenz zu gewinnen und das kann von jedem Paradigma aus geschehen. Nur auf diese Weise wird etwas wirklich, was noch nie und von niemandem erlebt wurde.

Ohne Transzendenzoffenheit muß alles außerhalb der betreffenden paradigmatischen Wirklichkeit als symbolisches Geschehen aufgefaßt und einem reduktiven Deutungsverfahren unterworfen werden. Bei konsequenter Durchführung dieser Betrachtungsweise kommt es früher oder später zu Konflikten mit dem eigenen Tod. Er kann als existentielles Ereignis zwar nicht geleugnet, aber doch aus dem Alltag verdrängt werden. Für eine Weltanschauung, die alle Offenheit zur Transzendenz als gesellschaftsirrelevant erklärt, ist der Tod niemals ein Freund, sondern der ärgste Feind, weil er das vernichtet, was als einzige Wirklichkeit gilt. Logischerweise sind dieser Auffassung alle außerkörperlichen Erlebnisse immer nur symbolisch.

Wenn ein Schamane oder z.B. jemand, der im Sterben war und wiederbelebt wurde, von außerkörperlichen Erlebnissen berichtet, fasse ich dieses Sprechen keineswegs als Repräsentanz einer Symbolwelt auf. Mit der Sprache wird wohl auf ein Sein hingewiesen, das Sein wird re-präsentiert, aber das Sein selbst ist nicht symbolisch, sondern existentiell. Es dürfte allen Sprechern bewußt sein, daß sie ein Erlebnis beschreiben. Sie erzählen eine Erfahrung, die für sie nicht eine Wirklichkeit in Anführungszeichen ist, sondern eine neben der Alltagswirklichkeit gleichberechtigte Realität. Zwar wirken sich im außerkörperlichen Zustand die subjektiven Gegebenheiten wesentlich direkter und umfassender aus als auf der Ebene des materiellen Alltags, aber diese Ideoplastie ist mittels eines kontinuierlich bestehenbleibenden Ich-Bewußtseins kontrollierbar. Während sich bei einem nicht-luziden Träumer alle gedanklichen und gefühlsmäßigen Regungen sofort in die entsprechenden Bilder umsetzen und alles andere überdecken, bleiben bei der Außerkörperlichkeit Reflexionsvermögen und Skepsis erhalten. Nur so ist es möglich, den Subjektanteil in einer Wechselwirkung nicht zum dominierenden Faktor werden zu lassen. Das gilt hüben wie drüben.

Um eine erlebte Realität zu erzählen, übersetzt man sie in eine sprachliche Form (oder in ein Bild, in Musik usw.). Nun kommt es darauf an, wie die semantischen Felder der Wörter beschaffen sind. Werden sie als bedeutungsneutral aufgefaßt, dann ist in ihnen die "materielle", die "seelische" und die "geistige" Komponente zu einer Einheit verschmolzen. Dieses Kontinuum wird durch die gesellschaftlichen Bedürfnisse z.B. in Richtung auf ein ausschließlich materielles Verständnis und damit auf eine vorwiegend technische Realisierbarkeit eingeschränkt. Damit ist automatisch der materiellen Wirklichkeit der Vorzug gegeben und es muß zur Konfrontation mit den anderen Bereichen kommen. Die Betonung der "materiellen Realität" führt zur Erstarrung der "freien Fluktuation der semantischen Felder" und provoziert die gegensätzliche Auffassung, daß z.B. biblische Sätze rein spirituell zu verwirklichen seien und keinerlei gesellschaftspolitische Relevanz besäßen. Aber weder die eine noch die andere Auffassung wird begreifen können, daß in der Realität stets ein hochkomplexes Beziehungsgefüge zur Einheit verwoben ist und damit jedes Fragen nach der eigentlichen Wirklichkeit zur Realitätsflucht wird.

Im Westen vermochte die mystische Tradition neben der dogmatischen Theologie ihr Anliegen nicht durchzusetzen. (Anm.17) Wesentlich schlimmer erging es bekanntlich jenen, die von der Kirche nicht als Mystiker sondern als Hexen eingestuft wurden. Offenbarungen haben sich offensichtlich an Grenzen zu halten. Da sie das nicht tun, werden sie ihrer Wirklichkeit beraubt, abgewertet und durch Deutungen entstellt. Die Grenzen bleiben bestehen, die Löcher sind gestopft und das eigene System geht gefestigt aus dem Kampf hervor. Sogar Toleranz und Verständnisbereitschaft können dafür mißbraucht werden, den persönlichen Aufbruch zur Transzendenz aufzuschieben und die Frage nach den Bedingungen für das eigene Erleben der nicht-paradigmatischen Wirklichkeit ungefragt zu lassen. Überall stehen Bollwerke wider das subjektive Erleben - die Amfortas-Frage bleibt nach wie vor ungestellt, und der Gral bleibt im Jenseits.

Für mich war die Mystik für die Weiterentwicklung der Außerkörperlichkeit sehr wichtig. Sie hat mir manche Einsicht in Verhaltensweisen vermittelt, die mir eine zeitliche Ausdehnung des außerkörperlichen Zustandes und eine Bewältigung der dabei gemachten Erfahrungen erlaubten. Beispielsweise wäre es mir ohne "Gelassenheit" niemals möglich gewesen, gewisse zutiefst erschütternde Erlebnisse ohne Verlust der Ich-Bewußtseinskontinuität und ohne Dramatisierung im Alltag zu bestehen.

Der außerkörperliche Zustand zeigt treffend, daß das Ich nicht absolut durch den Körper bestimmt ist. Die Identität mit dem Leib geht in dem Moment verloren, in dem man sich von ihm ablöst - und ersteht aufs neue, wenn man wieder in ihn zurückkehrt. Wegen der Kontinuität des Ichs bleibt die Erinnerung an den je anderen Zustand bestehen. Das ist - wenigstens für mich - für die Feststellung des gegebenen Seinszustandes von eminenter Bedeutung, weil die Notwendigkeit besteht, sich den Umständen entsprechend zu verhalten - situationsadäquat. Bei der Außerkörperlichkeit gibt es bezüglich des Ich-Bewußtseins nicht den geringsten Unterschied zur Innerkörperlichkeit. Deshalb muß die Wahrnehmung der Körperempfindungen dazu benutzt werden, Gewißheit zu erlangen, innerhalb oder außerhalb des Körpers zu sein. Diese Bedingung hat mich dazu veranlaßt, im Alltag dem Leibesbewußtsein besondere Beachtung zu schenken und es durch Waldlauf, Yoga und Karate zu schulen.

Im Verlauf der letzten fünf Jahre wurde die Außerkörperlichkeit für mich zu einem wiederholbaren Ereignis. Ich kann sie zwar nicht beliebig herbeiführen, habe aber immerhin die Gewißheit, daß bei Erfüllung der teilweise genannten individuellen, sozialen und erkenntnistheoretischen Bedingungen jeden Monat mindestens zweimal ein Austritt bei vollem Bewußtsein erfolgt. Dann besitze ich außerhalb des Körpers vollständige Handlungsfreiheit, soweit dies überhaupt möglich ist, und dasselbe Erinnerungsvermögen wie im Alltag - manchmal ist es merkwürdigerweise sogar eher noch gesteigert. Ich kann mich sowohl an die Ereignisse erinnern, die tagsüber geschehen sind, als auch an frühere außerkörperliche Erlebnisse und an die früheren Träume. Weil damit die Kriterien der Wiederholbarkeit und der Kohärenz im außerkörperlichen Zustand erfüllt sind, wird die Frage nach Illusion oder Wirklichkeit für mich als erlebendes Subjekt sinnlos. Genauso könnte ich von meiner Alltagswirklichkeit behaupten: "Eigentlich (!) bilde ich mir das alles nur ein." Das wäre wieder eine der Wittgensteinschen Schrauben, die nichts drehen.

Ich begründe für mich die Wirklichkeit des außerkörperlichen Zustandes "axiomatisch" und betrachte dieses Vorgehen nicht als irrational im Sinne von alogisch und vernunftwidrig. Schließlich akzeptiere ich auch den Alltag, in den ich mich "hineingestellt" sehe, als Wirklichkeit. Weder die eine noch die andere Wirklichkeit ist restlos mittels Denken und begrifflicher Erkenntnis zu fassen, weshalb sich eine "vernünftige Irrationalität" angesichts des jeweiligen "In-der-Welt-Seins" als situationsgerechteste Verhaltensweise erweisen dürfte. Das Bewußtsein, Ich zu sein, bleibt das einzige Kriterium, an das ich mich halten kann. Es gibt also keine Möglichkeit, zwischen den beiden Wirklichkeiten zu wählen, weil sie beide die Wirklichkeit der Ich-Kontinuität ermöglichen und erlauben. Der eine Bereich ist ebenso wirklich wie der andere. Wird irgendeine Realität als einzige definiert, dann geht die Kontinuität des Ich-Bewußtseins in einer anderen verloren. Deshalb kann zwischen den Alternativen Identität oder Verschiedenheit von Leib und Seele keine endgültige Entscheidung getroffen werden. Beides ist Realität - Realität, die nur bei Mißachtung der eigenen Erfahrungsmöglichkeiten als unvereinbar erscheint.

Ich führe sowohl beim Austritt aus dem Körper als auch beim Wiedereintritt stets eine Zustandskontrolle durch, die in der Praxis sehr eng mit der Bewußtseinskontrolle verflochten ist. (Anm.18) Im Unterlassungsfall bestünde die Gefahr einer "Ebenenvermischung", die sich zum Beispiel darin äußert, daß ich nach einem vermeintlichen Aufwachen im materiellen Körper mit großer Mühe einige Notizen schreibe, nur um nach einiger Zeit tatsächlich in der physisch-materiellen Ebene zu erwachen und zu merken, daß das Papier leer geblieben ist. Dieses Phänomen ist unter der Bezeichnung "falsches Aufwachen" oder "falsches Erwachen" bekannt. (Anm.19)

Um einen Eindruck von den Schwierigkeiten zu geben, die sich bei der Rückkehr vom außer- in den innerkörperlichen Zustand ergeben, möchte ich an dieser Stelle als Beispiel ein Erlebnis erzählen. Der Stil der Erzählung wird zeigen, wie stark meine Sprache von den mir zur Verfügung stehenden Terminologien geprägt ist. Für mich ergeben sich somit ähnliche Schwierigkeiten wie für einen Physiker, der ein quantenmechanisches Experiment mit der Sprache der klassischen Physik beschreiben muß. - Und doch ist es nur durch das Erzählen dessen, was man selbst erlebt hat, möglich, die Probleme in all ihren Verästelungen sichtbar werden zu lassen. Der Bericht würde zu viel Raum beanspruchen, wollte ich alle Überlegungen und Erlebnisse anführen , die während des außerkörperlichen Zustandes geschehen sind. Auslassungen sind mit ... gekennzeichnet:
.

In der Nacht vom 31. August auf den 1. September 1978 werde ich mir im Verlaufe eines normalen kohärenten Traumes plötzlich mit aller nur wünschenswerten Klarheit bewußt, daß ich träume. Sofort mache ich eine Bewußtseinskontrolle, wobei ich mir vor allem den Ort meines schlafenden Körpers vergegenwärtige und auf mein Ich-Gefühl achte - bis ich ganz sicher bin, außerhalb zu sein. Die Ich-Stabilität ist derart optimal, daß ich eine Reihe komplizierter Experimente durchführen und erst noch ausgedehnte Reisen unternehmen kann. ... Weit mehr als eine Stunde ist vergangen, als ich beschließe, wieder in den schlafenden Körper zurückzukehren, um das Erlebte aufzuschreiben. Ich versetze mich nicht sofort in den Körper, sondern in den Flur, um von da aus in aller Ruhe durch die Küche in den Wohn- Schlafraum zu gehen und dabei das Geschehene nochmals zu überdenken. Damit vermindert sich das Risiko eines abrupten Wiedereintritts, bei dem das Erinnerungsvermögen in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Obwohl ich weiß, daß ich mit meinem Zweitkörper fliegen oder über dem Boden schweben kann, gehe ich zu Fuß durch die Küche, weil ich auf diese Weise meine Fortbewegung besser kontrollieren kann. Es ist leichter, beim Gehen stehen zu bleiben als beim Fliegen innezuhalten - d.h. es entspricht eher meinem gewohnten Sprachgebrauch.

Ich benutze die Gelegenheit, ganz bewußt auf die Empfindungen meines Zweitkörpers zu achten, um nachher den Unterschied zu den Empfindungen des schlafenden Körpers besser ausmachen zu können. ... Ohne Eile gehe ich bis zum Bett und schaue auf die trotz der Dunkelheit gut erkennbaren Körper: den meiner Frau und den eigenen, der auf der Seite liegt. ...

Vorsichtig lege ich mich ins Bett und achte besonders darauf, daß mein Zweitkörper etwa gleich zu liegen kommt wie der schlafende Körper. Von früheren Erfahrungen her weiß ich, daß dies ein sehr kritischer Moment ist. Zum einen führt jede ungeduldige oder unbedacht heftige Bewegung zu einem Gedächtnisverlust, zum anderen bestehen viele Täuschungsmöglichkeiten. Man meint, im physischen Körper zu sein, ist es aber nicht. Um wirklich sicher zu sein, wieder den Alltagskörper besetzt zu halten, muß ich eine umfangreiche Zustandskontrolle durchführen und vor allem den Anschluß an alle Körperempfindungen finden. Die Augen meines Zweitkörpers halte ich während der "Einklinkphase" ständig offen, um eventuelle Veränderungen der Umgebung sofort zu sehen. Es gibt ganz subtile Unterschiede bezüglich des Sehvermögens im außerkörperlichen Zustand. Solange die beiden Körper nicht miteinander verschmolzen sind, kommt es oft zu einer Art von Flimmern des Sehfeldes. Das kann als Hinweis benutzt werden. ...

Es gelingt mir nicht, meinen Zustand zu meiner vollsten Zufriedenheit zu bestimmen, also muß ich drastischere Maßnahmen ergreifen. Ich will mich zwingen, aufzustehen und auf die Toilette zu gehen. Dafür ist es auf jeden Fall notwendig, den Füllungsgrad der Harnblase zu empfinden, also konzentriere ich mich ganz auf die Blase. Aber ich spüre keinen Harndrang!

Das kann nur heißen, daß noch kein vollständiger Deckungsgrad der beiden Körper erreicht ist. Ich strenge mich noch mehr an - und endlich gelingt es, die Harnblase zu empfinden. Trotzdem bin ich nicht zufrieden, da immer noch keine Gewähr dafür besteht, wirklich "eingerastet" zu sein. Ich könnte mich zwar einfach gehen lassen und überhaupt nicht mehr daran denken, daß es nun gilt, wieder in den Alltagskörper zurückzukehren. Das ist eine ausgezeichnete Methode - aber sie ist nicht zuverlässig in bezug auf das Erinnerungsvermögen. Vor allem mitten in der Nacht, wenn man sehr müde ist, rastet man wohl automatisch wieder ein, gleitet danach aber sofort in einen bewußtlosen Schlafzustand hinein. Am Morgen ist dann alles vergessen.

Ich behalte deshalb meine Augen offen und lenke nun meine Aufmerksamkeit auf andere Organe und Körperzonen. Bald einmal empfinde ich Arme und Beine wieder. Zuerst strecke ich vorsichtig den rechten Arm aus, taste mit den Fingern den Teppich und ergreife das neben dem Bett stets bereit liegende Papier und den Bleistift. Dann ziehe ich beide Beine an, strecke sie wieder und drehe mich behutsam etwas mehr auf die Bauchseite. Anschließend drücke ich mit beiden Armen den Oberkörper hoch, ziehe die Beine wieder an und stehe dann mit dem rechten Bein zuerst auf. Obwohl ich fast völlig sicher bin, "drinnen" zu sein, ist immer noch größte Vorsicht geboten. Ich schaue mich um, ob etwa - trotz der eindeutigen Empfindung von vorhin, daß ich die Augenlider geöffnet habe - doch ein Flimmern zu sehen ist. Bei dieser Art Einrasten gibt es nämlich keinen Unterbruch im Sehen, so daß nur leichte Veränderungen der gewohnten Umgebung darauf hinweisen, ob man nun draußen oder drinnen ist. Aber dann werden mir beinahe schockartig alle Körperempfindungen bewußt - als wäre ein Damm gebrochen, als könnten jetzt alle zurückgestauten Empfindungen wieder frei zum Bewußtsein fließen. Der Unterschied zu den Empfindungen des Zweitkörpers ist unglaublich! Die Zerschlagenheit und Müdigkeit ist total - am liebsten würde ich mich gleich wieder hinlegen und einschlafen. Bleischwer lasten die Glieder und verhindern beinahe ein Aufrecht-Stehen. Glücklicherweise kenne ich dieses Körpergefühl vom Training her - es ist als hätte ich zwei Stunden lang Karatetechniken geübt, auf den Sandsack eingeschlagen und Hanteln gehoben. Zweifellos bin ich wieder im physischen Körper. ...

Langsam gehe ich durch die Küche und achte genau auf die großen Unterschiede zum vorherigen Zustand. Das Ich-Bewußtsein ist das selbe, aber die beiden Körper sind verschieden! Dennoch ist das Ich mit seinem Körper zu einer Einheit verbunden - sie besteht unwiderlegbar; ist im Zweitkörper ebenso vorhanden wie in diesem. Die Empfindungen gehören jetzt zum Ich, obwohl das Ich nicht mit ihnen identisch ist. ...

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Anmerkungen

Anm 13: Z.B. Crookall (1960) 2nd Pbl. l977, Crookall 1972, Green 1968, Grof (1978) 1980, Hampe 2. Auflg 1975, Messner 1978 und Moody (1975) 1977.
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Anm 14: Josef Seifert berücksichtigt in seiner kritischen Analyse des Leib-Seele-Problems in der gegenwärtigen philosophischen Diskussion die Erzählungen über außerkörperliche Erfahrungen nicht. Sonst könnte er kaum sagen: Descartes' "These, daß wir immer (auch im Schlaf, Wahnsinn usw.) denken (bewußt seien), scheint uns angesichts der Erfahrung völlig unhaltbar zu sein" (Seifert 1979: 50) . Aber darf der Mensch allein deshalb nichts mehr erzählen, weil seine Erlebnisse angesichts der Erfahrungen anderer unhaltbar sind? "Nur hier, im irdischen Leben, wo die Gegensätze zusammenstoßen, kann das allgemeine Bewußtsein erhöht werden. Das scheint die metaphysische Aufgabe des Menschen zu sein, die er aber ohne 'mythologein' nur teilweise erfüllen kann" (Jung (1961) o.J. :314). Und den Psychologen sagt C. Naranjo: "Die wahre Sprache der Psychologie ist nicht Latein, sondern schlichte Erzählkunst" (1975) 1979:16). Aber selbst die Art der Erzählung hängt von den theoretischen Voraussetzungen des Erzählers ab.
Anm.14 Ende - zurück zum Text

Anm 15: Jacoby (1975) 1978 hat gezeigt, wie die Nachfolger Freuds den sozialen Ansatz des Begründers der Psychoanalyse zunehmend zurückgestellt haben. Und wenn bereits schon der soziale Ansatz zurückgestellt worden ist, wie steht es denn mit den Fragen, die sich aus der Beschäftigung Freuds mit Popper-Lynkeus ergeben könnten!?
Anm.15 Ende - zurück zum Text

Anm 16: Mat.8,20.
Anm.16 Ende - zurück zum Text

Anm 17: "Es gibt kaum eine dringlichere Forderung an die heutige Theologie, als den Weg zurückzufinden zur ganzheitlichen Botschaft, die allein Lebenserfahrung vermittelt, statt zu flüchten in eine entmythologisierte und damit ent-emotionalisierte Theologie" ( Sudbrack 1980:351). Auch die "Neuansätze einer erzählenden oder schauenden Theologie flüchten sich wieder weithin in eine Theologie über die Erzählung oder über das zu erschauende Symbol, statt nun selbst zu erzählen oder schauen zu lassen. Unsere Theologen und - wie ich glaube - wir alle scheuen uns nämlich, es ganz und gar ernst zu nehmen, daß Bilder und konkrete Wirklichkeiten eine bessere Nachricht über Gott bringen, als Begriffe es können" ( ibid.:352).
Anm.17 Ende - zurück zum Text

Anm 18: "Who controls the controller?" Vgl. Lu K'uan Yü (1964) 1967:48-94. Außerdem half mir Luca Giuliani so manche Schraube arretieren, die außer Kontrolle geraten war!
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Anm 19: Vgl. Garfield (1974) 1980:162-164; Roos 1980a:39-42; Whiteman 1956:267-268.
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Literaturverzeichnis

Crookall, Robert: The Study and Practice of Astral Projection, The Definitive Survey on Out-of-the-Body Experiences. Secaucus, New Jersey (1960) 2nd Pbl. 1977.
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Crookall, Robert: Case-Book of Astral Projection 545-746. Secaucus, New Jersey 1972.
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Garfield, Patricia: Kreativ träumen. Aus dem Amerikanischen von F. Walter und W. Zurfluh. (1974 Creative Dreaming) Schwarzenburg: Ansata, 1980.
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Green, Celia Elizabeth: Out-of-the-Body Experiences. London 1968.
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Grof, Stanislav, Joan Halifax: Die Begegnung mit dem Tod. Aus dem Amerikanischen von G.H. Müller unter Mitarbeit von Thomas Schadow. (1978 The Human Encounter with Death) Stuttgart 1980.
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Hampe, J.C.: Sterben ist doch ganz anders. Stuttgart 1975.
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Jacoby, Russel: Soziale Amnesie. Eine Kritik der konformistischen Psychologie von Adler bis Laing. Aus dem Amerikanischen von C. Beier. (1975 Social Amnesia) Frankfurt am Main 1978.
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Jung, C.G.: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Zürich (1961) o.J.
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Lu K'uan Yü: Geheimnisse der chinesischen Meditation. Aus dem Englischen von H.U. Rieker. (1964 The Secrets of Chinese Meditation) Zürich 1967.
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Messner, Reinhold: Grenzbereich Todeszone. Köln 1978.
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Moody, Raymond A.: Leben nach dem Tod. Aus dem Amerikanischen von H. Gieselbusch und L. Mietzner. (1975 Life after Life) Reinbek bei Hamburg 1977.
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Naranjo, Claudio: Die Reise zum Ich. Psychotherapie mit heilenden Drogen, Behandlungsprotokolle. Aus dem Amerikanischen von M. zur Nedden Pferdekamp. (1973 The Healing Journey) Frankfurt am Main 1979.
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Roos, Christoph: Shayawaya. Fantastische Comics zwischen Traum und Wirklichkeit. Band 3: 1980a; Band 4: 1980b. Kai Stellmann Verlag, Adlerstraße 14, 28 Bremen.
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Seifert, Josef: Das Leib-Seele-Problem in der gegenwärtigen philosophischen Diskussion. Eine kritische Analyse. Darmstadt 1979.
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Sudbrack, Josef: Schau nach außen - Erfahrung nach innen. Vom christlichen Umgang mit der Welt der Symbole. In: Geist und Leben 53/1980:348-363.
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Whiteman, J.H.M.: The Process of Separation and Return in Experiences Fully "Out-of-the-Body". 1956. In: Proceedings of the Society for Psychical Research 50/1953-1956: 240-274.
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