Über den Ursprung der Märchen Werner Zurfluh |
| Erstmals veröffentlicht in: Die Märchenzeitschrift Nr. 5 1992 - 2. erw. Aufl. 1996 im HTML-Format |
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Die in den Nebeln der Vergangenheit verschwindende Herkunft
Die Frage nach Herkunft und Abstammung der (Volks-) Märchen scheint mir
unwichtig und bedeutungslos. Oder täusche ich mich da? Wenn nämlich
Geschichten
«eine Zeitlang von Mund zu Mund gegangen sind»,
wird es «viele und verschiedenartige Aufzeichnungen davon geben»
(Anm.1). Die Suche nach dem
Ursprung eines Märchens könnte also im Hinblick auf die Urfassung
aufschlußreich sein. Könnte! Wenn da nicht die mündliche Überlieferung
wäre. Und die macht die Suche hinunter in die Vergangenheit zu einem
ziemlich hoffnungslosen Unterfangen. Denn Worte verklingen und zerstieben in
der Zeit, sie verflüchtigen sich in den Räumen der sich wandelnden
Bedeutungen. «Nach dem Ursprung von Erzählungen
(gleichgültig, was für welchen) zu fragen, heißt nach dem
Ursprung von Sprache und Denken fragen.» (Anm.2) Offensichtlich geht die Frage nach dem
Herkunft unweigerlich in den Nebeln der Zeiten verloren.
Am
schlimmsten bei all der rückwärts gerichteten Fragerei wäre es,
wenn jene verstummen, die Märchen erzählen und immer wieder erzählen.
Ausschließlich akademische Fragestellungen drohen nämlich die
uralte Lebendigkeit der Märchenstoffe zu ersticken. Werden die «Nachtfeuer
der Karawan-Serail» durch Universitäts-Seminare ersetzt, legt draußen
unter freiem Sternenhimmel niemand mehr Holz nach, und die hellen Flammen der
Erzählkunst fallen in sich zusammen. Unbemerkt wirbelt von all den Fragen
und gescheiten Antworten in den Räumen der Akademiker Staub hoch, sucht
sich den Weg durch Ritzen und Fugen und streicht hinaus über die Lande.
Allmählich sinkt er hernieder und läßt früher oder später
selbst jene zauberhaften Brunnen versanden, die aus unergründlichen
Tiefen in die Seele eines jeden einzelnen Menschen hineinragen. Oder die
Brunnen bleiben - sozusagen vor lauter Wissenschaftlichkeit - einfach ungenutzt,
worauf sie versiegen.
Speziell die Frage nach Herkunft und
Abstammung der Märchen kommt mir eher akademisch vor. Wenn ich da
beispielsweise an die fernen Zeiten meines Biologiestudiums und an den Streit
zwischen Evolutionisten und Kreationisten denke, erinnere ich mich vor allem
des Zusammenpralls zweier Weltanschauungen und damit zweier total
unterschiedlicher Betrachtungsweisen ein und desselben 'Materials', das immerhin
aus Versteinerungen und 'lebenden Fossilien' und nicht 'bloß' aus Worten
besteht. Was soll also die Antwort auf etwas bringen, das weder die einen noch
die anderen im Zeitengefüge selbst miterlebt haben? Was die
Ursprungsfrage der Märchen betrifft, steht notgedrungenermaßen die
vergleichende Motivforschung im Vordergrund. Und diese ist auf eine
schriftliche Fixierung angewiesen, die erst in jüngster Zeit stattgefunden
hat und weiterhin stattfindet. Aber ein Märchen kümmert sich nicht
um wissenschaftlich fundierte Antworten, Deutungen und festgelegte Originale.
Denn wunderbarerweise wird es beim Wiedererzählen lebendig, egal, ob es
vom Blatt abgelesen, egal, welcher Ursprung ihm zugesprochen oder wie es
gedeutet wird. Das Märchen bringt beim Zuhörer etwas zum Erklingen,
es verzaubert, läßt Bilder sichtbar werden und verschiebt Zeiten und
Räume. Und es ermöglicht uns sogar, zum eigenen Urgrund und Ursprung
zu kommen - oder ihn wenigstens zu erahnen.
Müßte
die Frage nach dem Ursprung der Märchen nicht gleichzeitig auch die Frage
nach dem Innersten des Menschen sein! Könnten nicht ganz andere 'Beweisstücke'
beigezogen werden, sogar solche, die bislang kaum jemals beachtet worden sind?
Es wäre nämlich gerade in diesem Zusammenhang durchaus möglich,
sich nicht mehr nur auf eine Wissenschaft zu verlassen, deren Urteil ausschließlich
auf 'objektiven' Sachverhalten gründet, sondern auch auf jene Stimmen
hinzuhören und ihnen zu vertrauen, die den eigenen Tiefen entstammen.
Wer die Frage nach der Herkunft von etwas stellt, an dessen
Entstehung er oder sie nicht persönlich beteiligt gewesen ist, wird
schnell eine spekulative Richtung einschlagen, die vom in Frage stehenden
'Gegenstand' wegführt. Das gilt auch für die Märchenerzählungen.
Denn bald einmal ist die Geschichte als Ganzes vergessen - und damit ihre
verzaubernde Wirkung. Sie verliert sich in den schier unüberblickbaren
Gefilden der Abstraktionen und Spekulationen - im schlimmsten Falle im Gestrüpp
der Theorien und Ideologien. Vielleicht läßt sich aber auch aus
einer derartigen Entfremdung etwas lernen, zumal es gewisse Fragen gibt, die
bereits als Fragen mehr über die Person und deren Vorstellungen und die
gesellschaftlichen Bedingungen aussagen als über den erfragten Gegenstand.
Und manchmal - oder sogar meistens - ist es so, daß die Beantwortung
einer Frage so oder so 'nur' wieder neue Fragen erstehen läßt - und
sogar eine kritische Sicht der Fragestellung selber erfordert.
Nein, die Straße hin zum Ursprung der Märchen geht bestimmt nicht über
die zertrampelten, immer wieder vom dornenvollen Gestrüpp der Theorien
und Spekulationen überwucherten Pfade der 'Rationalisierungen'. Auch
nicht durch die ausladend weiten und seligen Gefilde der wunderbar duftenden
dichterischen Schönheiten von Erzähl- und Vortragskünsten oder
Erbauungsgeschichtchen.
.
«Und siehst du nicht den feinen Steig,
der sich um jenen farnbewachsenen Hügel windet?
Das ist der Weg ins wundersame Elbenland,
den du und ich heute nacht gehen müssen.» (Anm.3)
Meist unbegehbar ist der feine Steig zur Anderwelt
Eine kaum beachtete Antwort auf die Frage nach der Herkunft der Märchen
liegt tatsächlich verblüffend nahe, denn sie leuchtet Nacht für
Nacht im Schlafe auf. Nur ist der Pfad des nächtlichen Erlebens derart
von Erschöpfungszuständen verwüstet, vom künstlichen Licht
der Verdrängungen überblendet und mit neurotischen Verhaltensweisen
verbarrikadiert, daß vielen Menschen des Abends nichts anderes übrig
bleibt, als total gestreßt und völlig ermattet ins Bett zu fallen
und sich dann - manchmal sogar mit tatkräftiger Unterstützung
chemischer Präparate - schlicht dem Schlafe zu überlassen. Dies in
der festen und durchaus berechtigten Überzeugung, Körper und Seele würden
den Schlaf brauchen, um anderntags wieder voll leistungsfähig zu sein.
Und mit 'Seele' sei eben auch das bewußte Ich bzw. die Bewußtheit
gemeint. Eine etwas voreilig gezogene Schlußfolgerung, die von der
allgemein üblichen Auffassung, was eventuell auftretende Träume zu
sein haben, tatkräftig unterstützt wird!
Also wird beim
Einschlafen der Steig ins Elbenland vom 'Schlag der herunterfallenden
Augenlider' bzw. den Vorurteilen und Vorstellungen schwer getroffen und darob
zerbrechen. Am nächsten Morgen entsteigt ein sich mehr oder weniger erholt
fühlendes Ich den Fluten des Vergessens und schüttelt mit lautem
Weckergebimmel die letzten und allerfeinsten Traumfetzchen aus dem Gedächtnis.
Vielleicht hört es dabei - vor allem beim Anblick eines Kindes - in
weiter Ferne mit leisem Ton das Tor zur Anderwelt zuschlagen! Das Tosen des
Alltags brandet schwer heran. Und weiter braust's und tost's - bis der Tag zur
Neige geht. Dann baut sich die Brücke zum Märchenreich wieder auf und
das mächtige Tor öffnet sich spaltbreit und sachte. Der Weg ist
frei! Die tief in der menschlichen Seele liegenden Quellen beginnen zu
sprudeln. Sie warten nur darauf, gefunden und geschöpft zu werden!
Denn «im gewöhnlichen normalen Leben ist es mit
diesen geistigen Prozessen, welche sich in den Tiefen der Seele abspielen, so,
daß sie manchmal nur herauftauchen in leisen, auch für das Bewußtsein
zu erhaschenden Traumerlebnissen»
(Anm.4)
Im
Zusammenhang mit dem Traum muß ich kurz auf J.R.R. Tolkien eingehen, weil
der nämlich zu Recht sagt (weshalb, sei in Kürze weiter unten erörtert):
«Selbst wenn der erzählte Traum für sich genommen ein Märchen wäre, würde ich das Ganze zumindest als schwer verunstaltet ablehnen - wie ein schönes Bild in einem entstellenden Rahmen. Es ist zwar richtig, daß der Traum zum Märchenhaften nicht ohne Beziehung ist. ... Wenn aber der Schriftsteller in wachem Zustand uns erzählt, daß seine Geschichte nur etwas im Schlafe Eingebildetes sei, betrügt er vorsätzlich jenes Urverlangen im Herzen der Märchenwelt: daß das Wunder wahr werde, unabhängig von dem Geiste, der es sich vorstellt. ... Für das echte Märchen ... ist jedenfalls wesentlich, daß es als 'wahr' hingestellt wird.» (Anm.5)
Um die Sache nicht weiter zu komplizieren, sei
hier bloß gesagt, daß sich das Ich in einem 'normalen Traum' der
Tatsache zu träumen, nicht bewußt ist, also unter keinen
Umständen mit Besonnenheit und Bewußtheit zu handeln vermag.
Solcherart Träume sind wohl kaum als Märchen zu bezeichnen. Sie könnten
vielleicht insofern zum Verständnis der Herkunft und vor allem des
Wandels der Märchen beigezogen werden, als sie Einblick in den persönlich
und gesellschaftlich bedingten Variantenreichtum geben.
Anders
ist es jedoch mit jenen nächtlichen Erfahrungen, die - in unserer Zeit -
(verharmlosend) ebenfalls 'Träume' genannt werden - wohl in Ermangelung
eines zutreffenden und verständlichen Wortes. Oder einfach deswegen, weil
der Alltag in seiner Ausschließlichkeit alles andere als illusorisch
erscheinen läßt. Zu denken ist dabei an jene Erfahrungen, die von
einem wachbewußten Ich erlebt und oft mit einer 'Ablösung des
'Astralleibes'' (bei intakter Bewußtheit) eingeleitet werden. Die Ablösung
als solche wird keineswegs immer bemerkt, zumal das Ich sich selbst bleibt.
Derartige ('ekstatische') Erfahrungen im Sinne des «Er legte sich
unter den Baum und ließ den Schlaf nicht Herr werden», sind
stets sehr gewichtige und zutiefst beeindruckende Erlebnisse, die früher -
speziell in den altvorderen Zeiten - ganz bestimmt den Haus- und Herdgenossen
erzählt wurden. Und wenn die Erfahrung eindrücklich genug war, ist
sie natürlich wiedererzählt und weitergegeben worden. Gar manches Märchen
dürfte von da her seinen Ursprung haben! Diese Auffassung hat viel zu tun
mit der Vermutung einiger Autoren (z.B. Evans-Wentz, Lüthi, Steiner, von
Beit, von Franz), den Märchen würde Magisches, Übersinnliches
und Hellsichtiges zugrunde liegen.
'Gewöhnliche' Träume
- auch dies sei hier nur am Rande erwähnt - dürfen jedoch unter
keinen Umständen unterschätzt werden. Auch wenn sie 'chaotisch' und
'wirr' heranbranden und das sich selbst nicht bewußte und somit
willenlose Ich mitsamt all seinen Komplexen, Projektionen und Verdrängungen
brutal zwischen Alltag und Anderwelt in einem Zwischenreich und Niemandsland
herumwerfen. Wird gegen all das nicht in voller Bewußtheit und
Verantwortlichkeit angegangen, wird das Ich ständig bloß 'unbewußtes
Traum-Ich' und damit unmündig bleiben und niemals dazu kommen, die
Probleme, die ihm den Weg zur Anderwelt (und zum Alltag) versperren, zu lösen.
- Es ist zwar ein schwieriges (aber keinesfalls unmögliches) Unterfangen,
sich den Weg über den feinen Steig zur Anderwelt hinüber
freizumachen bzw. zu erarbeiten. Aber nur ein bewußtes Ich, das gelernt
hat, die Welten zu verbinden, wird eines Tages sagen dürfen:
«Sieben lange Jahre hab ich für dich gedient,
den Glasberg hab ich für dich erstiegen,
das blutige Hemd hab ich für dich gewaschen,
und nun willst du nicht erwachen und mich ansehen?
Er hörte sie und sah sie an.» (Anm.6)
Bei mir hat es mehr als sieben Jahre gedauert,
denn ich glaubte, mich auf dem Weg in die Nacht hinein auf Landkarten und
Wegweiser verlassen und ihnen Folge leisten zu müssen. Jetzt sitze ich da
und schreibe etwas zur Frage nach dem Ursprung der Märchen, wohl wissend,
daß die hier gegebene 'Antwort' eben gerade von jenen Erfahrungen abhängt,
die den Landkarten und Wegweisern widersprechen. Also von jenen Erlebnissen,
die ich selbst nur nach langem Zögern akzeptieren konnte und die nur mit
etlichem Arbeitsaufwand zu intergrieren waren. Die hier versuchsweise gegebene
'Antwort' mag also zum größten Teil den üblichen Auffassungen
widersprechen, aber sie widerspricht meinem nächtlichen Erleben nicht.
Und, wie ich meine, auch nicht den Erfahrungen anderer Menschen, welche die
'Außerkörperlichkeit' und/oder die 'Wachbewußtheit' während
des 'Schlafes' oder eines anderen Körperzustandes erlebt haben. (Das
alles hängt übrigens eng mit dem zusammen, was in den Märchen
als 'Doppelgänger', 'Schatten', 'zweites Ich' usw. bezeichnet wird.)
Deswegen - um es mal sehr vereinfacht zu sagen - werden (von mir) nicht
unbedingt theoretische Konstruktionen benötigt, um den Ursprung der Märchen
zu erklären bzw. verständlich zu machen.
'Außerkörperliche'
Erlebnisse fordern nämlich, wie die Märchen, gar nichts. Sie stellen
als Schauungen des Trans-Alltäglichen und Anderweltlichen eine wirklich
zauberhafte Herausforderung dar - nicht zuletzt für ein kritisches Verständnis.
Für mich jedenfalls gründet die Faszination der Märchen vor
allem darin, daß sie von dem Kunde geben, was ich manchmal im 'Schlaf'
erlebe. Und deshalb vermute ich, daß das persönliche Erleben der
Anderwelt seit jeher maßgebend an der Entstehung einer 'Mär'
beteiligt gewesen ist. Denn diejenigen, die wachbewußt 'hinübergehen'
und wieder zurückkehren, werden ganz bestimmt etwas zu erzählen
wissen - und sie haben es auch immer wieder erzählt. Was mich selber
betrifft, sehe ich nach all den 'Reisen in anderweltliche Bereiche' die
Alltagswelt schon wesentlich anders. Wirklichkeit ist für mich nicht mehr
eindimensional. Also stehe ich staunend und sehr nachdenklich vor all den
wunderbaren Dingen, die mir begegnet sind und weiterhin begegnen. Etwas
Besonderes ist diese Einstellung übrigens nicht. Sie ist bei all jenen
Menschen zu finden, die fähig sind, zu staunen, sich selbst mitsamt den
gewohnten Anschauungen in Frage zu stellen und einfach mal hinzuschauen - auch
und gerade auf ganz alltägliche Dinge.
«Was heute nottut, ist ein elementares Wiedererleben
der Einheit alles Lebendigen, ein umfassendes Wirklichkeitsbewußtsein,
das sich spontan immer seltener entfaltet, je mehr die ursprüngliche Flora
und Fauna der Erde einer toten technischen Umwelt weichen muß.»
(Anm.7)
Neben der
Nacht, der Region, in der das Märchenhafte bis zum heutigen Tag überlebt
hat, fordert nicht zuletzt der Alltag die Wiedererlangung des klaren
Blicks - und zwar dringendst. «Wir sollten dem
Kentauren und dem Drachen begegnen und dann vielleicht plötzlich, wie die
Schafhirten des Altertums, der Schafe, Hunde und Pferde gewahr werden - und
der Wölfe. Diese Heilung zu erzielen, helfen uns die Märchen.»
(Anm.8) Und die nächtlichen
Erfahrungen!
Eine Handvoll Theorien und ein Mittagsschläfchen
Selbstverständlich habe ich ein bißchen in der mir zur Verfügung
stehenden Literatur
über Märchen nachgeblättert, um über die 'Herkunft
der Märchen' etwas in Erfahrung zu bringen. Ein paar Hinweise waren schon
zu finden, obschon «der Folklorist lieber nicht auf
die Fragen der Herkunft eingehen und - wenn er nicht gezwungen ist, Farbe zu
bekennen - sie, lieber erst gar nicht stellen möchte»
(Anm.9). Nein, Folklorist bin ich
nicht. Also ist es mir möglich, die Sache von einem anderen Blickwinkel
aus zu betrachten und einfach mal interessiert das zur Kenntnis zu nehmen, was
andere zum diesem Thema vorbringen.
Spätestens seit Vladimir
Propp werden konstante und variable Elemente im Märchen unterschieden,
wobei die Möglichkeit, Märchen auf abstrakte Schemata zu reduzieren,
einer vergleichenden Untersuchung auch in bezug auf die Herkunftsfrage Vorschub
leistet. Denn damit läßt sich unter Umständen abklären,
auf welchen Wanderwegen ein Märchen übermittelt worden ist. Es könnte
auch durch Abstraktion zwischen archetypischen und eher milieubedingten und
persönlichen Inhalten unterschieden werden, was dann eher in den Zuständigkeitsbereich
tiefenpsychologischer Betrachtungsweisen fällt und die Herkunftsfrage vom
Äußeren auf das Innere, nämlich den seelischen Bereich,
verlagert.
Marie-Louise von Franz schlägt - wie andere -
beispielsweise eine eher in paranormalen Erscheinungen begründete
Herkunft gewisser Märchen vor und erzählt das Beispiel eines bei
einbrechender Dunkelheit jagenden Müllers, zu dem ein Fuchs sagt:
«Erschieß mich nicht!» (Anm.10) Daß dies «bei einbrechender
Dunkelheit» geschieht, läßt mich stutzig werden. Auch daß
der Müller zwei Tage nach diesem Ereignis gestorben ist. Denn derartige,
sogenannte paranormale Dinge geschehen tatsächlich im Umkreis von Tod und
Sterben. Sie scheinen in diesem Zusammenhang allerdings weit eher beachtet zu
werden als sonst und dürfen dann zugestandenermaßen weitererzählt
werden! Wäre jener Müller nicht gestorben, wäre die Geschichte
kaum in die Familienchronik aufgenommen worden.
Wird nämlich
nach außerordentlichen Erlebnissen gefragt, wissen die Befragten meistens
(!) etwas zu erzählen. Nur, wer fragt nach solchen Dingen? Und weshalb
sollte sich beispielsweise irgendjemand dafür interessieren, wenn es
ihm/ihr beim Mittagsschläfchen so vorkommt, als schwebte der Körper über
der Couch und guckte drüben hinter den Geranien auf dem Balkon ein merkwürdiges
Geschöpf in die Wohnstube hinein? Was sagte es schon wieder? - Würden
Sie sich etwa nach dem Aufstehen fragen, weshalb es Ihnen so vorgekommen ist,
als würde Ihr Körper schweben? Was die Bewußtheit betrifft, gab
es ja keinen Unterschied zum normalen Zustand. Auch der Körper war
derselbe. Immerhin, das Ereignis ist Ihnen doch ein paar Worte wert und Sie
erzählen es des Nachmittags bei Tee und Kuchen.
Nun gibt
es verschiedene Möglichkeiten für den Fortgang der kleinen Geschichte.
Sie wird wieder vergessen, falls Sie nach zwei Tagen noch nicht gestorben
sind. Falls Sie jedoch meinen, Ihr Erlebnis einer Person berichten zu müssen,
die psychiatrische oder tiefenpsychologische Kenntnisse hat, dann werden Sie
einiges darüber in Erfahrung bringen können, was in Ihrer Seele so
vorgeht, welche Komplexe und unbewältigten Schattenprobleme Sie haben und
was Depersonalisation und Dissoziation bedeutet. Falls Sie jedoch beginnen
sollten, Ihre Erfahrung zu hinterfragen und festzustellen, daß Sie bewußtseinkontinuierlich
gewesen sind und über einen 'Zweitkörper' verfügten, werden Sie
ziemlich sicher in Schwierigkeiten geraten. Vielleicht fehlt es Ihnen an
Ausdrucks- und damit Verbindungs- und Einordnungsmöglichkeiten, weil
Ihnen Worte wie 'Astralleib' und 'Geistwesen' nichts sagen. Oder Sie scheuen
sich, das simple Erlebnis ernst zu nehmen, denn schließlich handelte es
sich weder um eine 'Astralwanderung' noch um ein 'Lesen in der
Akasha-Chronik'. - Daß für Sie aus dem Mittagschläfchen also ein
Märchen werden könnte, ist demzufolge wenig wahrscheinlich. Aber
lassen Sie sich nicht täuschen! Der Schmetterling, der gerade dort drüben
hochfliegt, käme auch nie auf den (chaostheoretisch begründeten)
Gedanken, daß er die Großwetterlage über dem Pazifik beeinflußt.
Wachbewußt hinüberschreiten!
1965
begann ich, Träume und solche Erlebnisse aufzuschreiben, die der
'Couch-Erfahrung' ähnlich sind. Mittlerweile sind aus den paar Seiten von
damals etliche mehr geworden. Immerhin so viele, daß es sinnvoll
scheint, sie - neben dem, was laufend anfällt, und dem, was früher
den Karteikarten überantwortet wurde - auf den Computer zu übernehmen
und mittels Datenbank bzw. Hypercard zu verwalten. Beim korrigierenden
Durchlesen bin ich auf ein Erlebnis gestoßen, das zu zeigen vermag,
weshalb ich die Auffassung von W.Y. Evans-Wentz teile, daß Märchen
Erzählungen sind, die das Erleben des Menschen in der 'fairy world', der
Anderwelt, widerspiegeln. - Es mag merkwürdig scheinen, ein persönliches
Erlebnis zu erzählen. Noch merwürdiger erscheint mir jedoch, daß
versucht wird, Persönliches auszuklammern. Als könnte der Mensch
jemals Objektivität erlangen. Aber das ist nun wieder eine ganz andere
Geschichte. Sie hat nur indirekt etwas mit der Herkunft und dem Ursprung der Märchen
zu tun hat. Allerdings sehr viel mit dem (kritischen) Selbstverständnis
der Wissenschaft (als 'Märchen' unserer Zeit).
Das nächtliche Ereignis vom 31.1. auf 1.2.1979
Am Abend des 31. Januars 1979 habe ich nach dem Zu-Bett-Gehen einen relativ guten Übergang in den Schlafzustand, obwohl die hypnagogische Phase etwas unruhig verläuft. Mehrmals erwache ich insofern wieder, als ich den im Bett liegenden Körper empfinde. Das Hinüberwechseln in den eigentlichen Schlafzustand gelingt schließlich und scheint ziemlich stetig zu verlaufen. Dabei kommt es kaum zu einem 'abaissement du niveau mental', zu einem Verlust der Kontinuität des Ich-Bewußtseins, d.h., es gelingt mir, die Bewußtheit beizubehalten. In der Folge kommt es zu einem Gespräch von gut einer halben Stunde, bei dem bildmässig kaum etwas geschieht. Zwar erinnere ich mich bestens an die einzelnen Gesprächsteile, doch mache ich nach dem 'Erwachen', also nach dem Hinüberwechseln in den im Bett liegenden Körper, den eminenten Fehler, nicht sofort aufzustehen und ein Protokoll zu schreiben. Dies deswegen, weil ich jetzt - sozusagen in Einheit mit meinem physischen Leib - schlicht zu müde bin.
Die Müdigkeit des Körpers ist jedoch nicht letztlich ausschlaggebend, vielmehr die Feststellung, daß der jetzige Zustand des physischen Leibes sehr geeignet dafür scheint, direkt in eine nächste kontinuierliche Bewußtseinsphase hinüberzuwechseln. Ich selbst fühle mich nämlich bestens, d.h. hellwach, während der Körper aufgrund seiner großen Ermattung nun problemlos wieder einschlafen wird bzw. dem Schlaf überlassen werden kann. Die Gelegenheit, in einen 'außerkörperlichen' Zustand hinüberzuwechseln, ist somit außerordentlich günstig. Nur darf ich den Moment nicht verpassen, die Aufmerksamkeit vom Körperzustand abzuziehen, die Identität mit ihm zu lösen und meine Vorstellungen nicht vorherrschend werden zu lassen. Es gelingt!
So geht die Gesprächsphase fließend über in eine Phase, deren Bildhaftigkeit mir nun eher wie ein Traum erscheint. Ein Traum ist es allerdings auch wieder nicht, denn schließlich bin ich vollumfänglich bewußt, eben wachbewußt und besonnen. Als 'luzider Traum' könnte das bezeichnet werden - oder eben als 'Außerkörperlichkeit'. Es spielt jedoch keine Rolle, wie das benannt wird, wichtig ist bloß, daß mir der Unterschied zwischen meinem jetzigen Zustand und dem des Alltags bekannt ist. Und das ist er!
Ich bin mir sogar darüber im Klaren, daß ich jederzeit wieder ins Bett und damit in den schlafenden Körper hinüberwechseln und dann in diesem erwachen könnte - um anschließend eine Ablösung von ihm durchzuführen. Aber was soll das bringen? Was muß ich mir damit beweisen? Wichtig ist doch nur die Besonnenheit, die Bewußtheit. Alles andere sind unwichtige Übergangs-Phänomene, deren Benennung und Ausgestaltung mal so und mal anders sein kann. Nein, die nachfolgenden Sequenzen sollen nicht einfach deswegen abgeblockt werden, weil ich nun der Meinung bin, der Wechsel auf eine andere Ebene müßte eine ganz bestimmte Abfolge haben und mit ganz bestimmten Erscheinungen und Empfindungen verbunden sein (wie eben beispielsweise einer Ablösung des Astralkörpers vom physischen Leib). Ich möchte einfach wissen, was weiter geschehen wird. Und zwar vom Jetztzustand aus, in den ich auf natürliche Weise und bei kontinuierlichem Bewußtsein fließend hineingeraten bin. Und nicht stur meinen Vorstellungen nachhängen und damit etwas unterbinden, das mir neu ist.
Ja, ich bin direkt neugierig darauf, in Erfahrung zu bringen, wohinein ich nun geraten werde. Wie mögen die Ereignisse ablaufen, wenn ich bewußt darauf verzichte, sie zu ändern! - Aufmerksam und gespannt trete ich in den in diesem Moment sichtbar werdenden Garten. Dieser ist ziemlich groß und gleicht eher einem Park, dessen Umfang ich nicht zu überblicken vermag. Der Gartenpark weist fremdartige Eigenheiten auf, die Stimmung ist ungewohnt und ganz 'anders'. Die Farben sind pastellen matt, ohne allerdings trüb zu sein. Der Boden völlig fremdartig in seiner Struktur, kaum mit Pflanzen bewachsen - und schon gar nicht mit solchen, die mir (als Biologe) bekannt sind. Es sind am ehesten noch eine Art von Flechten oder Moosen, die teilweise schleimigen Pilzen ähnlich sind. Gelbliche und rötliche Farbtöne herrschen vor. Die nähere Umgebung ist wie eine Waldlichtung.
Und auf dieser Lichtung tummeln sich zu meiner größten Überraschung eine Unzahl verschiedenartiger Wesen. Vor allem Faune sind es! - Ich fühle mich mitten in eine Szene der griechischen Mythologie versetzt und bin mir der totalen Andersartigkeit auch bewußt und bleibe besonnen. Die Bewußtheit ermöglicht mir den Versuch, die Nichtalltäglichkeit der ganzen Szenerie genauer zu erfassen. Vor allem aber erschrecke ich nicht und zeige keinerlei Angst - und habe auch keine! - Ha, da sitzen sie nun! Faune, wie ich sie bisher nur aus Büchern und von Abbildungen her kenne. Diese hier sind - im Gegensatz zu den Bildern - jedoch überaus lebendig und haben eine ungemein starke 'Ausstrahlung'. Damit tun sie ihrem Ruf alle Ehre, denn ein spürbarer Hauch von Sexualität und Schöpfungskraft umgibt sie. Es ist eine kraftvolle Geschlechtlichkeit, die fast schon gegen das Gewalttätige geht. Wehe dem, der sich den Faunen widersetzen würde, der als ungebetener Gast hier an diesem Orte eindringt!
Einige der Faune schauen aufmerksam zu mir hinüber. Sie scheinen ganz genau zu wissen, daß ich bewußtseinkontinuierlich bin. Dies weckt offensichtlich ihr Interesse. So, wie sie sich verhalten, muß es relativ ungewöhnlich sein, daß in diesem Bereich ein menschliches Wesen auftaucht, das besonnen ist. Die Faune blicken beinahe lauernd zu mir als dem seltenen Gast hin, so, als würden sie sich fragen:
«Was wird er jetzt tun? Er kennt sicher ein paar Geschichten über uns. Also!?»
Die Aufmerksamkeit und das Lauern machen sehr schnell einem Desinteresse Platz, wie die Faunwesen bemerken, daß ich keinerlei Angst habe und keine panikartige Reaktion oder gar Abwehr zeige, sondern sie und ihr Wesen offensichtlich akzeptiere. Doch wenn ich sie akzeptiere, dann akzeptieren sie auch mich. Also wenden sie sich wieder ihren diversen Beschäftigungen zu, dösen, spielen Flöte, laufen gemächlich herum oder machen sonstwas.
Ein Faun, der die anderen an Größe überragt, kommt auf mich zu. Nun kann ich mal ein solches Wesen ganz aus der Nähe betrachten. Phantastisch: die Hörner, das Gesicht, die tierhaften Beine und vor allem die Spaltfüsse. Die Behaarung macht jede Bekleidung überflüssig. Am eindrücklichsten aber ist die Kraft - vor allem auf sexueller Ebene. Sie ist fast schon zu riechen. Ihr könnte niemand entkommen - und wäre er noch so 'züchtig'. Da steckt eine urtümliche Macht und direkte Potenz dahinter - das 'Wesen der körperlichen Sexualität' und der Schöpfungskraft der Natur mit all ihren Möglichkeiten. Selbstverständlich erinnert mich dieser gewaltige Faun auch an all die verschiedenen Teufelsbilder - schließlich verfüge ich über ein 'Vertikalbewußtsein', das die Alltagsebene umschließt. Beim Anblick dieser Gestalt scheint es mir durchaus angebracht, daß der Faun als Ausdrucksmittel genommen wurde, um den Teufel bildhaft darzustellen. Er ist tatsächlich eine Wesenheit, welche die 'männliche Sexualität an sich' verkörpert und nur 'verteufelt' in die christliche Vorstellungswelt hineinzupassen scheint.
Der Faun begrüßt mich höflich, und auch ich tue dies selbstverständlich mit der gebotenen Zurückhaltung und Freundlichkeit. Der große 'Pan' findet es interessant, mal jemanden an diesem Ort zu sehen, der weiß, wo er ist. Jemanden, der nicht unbewußt reagiert, sondern eben besonnen bleibt und bewußt über all die möglichen Erinnerungen verfügt. Das ist für ihn verblüffend - und er lädt mich ein, einige Zeit bei ihnen in dieser Welt zu verbleiben, um das Treiben der Faune zu beobachten oder gar selber mitzumachen als Gleichberechtigter.
Ich fühle mich sehr geehrt, lehne jedoch ab, weil ich nicht stören möchte, zumal ich ja doch kein Faun bin und deswegen nicht ganz in die 'Sache' hineinpasse. Mir wäre es lieber, diese, mir etwas unheimliche Welt zu verlassen und auf eine andere Ebene hinüberzuwechseln, die mir angenehmer scheint. Der gehörnte Faun überläßt mir freundlicherweise die Entscheidung und hilft mir sogar, den Ort genau auszumachen, der die Kontaktstelle zu einer Welt darstellt, die ich besuchen möchte, denn sie interessiert mich jetzt gerade mehr als die Welt der (männlichen) Faune. Es ist das 'Reich der Frauen', das ich gerne gesehen hätte. Amüsanterweise spielt da ganz am Rande die Vorstellung eine Rolle, zwischen all den Faunen hätte ich als männliches Wesen so oder so nicht die geringste Chance. Im Reich der Frauen wäre ich, wenn auch als schwacher Vertreter meines Geschlechts, so doch der 'einzige Mann'. Im Reich der Faune hingegen eben bloß ein Mann unter wirklich extrem männlichen Wesenheiten. Diese Komponente darf jedoch nicht überschätzt werden, denn sie ist mir deutlich bewußt - und sie bringt mich fast zum Lachen! Ich fasse diese Überlegungen auch mehr als (sozusagen freudianische) Interpretationsmöglichkeit meiner Ablehnung und meiner Bemühungen auf. Irgendwo besteht bei mir ein kleiner Rest derartiger 'Konkurrenz-Vorstellungen'. Dieser Rest ist nicht das Ganze, sondern gerade noch so, daß er als Witzmöglichkeit in Betracht kommen könnte. Dazu müßte er allerdings um noch ein Spur geringer sein. Dann aber würde es zu einem wahrlich spaßigen Dialog mit dem Faun kommen. Wäre hingegen dieser Rest um etwas größer bzw. gar unbewußt, dann könnte ich meine Besonnenheit bzw. Bewußtheit keineswegs halten. Dann wäre ich im wahrsten Sinne des Wortes den Faunen ausgeliefert!
Der große Faun versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen und meint, ich sollte es auf später verschieben. Doch lasse ich mich nicht mehr umstimmen und gehe ohne weitere Verzögerung in die von ihm angedeutete Richtung und damit zur Steinplatte, die den Einstieg zur anderen Welt verschließt. (Anm.11) Dem Aussehen nach ist dieser Durchgang in den letzten paar hundert Jahren oder noch längerer Zeit von niemandem mehr benutzt worden. Es macht mir deswegen Mühe, ihn ausfindig zu machen und freizulegen. Dazu braucht es eine gehörige Portion Intuition und sogar den Einsatz 'magischer Kräfte'. Schließlich ist die Steinplatte beiseitegerückt und der Eingang freigelegt.
Ich verabschiede mich vom 'Großen Faun' und drechsle mich regelrecht in das Loch hinein. Irgendwie muß ich mich um die eigene Achse drehend in den Tunnel 'hineinbohren', um eine unsichtbare 'Barriere' durchstoßen zu können. Das geht relativ schnell. Dann lasse ich mich senkrecht mit über dem Kopf ausgestreckten Armen in den schmalen Schacht hineinfallen. - Die 'Röhre' führt schnurgerade in die Tiefe und ist derart eng, daß ich mich unter keinen Umständen heftig bewegen oder gar die Arme nach unten nehmen darf, denn meine Schultern wären zu breit.
Nur das Eine kann ich tun: Mich völlig entspannen und einfach fallen lassen. Das ist ungemein schwierig, zumal natürlich die Fallgeschwindigkeit rasend schnell zunimmt und mir der Wind brausend um die Ohren pfeift.
«Uff, da bin ich in einer vertrackt merkwürdigen Situation», denke ich (nach wie vor bewußtseinskontinuierlich). «Mein physischer Körper liegt nun gemütlich im Bett und 'ich' falle. Was denken sich eigentlich all jene Leute, die dieses Erleben beispielsweise als Depersonalisation bezeichnen? Was würden sie denn sagen, wenn sie in demselben Zustand sich befänden? Sie könnten sich dann - falls sie auch gerade hier wären - ohne weiteres mit mir unterhalten! Was soll's? Wenn sie es eines Tages selber erfahren haben, werden sie die Sache schon etwas anders betrachten.»
Ich falle und falle mit einer recht hohen Geschwindigkeit. Da ich nichts anderes zu tun habe, als möglichst bewegungslos zu fallen, mache ich mir einige weitere Gedanken:
«Komisch, dieses Loch, diese Röhre. Das erinnert wieder mal an den 'Tunneleffekt' - aber der Tunnel hier ist verdammt lang und zudem auch sehr eng. Und ich falle ja hinab - hinab! Da würde man wieder sagen: in die Hölle! Aber was soll's? Und wenn es die Hölle wäre, ich muß das Risiko eingehen. Ohne Risiko keine Erkenntnis. Zudem bin ich bewußtseinkontinuierlich - was mir gerade in der Hölle sehr zu Gute kommen könnte. Und überhaupt, wer kann denn behaupten, daß 'Unten = Hölle'? Tja, das 'Reich der Frauen' wäre wohl für manchen Inquisitor tatsächlich das Höllenreich.»
Angst habe ich keine, bloß ein etwas mulmiges Gefühl. Und weiter denke ich:
«Eigentlich könnte ich auch im physischen Körper aufwachen und wäre dann wieder hübsch im Bett 'zu Hause'. Immerhin könnte diese Reise meine letzte sein. Wahrlich eine 'Reise ins Ungewisse!» - Aber ich mache weiter.
«Muß mich bloß vollständig entspannen. Es ist, als wäre dies eine Körperablösung mit Tunneleffekt - aber eben mit dem Haken, daß der Tunnel zu lang ist. Ich glaube kaum, daß es sich um eine Körperablösung aus dem materiellen Körper handelt, etwa durch das Fontanellenloch. Eher handelt es sich um ein 'Wormhole' (Anm.12), um eine Verbindung zu einer anderen Welt. - Welche? Und wie ist es mit dem Rückweg?»
In der Zwischenzeit ist die Dunkelheit der Röhre fast absolut geworden. Verwunderlich ist allerdings, daß derart lange Licht von oben den Schacht etwas erhellt hat. Ein Blick nach unten zeigt absolute Schwärze und kein Ende des Tunnels.
«Das müssen ja Kilometer über Kilometer sein!»
Ich drohe, die Bewußtseins-Kontinuität und damit die Besonnenheit zu verlieren und muß jetzt unbedingt darauf achten, dies zu vermeiden. Glücklicherweise erinnere ich mich sofort an das 'Händeanschauen' des Don Juan, wie es von Castaneda beschrieben wurde. Und da meine Hände so oder so über den Kopf gehalten werden müssen, will ich sie gleich anschauen. Ich merke sofort die 'Wohltat' dieser Handlung. Die Bewußtheit stabilisiert sich umgehend - und ich muß nicht einmal ab und zu wegsehen, wie ich befürchtet habe. Hat aber Don Juan nicht gesagt, man dürfe die Hände nicht stur anschauen! Nun denn - jetzt zeigt es sich mal wieder: Ausnahmen bestätigen die Regel. Regel? Vielleicht nicht, was das fixierte Betrachten anlangt, aber immerhin - das Händeanschauen stabilisiert effektiv die Bewußtheit. Und daß es funktioniert, konnte ich soeben mit etlichem Erstaunen feststellen. Etwas ist also dran an dieser Stabilisierungstechnik!
Noch etwas anderes stelle ich mit Verwunderung fest: Obwohl es mittlerweile stockdunkel geworden ist, sehe ich die Hände nach wie vor ganz deutlich, so als würden sie von innen heraus leuchten. Ganz erstaunlich!
Nach einigen Minuten läßt sich die Bewußtheit ausgezeichnet stabilisieren. Ich wundere mich dann erneut, weshalb dieser Fall derart lange dauert. Das hat es (bei mir) noch niemals gegeben. Jetzt brauche ich bloß noch an Frau Holle zu denken und an den Fall im Brunnen, dann habe ich so ziemlich alle Assoziationen, die mir so auf die Schnelle zur Verfügung stehen. Selbstverständlich denke ich auch daran. Ein bißchen kann ich in meiner jetzigen Situation den beiden Mädchen nachfühlen. Ob sie auch so gefallen sind? Vermutlich war es bei ihnen nicht so eng. Verrückt eigentlich, diese Sache durchzustehen. Aber es gilt, gelassen und besonnen zu bleiben - und eben bewußtseinskontinuierlich!
An Frau Holle erinnere ich mich eigentlich erst exakt in dem Moment, als ich in die andere Welt hineinpurzle!
Prompt falle ich wie aus einem sich abrupt öffnenden Loch in das 'Reich der Frauen' hinein, in eine andere Welt, wie ich sogleich merke. Ich komme aus einen schwarzen Loch 'mitten im Himmel', das etwa eineinhalb Meter über dem Boden liegt - jedenfalls müssen es die vielen Menschen, resp. ganz menschenähnlichen Wesen, so gesehen haben. Und tatsächlich sind es vor allem Frauen und Kinder.
Ich kollere auf die 'Wiese' und rapple mich gleich wieder hoch. Mindestens ein Dutzend Menschen haben mich in ihre Welt hineinfallen sehen und laufen nun laut rufend auf mich zu:
«Ein Außerirdischer!» (Jedenfalls 'höre' ich es so und kann es auch nur so 'übersetzen'.) Sie zeigen keinerlei Furcht und scheinen schon ab und zu - obwohl sehr selten - so etwas gesehen zu haben - zumindest aber zu wissen, daß solche Dinge geschehen können.
Ich bin weiterhin bewußtseinskontinuierlich und kann deswegen ziemlich genau hinschauen und auch die Stimmungen in mich aufnehmen. Dies ist eine wahrhaft fremde Welt, mir unbekannt und irgendwie 'anders'. Ich rede ziemlich viel mit den 'Eingeborenen', die wissen möchten, woher ich komme, und sich vor allem dafür interessieren, wieso ich bewußt bin und um meinen Zustand weiß.
Dank der intakt gebliebenen Bewußtheit bin ich in der Lage, äußerst bedachtsam zu reagieren, und mache deswegen keine schwerwiegenden Fehler, so daß es zu keinen feindseligen Handlungen kommt. Männliche Wesen sehe ich kaum welche, doch muß es Männer haben. (Eventuelle sexuelle Tendenzen spielen übrigens bei mir keine Rolle mehr - im gegenteiligen Falle hätte das für mich sehr fatale Folgen haben können.)
Bald einmal spüre ich deutlich, daß es Zeit ist für die Rückkehr, denn der Aufenthalt in der Röhre bzw. im Schacht hat lange gedauert. Und so verabschiede ich mich und mache mich wieder auf die Heimreise. Der Weg zurück führt möglicherweise durch dieselbe Röhre 'nach oben' (das läßt sich allerdings nicht mehr genau feststellen). Nach einiger Zeit gleite ich fließend in den Wachzustand des materiellen Körpers hinüber und staune nicht schlecht ob des Erfahrenen. Wieder zurück in meinem Körper kann ich nur meinen Kopf schütteln und mich doch sehr wundern. Der Übergang bzw. die Rückkehr ist ohne Blackout, d.h. ohne Bewußtseinminderung oder gar -verlust, geschehen. Die einzelnen Phasen vermochte ich allerdings nicht zu 'registrieren', weil ich nicht auf sie geachtet habe - zu sehr war ich mit 'Staunen' beschäftigt.
Abschließende Bemerkungen
Dennoch habe
ich einen sehr wesentlichen Fehler gemacht! Nach dem Geschehen bin ich nämlich
nicht sofort aufgestanden, um Notizen zu machen. Solche wären aber
unbedingt notwendig gewesen, um die diversen Gespräche wortgetreu
wiederzugeben, an die ich mich jetzt - nach den paar Stunden, die inzwischen
vergangen sind - nicht mehr erinnern kann! Die Memorierung von Gesprächen
scheint (für mich) eine schwierige Sache zu sein und bedarf deswegen
exakter Notizen. Die Szenerien hingegen sind mir gut im Gedächtnis haften
geblieben. Ob sie eher 'rechtshirnig' abgespeichert wurden? Für ein
'linkshirniges' (und damit sprachliches) Erinnerungsvermögen scheine ich
hingegen eine zu geringe Schulung und vor allem kein Talent zu haben.
Die 'Mühsal', die mir das Aufstehen zwecks Niederschreibung von Notizen
bereitet (nicht nur bei diesem Erlebnis), stellt eine Barriere dar, die überwunden
werden sollte. Es ist dies eine recht gemeine Barriere, und nie hätte ich
gedacht, daß das Protokollschreiben als solches sich bereits zum
Hindernis auswachsen könnte. Vielleicht werde ich später einmal mein
Gedächtnis so weit geschult haben, daß auch Gespräche, d.h.
akustische Eindrücke, besser memoriert werden können. An optische
hingegen erinnere ich mich meistens sehr gut. Einer meiner Bekannten, der sehr
schlecht sieht, hat dafür ein exzellentes Gedächtnis für
akustische Ereignisse aller Art - für Gespräche, Geräusche und
Melodien. Sein optisches Gedächtnis hingegen ist miserabel.
Nun habe ich mich nach dem Erwachen im Bett sogar an die Gespräche des
vorangegangenen 'Traumes' erinnern können! Deswegen umso ärgerlicher,
daß keine diesbezüglichen Notizen existieren. Wenigstens kann ich
mich immer noch einigermaßen an meine eigenen Gedankenfolgen erinnern,
obwohl sie natürlich nicht 'in Worten' abgelaufen sind, sondern sich eher
auf einer 'metasprachlichen' Ebene bewegt haben, die aber sehr leicht ins
Sprachliche umgesetzt werden kann. Normalerweise denke ich ja im Alltag auch
meistens nicht 'in Worten', zumal es sich beim 'Denken' zu einen Großteil
um Wahrnehmung handelt.
Nachtrag
Für mich war und ist das eben
erzählte Erlebnis mythisch und märchenhaft - und sehr beeindruckend.
Mehr als 10 Jahre sind es jetzt her, und immer noch hat die Erfahrung auf mich
dieselbe verzaubernde und beunruhigende Wirkung. Als Märchen würde ich
sie nicht unbedingt bezeichnen wollen, denn sie ist weder 'mündlich überliefert',
in sich 'abgeschlossen' noch 'abstrakt' - und als Kindermärchen schon gar
nicht. Zu fragen ist allerdings, wie ich die Sache ohne Märchen- und
andere Kenntnisse hätte überstehen sollen? Und woher wußten
die Leute der anderen Welt, daß es 'Löcher im Himmel' gibt? Fragen über
Fragen! Wegen der Bewußtheit dürfte es für jene, die mit
Deutungs- und Erklärungsmöglichkeiten wohlversehen sind, nicht
leicht sein, die Sache in den Griff zu bekommen. Pech für sie!
Anmerkungen
Anm 1: Max Lüthi 1975:8.
Anm.1 Ende - zurück zum Text
Anm 2: J.R.R. Tolkien 1982:25.
Anm.2 Ende - zurück zum Text
Anm 3: Aus der schottischen Ballade von Thomas the Rhymer, aus der
J.R.R. Tolkien (1982:15) in seinem Essay On Fairy-Stories
drei Verse zitiert. Original:
«And see ye not yon bonny road
That winds about yon fernie brae?
That is the road to fair Elfland,
Where thou and I this night maun gae.»
Das Adjektiv 'bonny' bedeutet
auch 'hübsch, schön, nett', ist jedoch manchmal ironisch gemeint, was
in diesem Falle wahrlich zutrifft, denn das Elbenland und der Weg dahin ist
keineswegs nur 'schön und fein' und äußerst zerbrechlich,
weshalb ich mich - im Gegensatz zum Übersetzer des Essays, Wolfgang Krege,
'weigere', 'fair' einfach nur mit 'schön' zu übersetzen. In
Langenscheidts Enzyklopädisches Wörterbuch Englisch-Deutsch Band
1 (5.Aufl. 1978:498) ist eine der angegebenen Wortbedeutungen von 'fair'
auch 'gefällig'.
Ich betrachte das - wie das 'nett', das 'schön'
oder das 'sauber' - zwar, was das Elbenland und überhaupt die Anderwelt
betrifft, als zutreffend und passend (eben 'fair'), aber ich muß doch
sagen, daß Schönheit und vor allem Klarheit unter Umständen
ungemein brutal und schrecklich sein können. «To fair Elfland» - «ins
wundersame Elbenland» - hinaus und hinein in eine größtenteils
unbekannte und überraschende Anderwelt!
Anm.3 Ende - zurück zum Text
Anm 4: Rudolf Steiner (1913) 1988:14.
Anm.4 Ende - zurück zum Text
Anm 5: J.R.R. Tolkien 1982:22.
Anm.5 Ende - zurück zum Text
Anm 6: J.R.R. Tolkien 1982:69. Aus: «The Black
Bull of Noroway».
Anm.6 Ende - zurück zum Text
Anm 7: Albert Hofmann 1979:222.
Anm.7 Ende - zurück zum Text
Anm 8: J.R.R. Tolkien 1982:58.
Anm.8 Ende - zurück zum Text
Anm 9: Marie-Louise Tenèze 1975:175.
Anm.9 Ende - zurück zum Text
Anm 10: Marie-Louise von Franz 1970:13f.
Anm.10 Ende - zurück zum Text
Anm 11: Michael J. Roads ist sozusagen «bei den
Faunen geblieben» (oder die bei ihm) und hat über seine Begegnungen
ein wunderbares Buch geschrieben.
Anm.11 Ende - zurück zum Text
Anm 12: «Wormhole» ist ein Ausdruck aus der Physik und hängt
mit der Theorie der Paralleluniversen zusammen.
Anm.12 Ende - zurück zum Text
Literaturverzeichnis
Hofmann, Albert. LSD - Mein Sorgenkind. Stuttgart: Klett-Cotta,
1979.
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Lüthi, Max. Das Volksmärchen als Dichtung. Düsseldorf:
Diederichs, 1975.
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Roads, Michael J. Im Reich des Pan. Interlaken: Ansata (1990)
o.J.
zurück zur Anmerkung 11
Steiner, Rudolf. «Märchendichtungen im Lichte der
Geistesforschung», Vortrag vom 6.2.1913 in Berlin. In: Märchendichtungen
im Lichte der Geistesforschung / Märchendeutungen. Dornach: Rudolf
Steiner Verlag, 1988.
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Tenèze, Marie-Louise. «Agnostische Theorie» in: Enzyklopädie
des Märchens Bd. 1. Berlin: Walter de Gruyter 1975.
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Tolkien, J.R.R. Baum und Blatt. Berlin: Klett-Cotta im Ullstein
TB Nr.39039, (1938, 1947) 1982.
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zurück zur Anmerkung 8
von Franz, Marie-Louise. Interpretation of Fairy Tales. New
York: Spring Publications. 1970.
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