Die Geste des Akzeptierens
Werner Zurfluh
Erstmals veröffentlicht in: Die Märchenzeitschrift Nr. 2 1993 - 2. erw. Aufl. 1996 im HTML-Format
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  • die Gestik der Hände - Hellschlaf, luzider Traum und Außerkörperlichkeit
  • die Leugnung der persönlichen Erfahrung und der wertenden Einschätzung; der Einfluß des Subjekts
  • ohne eigene Erfahrung ist eine Beurteilung schwierig - aber auch mit ihr
  • das Betrachten der Hände: die Erfahrung vom 2. Januar 1985
  • der Sturz in den Himmel

Die Hand als Ausdruck der Innerlichkeit
Das Innere des Menschen äußert sich nirgends spontaner und direkter als in der Gestik der Hände. Die Hand ist der sichtbare Ausdruck der "seelisch-geistigen" Einstellung, der Beziehungsfähigkeit und der Wertschätzung - und sie widerspiegelt "den Fluß oder die Richtung unseres Bewußtseins" (Anm.1) Besonders die inneren Handflächen werden seit jeher als wichtige Zentren der psychischen Energie aufgefaßt, "in denen diese Energie für gewöhnlich gesammelt und transformiert wird" (Anm.2) - und zwar entsprechend der inneren Einstellung und dem Bewußtseinsniveau der seelisch-geistigen Aktivitäten. Alles, was der Mensch mit seinen Händen tut, wirkt sich auf seine Umgebung aus - und es wirkt direkt und indirekt wieder auf ihn als den Urheber zurück. Deshalb ist es wichtig, sich der inneren Voraussetzungen, die mittels der Hände nach äußerer Verwirklichung drängen, bewußt zu werden. Denn nur durch die sorgfältige Beobachtung des eigenen Tuns werden vergangene und gegenwärtige Taten und persönliche Vorlieben erkannt und Handlungsmöglichkeiten sichtbar gemacht. Niemand wird nämlich "frei durch Verneinung und Aversion, sondern durch Wissen, durch Verständnis und durch Akzeptierung der Dinge und Lebensbedingungen, wie sie ihrem Wesen entsprechend vorgegeben sind". (Anm.3)

Zu den vorgegebenen, besonders deutlich in den (Zauber-) Märchen zum Ausdruck kommenden Lebensbedingungen gehört auch der Hellschlaf und die damit verbundenen Erlebnisformen wie Klartraum (luzider Traum) und Außerkörperlichkeit (OOBE)). Zwar mag es heutzutage schon etwas schwer fallen, den nächtlichen Erfahrungsbereich vor allen Erklärungs-, Beweis-, Interpretations- und Spekulationsversuchen zunächst einfach mal als persönlich erlebbar zu akzeptieren. Denn der Einfluß des materialistisch-positivistischen Weltbildes wiegt nach wie vor und zumeist unbemerkt schwer. Wir sind von Kindheit an in Denkkategorien eingebettet, die den nächtlichen Erfahrungsbereich maßgeblich mitprägen und meist total verunstalten. Bis daß die Quellen der Nacht eines Tages nur noch als flüchtige Traumfetzen faßbar sind und - weil für das Verhalten tagsüber im alltäglichen Bereich scheinbar völlig unbedeutend - nebulös und unbewußt bleibt. Anstelle der direkten, bewußten und verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit den Ereignissen, die während des Schlafzustandes des physischen Körpers geschehen, tritt dann die schulkonforme Interpretation von Träumen, die zensuriert und kompensatorisch anmuten.

Wegen des Verlustes der Kontinuität des Ich-Bewußtseins beim Einschlafen und der Unbewußtheit des Traum-Ichs, steht die schlichte und demutsvolle Akzeptierung nächtlicher Erlebniswelten außer Frage. Eine bewußte Wahrnehmung anderweltlicher, seelisch-geistiger Wirklichkeiten ist ausgeschlossen und findet auch tagsüber nicht oder nur in sehr beschränktem Umfange statt.

Die Unmöglichkeit einer Leugnung
Um eine Sache neutral und objektiv vertreten zu können, verlangt unser System nichts weniger als die Leugnung der persönlichen (subjektiven) Erfahrung und der wertenden (qualitativen) Einschätzung. Diese Forderung läßt sich jedoch nicht erfüllen, weil der Mensch als handelndes Subjekt niemals aus einem System eliminiert werden kann, in dem er sich befindet und das er gleichzeitig untersucht. Ein totaler Ausschluß ist somit aus prinzipiellen Gründen nicht zu bewerkstelligen. Der Mensch verbleibt als beschreibendes, erkennendes, theoriebildendes und interpretierendes Wesen stets innerhalb eines Beobachtungssystems - und zwar in andauernder Wechselwirkung mit diesem. Auf diese Weise "entsteht" ein übergeordnetes System, in dem sich alle Teile zu jeder Zeit gegenseitig beeinflussen. Wer diesen Gedanken weiterspinnt, erhält schließlich ein komplexes und unzerreißbares Netz gegenseitiger Beziehungen.

Zwar ist in den Naturwissenschaften wie beispielsweise der Astrophysik oder der Molekulargenetik der Einfluß des Subjekts auf den zu untersuchenden Gegenstand nicht auf den ersten Blick erkennbar. Zumal das persönliche Erleben (auch in allen anderen Sachgebieten) - während der Ausbildung und später am Arbeitsplatz - schnell einmal von der Materialfülle überdeckt wird. Bildlich gesprochen ist es so, daß die Hände vorwiegend die von außen kommenden Dinge aufzugreifen haben, worauf dann das Äußere begreifend verinnerlicht wird. Erst eine erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Betrachtungsweise bringt später die Subjektanteile zum Vorschein, also das, was die Hände - dem inneren Impulse nach - dem Äußeren begreifend und damit Spuren hinterlassend aufgeprägt haben.

Im Gegensatz etwa zur Quantenmechanik, deren Vertreter sich intensivst mit dem Einfluß des Subjekts auf Messanordnung, Beobachtung und Theoriebildung auseinanderzusetzen haben (Anm.4), kümmert sich die moderne Gesellschaft kaum um derartige Belange. Die Bandbreite des eigenen Tun und Handelns wird zwar im Hinblick auf die Umweltproblematik erahnt und manchmal sogar erkannt, nicht jedoch im Zusammenhang mit dem nächtlichen Erleben. - Daß gerade die eigenen Erfahrungen und die theoretischen Auffassungen für das Verständnis der nächtlichen Erlebnisse und der Märchen von allem Anfang an eine ausschlaggebende Rolle spielen, wird kaum jemals bemerkt und hinterfragt. Dies vor allem deswegen, weil kein überliefertes Wissen schamanischer und märchenhafter Erlebnisformen existiert. Kenntnisse diesbezüglicher Art beschränken sich zumeist auf psychologische Theorien, die dann gewohnheitsmäßig dem persönlichen (Hellschlaf-) Erleben übergeordnet werden. Wir leben nämlich in einer ausschließlich lehrhaften Kultur ohne Beziehung zum Initiatischen (Anm.5) und haben damit den Anschluß an die Quellen des persönlichen Erfahrungswissens verloren. Für die Theoriebildung verlassen wir uns auf Gelerntes und ordnen deswegen persönlichen Erfahrungen, die von der Theorie abweichen, keine maßgebliche Rolle zu.

Nun hatte ich das Glück, schon vor jeder Lektüre z.B. von Sigmund Freud und C.G. Jung etliche "außerkörperliche Erfahrungen" erlebt zu haben. Deswegen erschienen mir die Ausführungen Freuds bezüglich der Träume etwas beschränkt, denn sie vermochten die Bandbreite meines persönlichen Erlebens keineswegs abzudecken. Doch sogar Freud - was kaum bekannt sein dürfte - hatte später die Tatsache anerkannt, daß es durchaus möglich sei, ohne Traumentstellung zu träumen! (Anm.6) - Und C.G. Jung scheint das "dormiens vigila" (den Wach- bzw. Hellschlaf) der Alchemisten irgendwie übersehen zu haben, weshalb ihm die "Fähigkeit zur Kontrolle der Träume" fremd gewesen ist. (Anm.7)

Jene, die weder den außerkörperlichen Zustand noch die Luzidität im "Traum" aus eigener Anschauung kennen, werden von Berichten, die davon zu erzählen wissen, befremdet sein. Und Märchen, in denen der Hellschlaf angesprochen wird, müssen unter diesen Voraussetzungen skeptisch und sogar ablehnend beurteilt werden. Wenn es hingegen - trotz allem und völlig unerwartet - einmal vorkommen sollte, daß das Erwachen während eines Traumes stattfindet, wird sofort ein "eigentliches" Erwachen im physischen Körper erzwungen. Wenn nämlich derartige Erlebnisformen im Weltbild eines Menschen weder als Erfahrungsmöglichkeit noch als "Glaubenssatz" enthalten sind, besteht nicht die geringste Chance für die zeitliche Ausdehnung solcher Zustände oder gar die Wiederholung derartiger Erfahrungen.

Wer dagegen - vielleicht schon als Kind - einmal ganz eindrücklich luzid "geträumt" oder sogar bei klarem Bewußtsein einen "Austritt mit dem Zweitkörper aus dem physischen Leib" erlebt hat, wird es sich in Anbetracht der herrschenden Meinung mehrmals zu überlegen haben, ob und wem er von seinem Erleben berichtet. Wenn nämlich die in Frage stehende Erfahrungsdimension im Weltbild des Zuhörers, dem man sich mitteilt, nicht enthalten ist, läuft man Gefahr, sofort als Spinner oder als infantil, psychotisch und schizophren bezeichnet zu werden. Dieses Risiko scheuen viele, weshalb sie manchmal so tun, als wäre überhaupt nichts geschehen. Die Reaktion des "Nicht-dergleichen-Tuns" bedeutet praktisch die Verdrängung einer existentiell bedeutenden Erfahrung und erfordert einen hohen Energieeinsatz. Unter diesen Voraussetzungen scheint es oft ratsamer und vor allem bequemer, Zuflucht im Vergessen zu suchen oder das besondere Erlebnis in eine mehr oder weniger anonyme Fallsammlung einzubringen und auf diese Weise "abzulegen". Unter Umständen kommt es sogar zur Ausbildung sektenartiger Gruppierungen oder zur Gründung neuer "Religionsformen", in denen sich Gleichgesinnte finden und gegenseitig bestätigen können. Andere verstecken sich aus Gründen der Regelkonformität und mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit mit Vorliebe hinter Materialsammlungen und statistischen Untersuchungen. Gegner haben dann ein um so leichteres Spiel, denn die Häufigkeit einer bestimmten subjektiven Erfahrung sagt nichts über ihre Tatsächlichkeit aus - im Gegenteil. Wem derartige Erlebnisformen nicht behagen, sagt einfach, es handle sich dabei - wie das gesammelte Material eben zeige - um eine kollektive Psychose. Und dem ebenfalls geäußerten Einwand, bei Außerkörperlichkeit und Hellschlaf handle es sich nur um den Versuch, die Angst vor dem Tode "wegzuhalluzinieren", ist kaum mit dem Argument der persönlichen Erfahrungsgewißheit beizukommen. Jene Materialsammlungen, die eventuell zur Abklärung strittiger Punkte beigezogen werden könnten, beinhalten sozusagen ausschließlich Berichte von Personen, welche die Außerkörperlichkeit entweder sehr selten oder sogar nur ein einziges Mal erlebt haben. Werden also derartige Erfahrungen miteinander verglichen, ergeben sich zwar bestimmte "Gesetzmäßigkeiten", doch sind gerade diese nur wenig aussagekräftig. Wer kommt beispielsweise schon auf die Idee, die bei vielen Menschen festgestellten Charakteristiken beim Erklettern eines kleinen Felsens am Wegesrand in ihrer Gesamtheit auf die Schwierigkeitsgrade einer hochalpinen Gebirgstour übertragen zu wollen?

Wer sich mit der Außerkörperlichkeit, dem Hellschlaf und mit Märchen beschäftigt, darf sich dem eigenen Erleben unter keinen Umständen entziehen, auch wenn er meint, dafür nicht besonders geeignet zu sein. Der Einbezug der persönlichen Erfahrungsmöglichkeiten ist gleichbedeutend mit einem Paradigmenwechsel und damit einer Veränderung des Weltbildes. Wer dies tut, steht wieder am Anfang und kann vielleicht nur durch das Erzählen und kritische Bedenken der eigenen Erfahrungen gewisse praktische und erkenntnistheoretische Aspekte zur Darstellung bringen. Man kommt nicht darum herum, bescheiden anzufangen, vorsichtig einen neuen Konsens zu finden und Begriffe wie "Intersubjektivität" und "Objektivität" neu und anders zu fassen. Spekulationen sollten dabei nur zurückhaltend zur Anwendung kommen, denn sie drängen sich einem zu oft auf, erleichtern aber das weitere Vorgehen keineswegs. Für mich ist der Weg - trotz einer Vielzahl eigener außerkörperlicher Erfahrungen - noch weit, beschwerlich und voller Überraschungen. Dies kommt deutlich in der folgenden Erfahrung zum Ausdruck:

Das Betrachten der Hände
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In der Nacht auf den 2. Januar 1985 gelingt es mir, mich mit dem "Zweitkörper" vom im Bett liegenden Körper abzulösen. Dabei rolle ich mich seitlich ab und stehe auf. Ich bin mir dabei der Tatsache bewußt, "auszusteigen" und auf diese Weise in den außerkörperlichen Zustand hinüberzuwechseln. Alles geschieht wie gewohnt, und die emotionalen, kognitiven und motivationalen Funktionen scheinen mir normal. In keinem Augenblick kommt es auch nur zum geringsten Unterbruch des kontinuierlichen Bewußtseins. Schon zu Beginn der Ablösung habe ich meinen physisch-materiellen Leib nur noch wie aus weiter Entfernung empfunden und spüre ihn jetzt überhaupt nicht mehr, weiß aber um seine Anwesenheit. Als ich nach dem Aufstehen schließlich auf ihn hinunterblicke, kommt er mir wegen der Dunkelheit wie ein Schemen vor, das gemütlich im Bett liegt und schlummert. Ich habe also die Empfindung, den einen Körper, nämlich den materiellen, mit einem anderen, dem "astralen", zumindest vorübergehend verlassen zu haben. Das Ereignis als solches überrascht mich nicht, es ist beinahe selbstverständlich (wegen der vielen derartigen Erlebnisse) und doch irgendwie aufregend.

Wegen der Dunkelheit ist an eine exakte Bestimmung des momentanen Aufenthaltsortes nicht zu denken. Deshalb konzentriere ich mich auf die Wohnungseinrichtung. Zu meinem Erstaunen entspricht sie nicht der gewohnten. Zuerst vermute ich, daß es sich um eine Spiegelverkehrung handle. Aber dem ist nicht so. Offenbar habe ich es sogar mit einer Ortsveränderung zu tun. Ich befinde mich nämlich nicht zu Hause "beim Lindenbaum". - Dennoch ist mir alles vertraut, und ich fühle mich geborgen. Neben meinem im Bett liegenden physischen Körper liegt zudem meine Frau und schläft - auch dies eine Feststellung, die beruhigend wirkt.

Schließlich - und nach Berücksichtigung verschiedener, vor allem im weiteren Verlauf des Geschehens möglich werdender Beobachtungen - glaube ich annehmen zu dürfen, daß ich mich in unserer vormaligen Wohnung befinde. Dies ist mir zunächst unerklärlich. Der immer wieder mit vielen Überraschungen aufwartende Übergang in den außerkörperlichen Zustand wird damit um einen weiteren Sachverhalt kompliziert.

Ich beschließe, die Angelegenheit nicht weiter zu hinterfragen, weil ich befürchte, die ideoplastische Auswirkung der eigenen Komplexe und Grundannahmen könnte die Sache schnell unüberschaubar werden lassen. Speziell ein Beharren auf den eigenen Vorstellungen führt nach meinen bisherigen Erfahrungen nämlich unweigerlich zu einem Verlust der Kontinuität des Ich-Bewußtseins. Dennoch will ich der Sache mit der gebotenen Vorsicht auf den Grund gehen. - So fällt mir im Verlaufe der weiteren Beobachtungen auf, daß die Lage des Doppelbettes in bezug auf das Fenster nicht genau derjenigen in der alten Wohnung entspricht. Das Bett ist nämlich parallel so zur Wand gestellt, wie damals im Alltag vor etwa 22 Jahren das Einzelbett im Mansardenzimmer oberhalb der elterlichen Wohnung. Der Überlagerungs- und Vermischungseffekt wird außerdem durch optische und gefühlsmäßige Eindrücke der Wohnungsumgebung meiner verstorbenen Großmutter in Arosa bereichert. Alles zusammen vermengt sich zu einem stark fluktuierenden Ganzen. An eine Auflösung und Differenzierung der einander überlagernden Erinnerungsspuren ist unter den gegebenen Sichtverhältnissen nicht zu denken.

Als erstes möchte ich das Problem des durch die Dunkelheit eingeschränkten Sehens lösen, denn ich erkenne bloß die schattenhaften Umrisse von Möbeln, Fenstern, Wänden und Türen. Deshalb gehe ich vom Bett hinüber zur Wand. Auf der rechten Seite werden durch den Wechsel des Standortes Fensterkreuze und Oberlichter sichtbar. Demzufolge kann ich unter keinen Umständen an dem Ort sein, wo ich gleich nach dem Austritt eigentlich hätte sein sollen. Aber meinen momentanen Aufenthaltsort kann ich immer noch nicht endgültig bestimmen. Im Gegenteil, der Anblick der Fensterkreuze und Oberlichter ist Ausgangspunkt für eine neue Vermutung. Möglicherweise handelt es sich bei diesem Zimmer um dasjenige, welches ich zu meiner Primarschulzeit - noch in der elterlichen Wohnung als solche - mit meinem Bruder zusammen bewohnt habe.

Mit den Händen beginne ich nun die Wand zu betasten, um die Oberflächenbeschaffenheit der Tapete zu erkunden und gleichzeitig irgendwie einen "körperlichen" Halt zu bekommen, denn die Überlagerung der verschiedenen Wohnorte wirkt sich eher destabilisierend aus. Dabei bemerke ich, daß sich die Konturen meiner Hände auf dem hellen Untergrund schwach abzeichnen. Um den Kontrast zu erhöhen, lege ich die Hände mit dem Handrücken zur Wand auf die Tapete und denke: "Vielleicht wird es mir durch das Betrachten der Hände gelingen, meine Sehweise zu verändern." - Ich weiß aus Erfahrung, daß sich in meinem Zustand die Sehweise ändern und wesentlich verbessern kann, und vermute, daß dies in meiner momentanen Lage durch das Betrachten der Hände möglich werden könnte. Ich erinnere mich natürlich an Carlos Castaneda, doch hat er meines Wissens an keiner Stelle davon erzählt, daß Don Juan von dieser Einsatzmöglichkeit der Technik des "Händeanschauens" gesprochen hat.

Meine Finger heben sich als schwarze, längliche Gebilde deutlich vom helleren Hintergrund ab. Ich betrachte sie ganz genau. In der Form erinnern mich die beiden Hände an steinzeitliche Handabdrücke, welche die Konturen von auf den Fels aufgelegten Händen zeigen! - "Also bin ich - auf eine andere und dennoch irgendwie vergleichbare Art - wiederum in einer Situation, in der die Geschichte des einzelnen Menschen beginnt." Bei diesem Gedanken verspüre ich ein bißchen Wehmut. Falls diese Parallele zutreffen sollte, wird noch manches in bezug auf die Erschließung des nächtlichen Erfahrungsbereiches vor mir liegen. Und dennoch bedeutet für mich diese Ähnlichkeit mit den paläolithischen Zeugnissen eine Bestätigung und Aufmunterung, denn sie läßt meine Versuche in einem ganz anderen Licht erscheinen, gibt Hoffnung für die Zukunft und eröffnet unfaßbar viele Möglichkeiten. Die Entdeckungs- und Wirkungsgeschichte der Menschheit hat schließlich dort begonnen, wo der einzelne Mensch sich seiner Hände und damit seiner Handlungsfähigkeit bewußt geworden ist. Und nun stehe ich gewissermaßen mitten in der Nacht wieder an einem Ort des Aufbruchs und besinne mich auf einen wesentlichen und wirklichkeitsbestimmenden Teil meiner selbst. Wäre jetzt einer jener Wissenschaftler bei mir, die beim Anhören derartiger Erfahrungen mit Deutungen schnell zur Hand sind, könnte sich ein interessantes Gespräch ergeben, denn viele Interpretationen erweisen sich als voreilig und fern jeder Berücksichtigung der tatsächlichen Gegebenheiten. Aber da ist niemand, mit dem ich jetzt einen erkenntniskritischen Disput führen könnte.

Aufmerksam beginne ich die Finger meiner rechten Hand zu betrachten. Die Kuppen des Mittel- und des Zeigefingers leuchten plötzlich schwach von innen heraus in einem orange-roten Licht. Das Leuchten pulsiert ein paar Mal, es wird heller und dann wieder schwächer - und erlischt schließlich ganz. Wieder sind nur die Finger zu sehen, die sich schwarz von der Dunkelheit des Hintergrundes abheben. "Wenn ich mich jetzt auf die eben noch hellen Fingerkuppen konzentriere, wird es möglicherweise zu einem neuen Aufleuchten dieser Stellen kommen", denke ich.

Obwohl ich im folgenden sehr genau auf die Finger achte, bleibt meine Aufmerksamkeit "schwebend". Ich konzentriere mich demzufolge nicht punktuell und in ausschließlicher Weise auf die Fingerkuppen, sondern bleibe offen für alles, was sich sonst noch in meiner Umgebung abspielen mag. Diese Art der "offenen Konzentration" habe ich mir über lange Jahre hinweg angeeignet. Weil durch eine rein punktuelle Aufmerksamkeit das Unerwartete zum vornherein ausgeschlossen bleibt, scheint mir diese Art von Aufmerksamkeit, die trotz ihrer Geschlossenheit offen bleibt, wesentlich situationsadäquater zu sein.

Nach einigen Sekunden kommt es zu einem Aufglimmen der rechten Handfläche und zugleich zu einem Aufleuchten der Finger. Die Lichtstärke dieser Körperglieder meines Zweitkörpers reicht sogar aus, um die nächste Umgebung zu erhellen, wodurch auch die linke Hand erkennbar wird. Dann reduziert sich die Lichtstärke, nimmt aber nach wenigen Sekunden wieder zu. Die Leuchtfähigkeit geht schließlich auch auf die linke Hand über, die nun ihrerseits bald einmal von innen heraus mit einem sanften orange-roten Licht zur Erhellung beiträgt. Nach einigen weiteren Pulsationen der Lichtquelle stabilisiert sich die Helligkeit und weicht einem allgemeinen Hellwerden der ganzen Umgebung, so als wäre der Tag angebrochen. Ich weiß, daß sich jetzt jenes Licht durchgesetzt hat, das diese Erfahrungsebene erleuchtet wie die Sonne den Tag. Ich weiß aber auch, daß dieses Licht schon immer da war und daß es mehr an mir lag, die Sehweise so zu verändern, daß ich hier - und unter diesen speziellen Bedingungen - zu sehen vermag. Das innere Aufleuchten von Teilen meines Zweitkörpers scheint eher eine Übergangserscheinung zu sein. Es ist keineswegs die Ursache des momentanen Hellseins.

Dann mache ich mich daran, das in die Tat umzusetzen, was ich mir bereits vor dem Einschlafen vorgenommen habe. Dabei handelt es sich um eine Untersuchung des Zweitkörpers meiner Frau und meines eigenen. Nach dem Gelingen meines Vorhabens und der Behebung gewisser Krankheitssymptome lasse ich mich einfach in den physischen Körper zurückgleiten und "erwache" im Bett.

Der Sturz in den Himmel
Als die Menschen "vor Jahrzehntausenden in den Leib der Erde krochen", (Anm.8) befanden sie sich in einem Raum, der nur spärlich vom Licht "der kleinen, mit Fett gefüllten Steinlämpchen" (Anm.9) erhellt wurde. Da mögen dann "im Flackern der Lämpchen plötzlich Gestalten aus dem Fels" getreten sein, "um augenblicklich wieder zu verschwinden, als habe die Felswand sie geboren" (Anm.10).

Ich selbst komme mir während und nach dem "Hinauskriechen aus meinem Leib" ein bißchen wie jene Menschen vor, denn ich werde in eine Raum-Zeit hineingeboren, die fern vom Licht des Alltags unberührt existiert und erst im Augenblick des Betretens eine eigene Wirklichkeit und Konturen erhält. Sie werden vom bewußtseinskontinuierlichen Ich erfaßt und nachgezeichnet. Doch wo hört in diesem Bereich die Phantasie auf und wo beginnt die Realität? Ist beides etwa ein vielfältig verschlungenes Labyrinth, in das vorzustoßen es gewisser Tugenden wie Mut, Ausdauer und Vorurteilslosigkeit bedarf? Sich wie jene Jäger des Paläolithikums "in die Schächte hinabzulassen und in die letzten und tiefsten Winkel durch enge, lange Tunnel zu kriechen, von der Welt draußen abgeschnitten, in Dunkelheit, Feuchtigkeit und Totenstille" (Anm.11). Die Risiken im außerkörperlichen Zustand mögen geringer scheinen als jene des waghalsigen Kletterers - falls man das Risiko des Wahnsinns geringer einschätzt als das Risiko der schweren Körperverletzung. Doch wodurch unterscheidet sich der Sturz in den Himmel hinaus vom Sturz in den Schlund der Erde hinein? Es ist schon merkwürdig, wie aufgrund der außerkörperlichen Erfahrungen die alten Geschichten, Mythen und Märchen wieder lebendig werden.

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Anmerkungen

Anm 1 und 2: Govinda, Anagarika. Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewußtsein. Freiburg i.B.: Aurum, [1976] 1977:75.
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Anm 3: Govinda, Anagarika. Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewußtsein. Freiburg i.B.: Aurum, [1976] 1977:78.
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Anm 4: Hierzu vgl. z.B. Werner Heisenberg Der Teil und das Ganze - Gespräche im Umkreis der Atomphysik. München: Piper, 1969.
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Anm 5: Hierzu vgl. das Schichtenmodell von Heino Gehrts in: Von der Wirklichkeit der Märchen. Regensburg: Röth, 1992:6f.
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Anm 6: Z.B. Vgl. Sigmund Freud (1932) GW XVI:264f. Der Text ist zitiert im 2. Kapitel der HTML-Version von Außerkörperlich durch die Löcher des Netzes fliegen!
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Anm 7: Vgl. den Brief an Evans-Wentz vom 9. Februar 1939 in: C.G. Jung Briefe I. Olten: Walter, 1972:331. Hierzu vgl. auch meine Ausführungen in: Quellen der Nacht. Interlaken: Ansata, 1983:87-92, 286, 337f.
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Anm 8: Hans Peter Duerr Sedna oder die Liebe zum Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, [1984] 2. Auflg. 1985 S. 46.
Anm 9: ibid.
Anm 10: ibid.
Anm 11: ibid. S. 47
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