Aufruhr der Elemente
Werner Zurfluh
Erstmals veröffentlicht in: Die Märchenzeitschrift Nr. 3 1993 - 2. erw. Aufl. 1996 im HTML-Format
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  • Feuer, Erde, Luft und Wasser sind nicht mehr im Einklang
  • das Erlebnis vom 4. Juli 1980
  • das Feuer im Bunker; das Wasser, die Erde und das Holz - die Bewusstwerdung angesichts des apokalyptischen Geschehens
  • die Reise zur Klippe in Erwartung des Todes und die Überquerung des Wellenberges
  • das Innehalten der Ströme vor dem düsteren Wald
  • ruchlose Wesen in einer bestialischen Welt würden ohne Meditation die Bewusstheit des Menschen vernichten

Nicht von Erbaulichem und Beglückendem im Zusammenhang mit den Elementen wird hier erzählt, denn das, was in der Nacht auf den 4. Juli 1980 geschehen ist, hat eher etwas Bedrohliches und Bedrückendes. Wie eine Mahnung steigen die Bilder aus unergründlichen Tiefen - vielleicht deswegen, weil in unserer Zeit die Erde geschunden, das Wasser verschmutzt, die Luft verunreinigt und das Feuer geschwärzt wird. Ausserdem wissen viele Menschen nicht, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen sollen und werden von Emotionen und Begierden überwältigt. Andere lassen sich von irdischen Gütern korrumpieren und vom Machtdenken hinwegfegen. Und alle waschen sie sich die Hände in Unschuld. Feuer, Erde, Luft und Wasser sind offensichtlich nicht mehr im Einklang, weder auf der kollektiven noch auf der individuellen Ebene! Dies ist eine sehr ernste Angelegenheit, weshalb es nicht verwundern darf, wenn sie sich auf eine Art und Weise äussert, die eher bedrängend und gefahrvoll wirkt.

Das Erlebnis (4. Juli 1980), von dem ich nun erzähle, beginnt harmlos und sehr persönlich als normaler Traum im Elternhaus, bringt Familiäres zu Sprache und leitet beinahe unmerklich über in den Bereich des Gesellschaftlichen. Den ersten Teil lasse ich weg und beginne an der Stelle, wo das Geschehen ins Kollektive mündet:
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Das Feuer
Nach geraumer Zeit gerate ich in einen grossen, ausschliesslich unterirdisch angelegten Bunker, in dem mehrere hundert Soldaten einquartiert sind. Er ist einer riesigen Zivilschutzanlage ähnlich. Hier ist Feuer ausgebrochen, weshalb die Männer aus den tieferen Etagen hinaufsteigen. Bald einmal sind alle ins oberste Stockwerk des Bunkers geflüchtet, die meisten mehr oder weniger verletzt. Ich selber bin einer der wenigen, die keinerlei Verletzungen davongetragen haben und bin - wie übrigens die meisten anderen auch - aus eigener Kraft den Fluchtschacht hinaufgeklettert. Das ist unglaublich schwierig und mühsam gewesen, denn die vielen Soldaten hatten die Röhre beinahe total blockiert. Die ausgebrochene Panik machte die Flucht nach oben zu einem äusserst riskanten Unternehmen. Jederzeit hätte mir jemand mit seinen schweren Schuhen auf die Hände oder den Kopf treten können.

Nun liege ich inmitten von Verletzten und total Erschöpften. Sie werden von Sanitätern betreut. Trotz des grossen Gedränges ist die Stimmung der Geretteten gut, denn alle sind froh, wenigstens dem grausamen Feuertode entronnen zu sein.

Ich trage Uniform und bin Soldat - und bin sehr beunruhigt, denn irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Die Ursache für die Feuersbrunst muss sehr ungewöhnlich sein, grässlicher und furchtbarer als irgendjemand hier anzunehmen gewillt ist. Dennoch tun alle so, als wäre nichts Aussergewöhnliches geschehen. "Dieses Feuer dürfte erst der Anfang einer noch viel grösseren Katastrophe sein!" denke ich. "Sehr bald wird etwas sehr Schlimmes geschehen, etwas, das die Freude über die Rettung total vergällen wird."

Das Wasser, die Erde und das Holz
Die Ahnungen sind direkt überwältigend, weshalb ich mich sofort melde, als Freiwillige für eine Erdrutsch-Wache draussen unter freiem Himmel gesucht werden, weil vermutet wird, die Erde könnte wegen der starken Regenfälle ins Rutschen kommen. Sicherheitshalber sollen Beobachtungsposten aufgestellt werden, die eventuelle Veränderungen melden. Dabei scheint niemand daran zu denken, dass ein Erdrutsch unter Umständen derart schnell und mit solcher Gewalt losbrechen kann, dass Gegenmassnahmen eine Katastrophe nicht mehr abzuwenden vermögen.

Wie ich beim Aufruf für Freiwillige als erster den Arm hochhebe, sieht mich der Korporal oder Offizier sofort und ruft - klar und deutlich meinen Namen nennend: "Zurfluh!" Anschliessend betont er, meine Meldung eigentlich erwartet zu haben, obwohl ich ein Sanitäter sei, der keine Waffe trage. (Anm.1) Offensichtlich bin ich - in seinen Augen - dennoch ein guter Soldat, der, auch was technische Probleme betrifft, einigermassen Bescheid weiss.

Von allem Anfang an - so lautet mein Vorschlag - soll ein Telefon mitgenommen werden, zumal ich durchaus in der Lage sei, es selbst zu installieren. Es liessen sich auf diese Weise Erdveränderungen umgehend übermitteln, denn ein Meldeläufer würde im Ernstfall zu spät kommen! Vor allem aber möchte ich nicht in den Bunker zurückkehren müssen, da ich mir absolut sicher bin, dass die Katastrophe nächstens geschehen wird. Um möglichst schnell wegzukommen, anerbiete ich mich, die schwere Kabelrolle zu tragen, ohne natürlich etwas über die wahren Gründe meines Tuns verlauten zu lassen.

Nach ein paar Minuten sind von den etwa fünf Freiwilligen erst zwei startbereit. Ich dränge darauf, sofort loszuziehen. Dem steht nichts im Wege, denn die anderen Männer müssen an andere Orte hingehen und von dort aus die Erdbewegungen beobachten. Also ziehe ich alleine los, denn der mir zugeteilte zweite Mann kommt nicht. Ich rufe ihm zu, welche Richtung ich einzuschlagen gedenke und sage: "Nimm es von mir aus gemütlich und folge mir später nach!" Meinem Kameraden kommt dieser Aufschub offensichtlich gelegen, zumal er nicht sonderlich tragfreudig zu sein scheint. Er hat es also keineswegs eilig und trödelt im Bunker herum, während ich losgehe und das Kabel von der Rolle lasse. Da ich nicht gedenke, im Moment einer tatsächlichen Erdrutschgefahr nochmals in den Bunker zurückzugehen, um die anderen zu warnen, muss ich eben per Telefon meine Beobachtungen mitteilen können.

Kaum bin ich einige Dutzend Meter auf dem schweren, nassen Boden vorwärtsgekommen, wird der Regen heftiger. Ein Weiterkommen ist schier unmöglich. Es ist extrem mühsam, auf der glitschigen Unterlage mit der schweren Last auf dem Rücken einen Halt zu finden, zumal es ziemlich steil und steinig ist. Ich ringe nach Atem und muss schnaufen. Nach und nach gewinne ich etwas Höhe und bin nun - wie ein kurzer Blick zurück zeigt - mehr als 50 Meter über dem Eingang der Bunkeranlagen und gute 200 Meter davon entfernt. Der Regen verstärkt sich weiter und wird sintflutartig! Der Betonklotz verschwindet hinter einer Wand von Wasser. Wahre Sturzbäche fallen vom Himmel. Rinnsale rieseln die Hänge hinunter und vereinigen sich, die Erde aufwühlend und mitreissend, zu braunen Bachläufen.

Unverdrossen steige ich weiter hinan. Meine Ahnungen beginnen sich rapide zu bestätigen. Ein Erdrutsch muss die unweigerliche Folge dieser Wassermassen sein. Der Berghang wird in absehbarer Zeit lebendig werden! Also ist es höchste Zeit, den Beobachterplatz einzurichten. - An einem weniger steilen Ort, von dem aus auch die umliegenden Hänge ziemlich gut zu überblicken sind, beziehe ich meinen Posten.

Einer der benachbarten Hügel scheint in Bewegung zu geraten. Ist es schon soweit? Beginnt dort drüben der Hang zu rutschen? Ich werde Meldung machen, dass der Regen die Erde in Bewegung setzt. Oder ist es dafür noch zu früh? Wird man mir überhaupt glauben, wenn ich berichte, wie flüssig die Erde nunmehr geworden ist? Wird man die Warnung beachten und den Bunker evakuieren? Schliesslich besteht die Gefahr, dass die Anlagen zugedeckt werden und im Erdreich versinken - mitsamt all den Soldaten! Aber das zu entscheiden ist nicht mein Problem, denn ich habe keinerlei Befehlsgewalt.

Wie ich die Telefonstation einrichten will, merke ich, dass die Erde unter meinen Füssen ins Rutschen kommt. Links und rechts neben mir gleiten die Hangpartien ab. Von weiter oben wälzt sich ein dickflüssiger Strom herunter - kalten, schmutzigbraunen Lavamassen gleich.

Beim genauerem Hinsehen - mich durchzuckt blankes Entsetzen - ist zu erkennen, dass nicht bloss die Berghänge abgleiten, sondern auch die Talsohle sich langsam vorwärtsbewegt. Nichts bietet mehr Halt! Die fliessende Masse trägt mich unweigerlich fort. Die Kabelrolle wird mir jäh heruntergerissen, das Kabel verschwindet im Dreck. Gewaltige Erdmassen bewegen sich auf den Bunker zu - dort gibt es kein Entrinnen mehr und jeder Rettungsversuch wäre zum Scheitern verurteilt.

Auch ich bin ins totale Chaos geraten. Es wird mich wie alle anderen erwischen - wenn auch fern vom Bunker. Trotz aller Misere ist es mir so viel angenehmer, denn immerhin bin ich draussen und nicht eingeschlossen und eingekerkert in einer Betonmasse, einem starren Gebilde, das keinen Schutz bietet, wenn die flüssigen Erdmassen es verschlingen und zerdrücken!

Zuerst ist der Erdrutsch ziemlich kompakt, so dass ich mit einiger Geschicklichkeit das Gleichgewicht wahren und mich auf den Beinen halten kann. Ein Hinfallen hätte meinen sofortigen Tod bedeutet. Fassungslos blicke ich auf die tosenden Geschiebe, die sich unaufhaltsam zwischen den Bäumen hindurchzwängen und sie letzten Endes doch entwurzeln und mitreissen. Stämme werden umgeworfen und vom Erdbrei zerrissen und verschlungen. Unaufhaltsam bewegt sich ein gewaltiger Strom vorwärts, wälzt sich von den Hängen, strömt in den Mulden zusammen und ergiesst sich in die Wälder der Ebene.

Von einem der ersten abgeknickten Bäume löst sich ein über zwei Meter langes Stück von der Seite. Im letzten Moment - bevor ich in der Erde versinke - gelingt es mir, das borkenbesetzte Holz zu packen und mich darauf zu werfen. Nun sitze ich in einem äusserst primitiven, aber festen Boot, das mich weiterträgt - unaufhaltsam geschoben von der Erdmasse.

Wie ein jämmerliches Häufchen Elend klammere ich mich am "Rindenboot" fest - inmitten eines gewaltigen Stromes aus Erde, der sich tosend und brüllend in ein breites Tal ergiesst und Dimensionen annimmt, angesichts derer alle Worte verstummen. Nacktes Entsetzen droht mich zu überwältigen. Um nicht in Panik zu geraten, muss ich den letzten Rest an Mut zusammenraffen, der mir noch bleibt. Was ich hier sehe, habe ich noch niemals erblickt! "Apocalypse now!" schwirrt es mir durch den Kopf. Gleichzeitig werde ich mir schlagartig bewusst, in einem Traumzustand zu sein! Aber in Anbetracht dieses Geschehens ist mir dies nur ein verschwindend kleiner Trost - eigentlich überhaupt keiner. Immerhin lässt diese Einsicht andere Gedanken aufsteigen. "Dies muss eine Vision sein - und ich habe diesem grauenhaften Geschehen beizuwohnen, einem Geschehen, das die Grenzen meiner Individualität bei weitem übersteigt!" Selbstverständlich habe ich nicht die Absicht, im Bett zu erwachen - wie sollte ich auch! Ich will mich diesem Anblick, diesem Mitgerissenwerden nicht entziehen, will ausharren und schauen. Es steht mir klar vor Augen, bloss dank der Luzidität und damit der erhalten gebliebenen Bewusstheit dazu in der Lage zu sein. "Sterblich bin ich so oder so! Der Tod hier wäre ebenso relativ wie jeder Tod sonst - selbst der in meinem physisch-materiellen Körper, der nun - makabererweise - friedlich im Bett schlummert." Das Inferno nimmt kein Ende. "Vielleicht werde ich tatsächlich hier sterben müssen!" Aber ich will mich diesem Tod nicht entziehen - bin nun einmal hier - und werde auch hier bleiben. Was ich hier sehe, ist ein totaler Irrwitz! Als wollte die Erde sich an all dem Unbill rächen, das ihr seitens der Menschen widerfahren ist. Sie löst alles auf und zerstört ohne Unterschied sämtliche Strukturen. Unaufhaltsam wälzen sich die braunen Massen grollend vorwärts. Ströme von Erde vermengen sich und bilden urmächtige Fluten, die riesige Felsbrocken aus den Talflanken reissen und ganze Hügel einebnen. Es ist unfassbar, es ist ein Weltuntergang!

Und immer noch lebe ich - aber wie lange noch? Als winziges Pünktchen schaukelt das Holzstück mitsamt seiner Last weiter. Ich schaue mich um - so gut es geht -, betrachte zutiefst aufgewühlt die zerfliessenden Formen, die braunen und gelben Farben, die sich andauernd mischen, die wahnsinnig gewordene Erde. Innerlich zitterte ich angesichts dieser gigantischen Wogen, in denen eigentlich niemand bestehen könnte. Also erwarte ich meinen Tod in jedem Augenblick. Es ist unwesentlich, dass ich sterbe. Aber dennoch ist es ungemein wichtig, zu wissen, dass selbst dieser Tod relativ sein wird. Allerdings - so sicher kann ich mir dessen auch wieder nicht sein, denn es gibt keine Garantie dafür, dass dem tatsächlich so sein wird.

Dann sehe ich - etwas seitlich am Rande eines Waldes, den die Fluten noch nicht erfasst haben - ein jämmerliches Grüppchen Menschen. Es sind Überlebende, die gleich mir ihren Tod schicksalsergeben erwarten und im Grunde gar nicht wissen, weshalb sie eigentlich noch leben. Sie versuchen verzweifelt irgendetwas zu finden, worauf sie sich setzen könnten, damit sie von den Fluten getragen werden.

Da mich irgendeine dieser unberechenbaren Strömungen ganz in die Nähe dieser aus etwa fünf Menschen bestehenden Gruppe treibt, gelingt es mir, mich zu ihnen durchzuschlagen.

Erstaunt nehmen sie meine Ankunft wahr und billigen auch sofort meinen Vorschlag, dass wir uns alle auf eine robuste "Decke" setzen sollten, die ich ganz in der Nähe finde. Wenn wir eng zusammenrücken, haben wir genügend Platz. Kaum haben wir uns hingesetzt, packt uns eine schwappende Woge und reisst uns hinein in die tosende Masse. Der Wald hinter uns wird von den Fluten verschlungen - worauf alles kahl erscheint und wüstenartig. Die Erde bewegt sich wie eine aufgepeitschte See, was sehr makaber aussieht. Eine zur Wüste gewordene Erde - hoffnungslos, tragisch, schrecklich und entmutigend. Wie ein verlorener und elender Haufen - der wir ja auch sind - schaukeln wir willenlos dahin und starren stumm auf die Erdmassen, die sich mit unvorstellbarer Macht vorwärtsbewegen.

Wie ein Meer sieht die Erde aus. So weit ich überhaupt sehen kann werden Berge und Hügel mehr und mehr eingeebnet. Schliesslich ragt etwa 300 Meter vor uns eine mächtige, gut 100 Meter hohe und scheinbar feste Wand aus reinster lehmiger Erde einer Klippe gleich in den Himmel. In Stücke zerreissend brandet die braune Erde an die durchgehende Mauer, unterhöhlt sie und weicht sie auf. Lange kann es nicht mehr dauern bis der Wall vornüberkippt. Die durch den Abrutsch erzeugte Flutwelle muss uns unweigerlich unter sich begraben - 30 Meter hoch oder mehr wird sie herangerollt kommen. Das wird das Ende sein!

Fasziniert schaue ich zu, wie der Wall langsam vornüber kippt, immer schneller fällt, schmatzend in die flüssige Erde einsinkt und sie brüllend hochwölbt - hoch und höher. Dann ist der Wall nicht mehr zu sehen, denn die Flutwelle rast inmitten des Brausens der Winde heran. Mein und unser Tod ist zum Greifen nahe. Fast gelassen warte ich auf ihn. Da gibt's kein Hadern mehr, kein Berechnen - es wird so sein, wie es sein muss. Vielleicht werde ich zu Hause im Bett erwachen, vielleicht auch nicht. Und die Woge türmt sich weiter auf, nähert sich mit gigantischem Getöse und ist, da wir auf sie zugetrieben werden, bald nur noch wenige Meter vor uns.

Aber - da werden wir hinaufgehoben! Bis zum höchsten Punkt, bis auf den Scheitel! Beinahe sanft steigen wir an der vorderen Flanke hoch, getragen von der ockerbraunen, wütenden Erde. Und ebenso sanft gleiten wir wieder hinab - wir spüren kaum, dass wir eben einen gewaltigen Wellenberg überquert haben. Fast ironisch scheint mir der Gedanke, dass die physikalischen Gesetze hier irgendwie ihre Gültigkeit verloren haben.

Dann werden wir in die Weite eines unfasslichen Meeres hinausgetragen. Bis zum Horizont erstreckt sich die ockerfarbene Erde. Selbst der Himmel ist gelblich, so als wollte er sich der Erde vermählen, wollte er mit ihr ein Bündnis besiegeln. So werden wir dahingetrieben, weiter und weiter - bis zu dem Punkt, an dem die Fluten völlig unerwartet ein abruptes Ende finden.

Wie abgeschnitten ragt ein hoher Wald mit schlanken, kahlen Stämmen vor uns auf. Ich komme mir vor, als würden wir an Land gespült, wobei mir die ganze Widersächlichkeit dieses Geschehens durchaus bewusst ist. Aber gerade deshalb trifft mich das Unerwartete doppelt, fasse ich das Fassungslose kaum, verstehe ich die waltenden Gesetze nicht. Eben schien die Erde alles vernichtet zu haben - und nun hält sie ein vor einem Wald. Wo ist jetzt die apokalyptische Gewalt der Erdenströme? Wo die gewaltige Masse? Ich weiss es nicht! Das Erdenmeer ist noch da, aber es dringt nicht zwischen die Bäume, obwohl es genügend flüssig wäre, um zwischen den Stämmen durchzukommen. Ausserdem ist da kein sanfter Übergang, sondern ein jäher Abbruch. Die Erde bleibt einfach stehen und bildet zum Waldgebiet hin einen beinahe zwei Meter hohen Abbruch, so dass wir wie von einem dicken "Teppich" hinunterspringen müssen, um auf den trockenen Waldboden zu gelangen. Und der ist ebenso kahl wie die Stämme.

Die Gegend hier ist unglaublich düster. Die Bäume sind derart hoch, dass sie sich in einer schmutziggrauen Dunkelheit verlieren und jedes Licht ersticken. Keinerlei Grün ist zu sehen! Diese Gegend ist derart fremdartig, dass sie in mir stimmungsmässig eine drückende vakuumhafte Leere erzeugt. Doch nicht nur mir selber geht es so, auch meine Schicksalsgenossen empfinden gleich. Sie drängen sich ängstlich zusammen und wissen nicht, was tun.

Die Luft (als geistiges Prinzip)
Ich schaue besorgt in den Wald hinein und sehe ein Wesen, das wie ein Mensch aussieht. Es ist nackt, knochig und mager und hat einen Kopf gleich einem Ei, der völlig kahl und irgendwie bläulich-grau ist. Von der Gestalt strömt ein eiskalter Todeshauch von unbestimmbarer Grauenhaftigkeit. Die Unmenschlichkeit dieses Wesens ist derart, dass der blosse Anblick blankes Entsetzen hervorruft. Das ist kein Wesen, das gleich uns aus menschlichen Gefilden hierhin verschlagen wurde. Es ist ein Wesen, das genuin in diese Welt gehört - und die ist eine andere als die der Menschen! Ich hege den schrecklichen Verdacht, dass es Strandgut greifen und sich bestialisch deren Schicksal zu nutze machen will?

In der Ferne zwischen den Bäumen sind noch zwei weitere dieser ruchlosen Gestalten zu sehen. Dann entdecke ich auch einzelne Menschen, die weit weg sind und im Wald herumtorkeln - verloren, verlassen und heimatlos geworden im echten Sinne des Wortes. Leichte Beute für diese unbegreiflichen Wesen, die die Gestrandeten zum Wahnsinn treiben und damit in die totale und unbarmherzige Hoffnungslosigkeit stürzen. Allein das lässt mich kalte Schauder verspüren. "Wo um alles mag ich bloss sein? Das ist ja eine Welt, von der ich nicht die geringste Ahnung hatte. Ein Inbegriff des echt Irrationalen im negativsten Sinne des Wortes. So etwas habe ich noch niemals erlebt. Da ist nichts Humanes mehr. Wehe den Menschen, die nicht luzid sind und ihre Bewusstheit verlieren! Wehe jenen, die in Panik geraten!"

Die Nacht bricht herein. Aber es ist keine eigentliche Nacht, denn in dieser Welt hat es überhaupt nie eine Sonne und damit einen lichtvollen Tag gegeben. Dennoch wird es dunkler und dunkler! "Dämmert jetzt die Nacht des schwarz-magischen Wahnsinns?" Ich weiss es nicht! Eine finstere Nacht ist es auf jeden Fall. Und diese Nacht hat nichts mit einer alchemistischen Nigredo zu tun, sondern ist etwas, das ich nicht kenne. Hier lauert nackte Existenzangst, eine Angst, die mich nur deshalb nicht packt, weil ich wiederum Überlegungen zum eigenen Tod und Sterben anstelle. Da ich den Tod nicht fürchte - obwohl er hier wie nirgends sonst ein Ereignis ist, das ich zu fürchten hätte -, bleibe ich ruhig, vernünftig und gelassen. Die hereinbrechende Finsternis könnte - und das ist die grösste Gefahr - jeden normalen Bewusstseinszustand auslöschen und damit der Bewusstheit ein definitives Ende bereiten.

Mit meinen Leidensgenossen beratschlage ich, was zu tun sei, und schlage vor, dass wir uns gemeinsam hinsetzen und die Nacht hindurch meditieren. Würden wir das nicht tun, könnte eine Panik ausbrechen, die alle mit sich ins Verderben reisst. Eine derartige Nacht müssen wir einfach gemeinsam verbringen und uns dabei gegenseitig in der Gruppe unterstützen und kontrollieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass es am besten wäre, die Meditation der "weissen Schutzglocke" durchzuführen. Also fordere ich alle auf, sich in einem ganz engen Kreise hinzusetzen und zwar in einer möglichst guten Zazen-Haltung. Jeder müsse sich eine Glocke aus weissem Licht um die ganze Gruppe vorstellen, die uns lückenlos umgibt. Auf diese Weise soll ein magischer Schutzschirm und Schutzwall errichtet werden, der die "Wesen des Todes" davon abhält, sich uns zu nähern bzw. auf uns aufmerksam zu werden. Wir setzen uns im Kreis hin und beginnen zu meditieren. Mit der meditativen Versenkung gleite ich hinüber in den Alltag und erwache im Bett. Es ist halb drei Uhr morgens.

Erschüttert stehe ich auf und mache ein paar Notizen. Es dauert lange, bis ich mich wieder fasse. - Heute würde ich sagen, dass eine Bunkermentalität mit einer seelischen und geistigen Erstarrung gekoppelt ist, die unweigerlich zur Zerstörung der menschlichen Strukturen durch das Feuer führt, während draussen Wasser und Erde sich vereinen und die natürlichen Grundlagen auflösen. Wenn der Mensch die Erde mit all ihren Wundern nicht mehr in Ehrfurcht zu betreten weiss, weil er meint, in seiner selbst gefertigten geistigen Enge verbleiben zu müssen, verliert er den Boden unter den Füssen und wird hinweggeschwemmt. Mich selber als menschliches Wesen betrifft das ebenso wie die anderen, auch wenn ich mich irgendwie vom Kollektiv absetze und offen bleibe. Denn auch ich bin als Individuum ein kollektives Wesen und gehöre zur menschlichen Gemeinschaft. Wenn diese in eine Katastrophe hineinschlittert, werde ich automatisch mitgerissen - wenn auch mit offenen Augen. Immerhin erkenne ich auf diese Weise, wohin die Katastrophe letzten Endes führt. Sie endet in einem geistigen Umfeld, das unmenschlich ist und sogar den letzten Rest an Menschlichkeit zu vernichten droht. Doch wenn die finstere Nacht anbricht, bleibt immer noch die Lichtmeditation! Nur sie bietet Schutz vor dem Überwältigtwerden - und sie verhindert, dass ein kollektiver Schatten die Bewusstheit hinwegfegt und ausradiert. Das bedeutet nicht, dass der Schatten nicht zu integrieren wäre - aber das ist ein anderes Thema und bedarf eines ganz persönlichen Einsatzes, bei dem es eben auch darum geht, zu einem Gleichgewicht der Elemente zu finden.

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Anmerkungen

Anm 1: Die Rekrutenschule absolvierte ich 1965 in Losone als Grenadier Dort wurde ich zum Sprengspezialisten ausgebildet. Schon während dieser Zeit kamen die ersten massiven Zweifel am Sinn und Zweck des Militärischen, weshalb ich am Ende des dritten Wiederholungskurses zum Erstaunen der Offiziere definitiv die Waffe verweigert habe. Nach einigem Hin und Her kam es zur Umteilung zur Sanitätstruppe. Sturmgewehr und Bajonett hatte ich im Zeughaus abzugeben. Eine Totalverweigerung konnte ich mir in Anbetracht der familiären Situation (zwei Kinder) nicht erlauben, weil ich dann für eine gewisse Zeit eingelocht worden wäre.
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