Die Dschungelblume Werner Zurfluh |
| Erstmals veröffentlicht in: Die Märchenzeitschrift Nr. 4 1993 - 2. erw. Aufl. 1996 im HTML-Format |
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Ohne Pflanzen gäbe
es kein Leben! Wir verdanken ihnen unsere Existenz - nicht nur die körperliche
als solche, weil das "Grüne" Nahrung ist und die Atemluft
liefert. Auch unser seelisches Wohlbefinden hängt weitgehend von den
Pflanzen ab, beispielsweise in Form einer blühenden Wiese oder eines
Blumenstrausses, einer Parkanlage oder eines Waldes. Eine wunderschöne Blüte
oder ein gewaltiger Baum begegnet einem bisweilen sogar ausserhalb des Alltags.
Blumen im allgemeinen sind ein Sinnbild für neues Leben und für die
Vergänglichkeit. Sie erinnern den Menschen sowohl an seine 'Blütezeit'
als auch an die Zeit des 'Dahinwelkens' - an die Zeit, in der das Rad des Lebens
sich dem Ende neigt.
Eine Blume kann - wie Hedwig von Beit dies in
Anlehnung an C.G. Jung tut - als eine "weit vom menschlichen Bewusstsein
entfernte rein vegetabilische Lebensform" aufgefasst werden. Wer das
Konzept der Komplexen Psychologie auf die Blüte als etwas Rundem anwendet,
wird in ihr ein Symbol des Selbst sehen, in dem sich das Symbol der Anima
verbindet. In der Blüte tritt dann "gewissermassen
das Selbst als Gefühlserlebnis in einer Vorstufe zur bewussten Erfassung"
in Erscheinung.
(Anm.1) - Im Osten ist die Lotosblüte
der Sitz und Entstehungsort der Götter und der Ort der Wiedergeburt.
Blumen versinnbildlichen demzufolge neues Leben und werden
wohl auch deshalb auf Gräber gepflanzt. (Anm.2)
Es sind die Blumen auf dem Grab, welche die Trauernden an die mineralische
Grundlage des Seins erinnern, an jene Grundsubstanz, aus der das Leben erwächst.
Zum Gedenken daran, dass im Sarg nicht einfach ein Körper liegt, der
einzig zu "Staub" werden kann, sondern einer, der sich unter Umständen
zu einer prächtigen Pflanze wandelt! Die Grabesblume ist somit in einem
umfassenden Sinne sichtbarer Ausdruck der Hoffnung für das Leben über
den Tod hinaus.
Pflanzen wurzeln im mineralischen Bereich - unter
der "Oberflächenwelt" des Alltäglichen im Schoss der Erde.
Indem sie Mineralisches zu Organischem umwandeln, wachsen und entfalten sie
sich - die Grenze zur Oberfläche durchstossend - ins Licht hinein. Sie
verbinden ganz offensichtlich das Unten mit dem Oben, das "Reich der
Materie" mit der "Welt des Geistes". Das gilt auch für die
Epiphyten, zu denen die meisten Orchideen gehören, also für jene
Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen und diese als Mittler für die
Zufuhr von Wasser und anorganischen Stoffen benötigen und nutzen. Ist der
Mensch sich dieser "Vertikalverbindungen" (Anorganisches -
Organisches; Unten - Oben; Erde - Himmel usw.) zu wenig bewusst, bleibt ihm die
vegetabilische Lebensform verschlossen.
Pflanzen stellen die direkte
Verbindung zur "Medizin der Erde" her und einige - wie z.B. die
Lianen, Epiphyten und Orchideen - vermitteln das Oben mit dem Unten. Die
Orchideen als solche gehören zu den Knabenkrautgewächsen (griech.
Orchis = Hoden) und galten als Aphrodisiakum und als Fruchtbarkeitssymbol. Sie
sollen vor Krankheit und vor dem bösem Blick schützen und schlechter
Geister vertreiben. In der chinesischen Medizin werden sie für eine Reihe
von Entzündungen - insbesondere solchen des genitalen Bereiches -
verwendet. Viele Pflanzen haben eine heilende Wirkung. Und gerade deswegen ist
die Kommunikation mit ihnen von grösster Bedeutung.
Es ist zu bedenken, dass der Mensch - ohne selbst eine
Pflanze zu sein - als Lebewesen wesentliche Züge des Pflanzlichen
verwirklicht. Leider meist unbewusst, denn die Einbettung in den Kreislauf der
Natur wird oft übersehen und missachtet.
Nun ist eine Welt, in
der Menschen zu Blumen und wieder zu Menschen werden, eine Welt, in der
Pflanzen sprechen und Blüten beissen, bestimmt keine alltägliche,
sondern eine märchenhaft andere, eine anderweltliche. Wer bewusst
in einer derartigen Erlebnissphäre weilt, wird sie - ganz nebenbei bemerkt
- nicht mit dem Alltag verwechseln und ganz genau wissen, dass es sich um eine
Erfahrung jenseits der Schranken und Gesetze der diesseitigen Welt handelt, um
ein Erlebnis, das nicht durch Vorstellungen der profanen Welt rationalisierend
vereinnahmt werden kann und darf.
.
Am 8. Juni 1976 erstehe ich das Buch "Phänomenologie
der Mystik" von Gerda Walther. (Anm.3)
und beginne gleich mit der Lektüre. Hier geht es u.a. auch darum, eigene
Erfahrungen in eine Publikation miteinzuschliessen. Ein (damals) für mich
noch ungelöstes Problem! Die Frage bleibt (1976) nach wie vor offen, ob die
persönlichen Erfahrungen in eine Veröffentlichung einzugehen haben
und wenn ja, wie.
Bis zum heutigen Tage habe ich einige nächtlichen
Erlebnisse erzählt, denn es scheint mir wichtig, zu zeigen, welche
Erfahrungen sich bei mir auf den Alltag und die Theoriebildung auswirken.
Ausserdem geht es darum, einzusehen, dass das selbst Erfahrene in jedem
Fall das Verständnis beeinflusst. Objektivität lässt sich nicht
durch Leugnung der subjektiven Voraussetzungen erreichen. Subjekt
und Objekt bilden eine Einheit und befinden sich andauernd in einer unauflösbaren
Wechselwirkung.
(Anm.4)
Nach dem Schlafengehen dauert es eine Weile, bis ich wieder erwache und mich orientieren kann. Mit der Zeit wird mir klar, dass ich nun mit meinen Eltern - die nicht die leiblichen aus dem Alltagsbereich sind - und einem Indianer in einem Haus im tiefsten Regenwald wohne und ein ganz anderes Leben als tagsüber führe. Die ärmliche Hütte, die wir uns gebaut haben, steht auf einer winzig kleinen Lichtung. Wir sind Blumen- bzw. Orchideensammler, die das Gefundene weiterverkaufen, um auf diese Weise unseren bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Tagelang streifen wir - einzeln oder zu zweit - nach Orchideen suchend durch den Dschungel. Unsere Nachbarn, Sammler wie wir, wohnen auf Lichtungen, die kilometerweit von der unsrigen entfernt sind. Nur selten kommt es deshalb zu einer Begegnung mit anderen Pflückern. Wir sind an einen strengen Codex gebunden, der besagt, wie die Blumen geschnitten und wie viele genommen werden dürfen. - Gemäss Codex darf die EINE Blume niemals gepflückt werden. Es ist DIE Blume, die legendenhaft umwobene und noch kaum jemals gesehene. Es wird erzählt, mein Vater habe sie vor Jahrzehnten erblickt. Doch darüber schweigt er sich beharrlich aus.
Eines Tages - auf einem meiner Tage dauernden Alleingänge - sehe ich SIE urplötzlich inmitten des dichtesten Regenwaldes. Mit gewaltiger Kraft entsteigt sie meterhoch dem Urwaldboden und erblüht in einem zauberhaften Violett. Die Blüte ist der Gestalt nach ähnlich einem langgestreckten Kelche. Doch ist sie wesentlich anders als alle Blüten, die ich kenne, denn sie bewegt sich und pulsiert! Und nur für Minuten entfaltet sich der violette Kelch, was neben der Seltenheit der wesentlichste Grund dafür sein dürfte, dass diese Blume kaum je gesehen wird!
Die Begegnung ist überwältigend und erschütternd! Tief in meinem Innern vollzieht sich blitzartig eine totale Umkehr. Sie äussert sich zuerst einmal in der Erkenntnis, meine Lieben und damit meine angestammte Heimat sofort und endgültig verlassen zu müssen. Ich werde als einsamer Wanderer in die Welt hinauszugehen haben, um dort als ein Fremder in einer mir fremden Welt meinen Horizont des Wissens zu erweitern. Dies einzig und allein deswegen, um diese eine Erfahrung wenigstens einigermassen zu verarbeiten und zu bewältigen. Ein Verbleiben im alten und gewohnten Rahmen ist mir nicht gestattet, weil ein Sprechen mit den Mitbewohnern unumgänglich wäre. Dies ist zum jetzigen Zeitpunkt wegen des Stirnmales - und der fehlenden zeitlichen Distanz zum Erleben - total unmöglich. Das Sehen der Blume hat ein unauslöschliches Mal hinterlassen, eine Wunde, die durch den Biss der Blüte mitten in die Stirn entstanden ist! Mit der Zeit müsste ein jeder merken, dass ich SIE gesehen habe, denn ich werde nicht andauernd darauf achten können, dass mir die Haare über die Stirn fallen. Die Entdeckung der Narbe würde mir unter den Orchideenpflückern eine Ausnahmestellung verschaffen, mich mit dem Fluch der Auserwähltheit behaften und zur lebenden Legende werden lassen!
Um dies und damit den Abbruch meiner weiteren Suchfahrt und eine Blockierung meines zukünftigen Lebensweges zu verhindern, teile ich meinen Eltern, dem Indianer und anderen - zufällig vorbeikommenden - Pflückern mit, dass ich sie verlassen werde. Einzig der Indianer versteht meinen Entschluss und schweigt. Meine Eltern und meine Bekannten können mich nicht begreifen: "Gerade du!? Du bist doch einer der besten Sammler!" So und ähnlich tönt es aus aller Munde.
Doch mein Entschluss ist unumstösslich. Zwar schmerzt es mich zutiefst, meine Lieben zu verlassen, doch ohne weiteren Verzug schreite ich fort und lasse meine angestammte Heimat hinter mit. Bald trennen mich einige hundert Meter von der Urwaldlichtung. Da merke ich, dass mir drei oder vier Kinder nachfolgen. Sie scheinen mich umstimmen, oder - falls ihnen dies nicht gelingen sollte - mir nachfolgen zu wollen. Dies werde ich unbedingt verhindern müssen.
Meine Leute habe ich übrigens gerade anschliessend an den feierlichen Schwur auf den Codex der Sammler, der immer wieder erneuert wird, verlassen. Dieser Schwur ist für mich jetzt leer geworden, eine unnötige Floskel. Jetzt, da ich DIE Blume gesehen habe, gilt für mich ein anderes Gesetz!
(1.10.02) Obwohl die Quelle des Wissens vor mir steht, muss ich draussen in der Welt mein Wissen erweitern. Der Grund hierfür scheint die Notwendigkeit der Vermittlung des Erfahrenen zu sein. Um dies nämlich tun zu können, sind auch "äussere Wissensquellen" miteinzuschliessen. Die Orchidee ist zwar ein Vehikel' für das Reisen in die obere Welt, doch möglicherweise durfte ich dies nicht direkt und in letzter Konsequenz erkennen. Das Stirnmal war in jedem Fall ein Kuss', der die "Dazugehörigkeit" zum Ausdruck bringt. Es war ein Zeichen der 'Wohlgesonnenheit', denn - gemäss schamanischer Vorstellung - sind die "pflanzlichen Wesen" (Plant-People) dem Menschen nicht immer gut gesinnt. Das Mahnmal war aber auch eine Wunde bzw. eine Verletzung, die mich dauerhaft an die Begegnung erinnern sollte. Die "blaue Blume" als solche konnte wieder verschwinden - ich jedoch musste bleiben und mir überlegen, wie mein zukünftiger Lebensweg aussehen wird. Um näheres zu erfahren, müssten Fragen gestellt werden.
Die Wahrung des Geheimnisses ist jedoch die Grundbedingung für die Weiterreise. Es ist eine Frage des Vertrauens, zur rechten Zeit schweigen zu können - und es ist notwendig für das Lernen. Wenn nämlich Wissen von der anderen Seite unbedacht weitergegeben wird - ohne das dazugehörende Bewusstsein entwickelt zu haben bzw. den grösseren Zusammenhang zu sehen - wird das Wissen zum Machtobjekt und es verliert seinen eigentlichen Wert.
Durch den Dschungel führen kleine Trampelpfade, von denen ich die relativ selten von uns begangenen wähle, um möglichst zu verhindern, jemandem zu begegnen, der mich kennt. Dabei halte ich mich eher nach links, ohne zu wissen, wohin diese Wege mich führen werden, denn schon bald bin ich auf "fremden" und mir völlig unbekannten Pfaden.
Einmal habe ich eine etwa zehn Meter breite, offensichtlich neu angelegte Schneise zu überqueren. Zwischenhändler, die uns die Orchideen abkaufen, haben sie durch den Urwald geschlagen. Jetzt fahren sie in ihren kleinen Autos über die staubige Piste und brausen bei Ansichtigwerden eines "Pflückers" sofort zu diesem hin, um ihm die Ware abzukaufen.
Kaum bin ich auf die Schneise hinausgelaufen, da saust einer von rechts auf mich zu, stoppt brüsk und fragt mich nach der Ware. "Es gibt keine!" Erstaunt blickt der Mann mich an. Nein, er kann nicht verstehen, dass meine Tasche leer ist. Unbegreiflich, dass ein derart zuverlässiger und erfolgreicher Pflücker seinen Job an den Nagel hängt. Kopfschüttelnd lässt der Händler mich ziehen.
Ein total überwucherter Trampelpfad führt auf der anderen Seite der Schneise in den dichten Dschungel. An ein Durchkommen ist nicht zu denken. Freundlicherweise helfen mir ein paar Einkäufer und ein halbes Dutzend Sammler, die gerade in der Nähe sind, auf einer Länge von etwa 20 Metern die ärgsten Hindernisse wegzuräumen .
Ich bedanke mich und gehe weiter. In der Zwischenzeit haben die "Verfolger" aufholen können und sind nun "gefährlich" nahe. Ich muss mich beeilen! - Bald komme ich aus dem Dschungel und bleibe stehen. Unter mir liegt ein weites Tal, das sich nach links hin zu einer grossen Ebene ausweitet. Vereinzelt stehen Häuser am steilen Hang. In der Ferne scheint eine Stadt zu sein. Dort wird es Schulen geben! Und eine solche will ich ja besuchen.
Aber ich habe keine Zeit, mich auszuruhen, denn schon sind die Kinder zu hören! Entschlossen klemme ich den etwa eineinhalb Meter langen, festen Wanderstab zwischen die Beine und "rodle" damit den steilen Hang mit hoher Geschwindigkeit hinunter. Die Kinder versuchen es ebenfalls, geben es schliesslich auf und laufen - wie ich bei einem kurzen Zwischenhalt zurückblickend sehen kann - zurück. Wie die Kinder erkennen, dass ich die sausende Fahrt unterbreche, versuchen sie es nochmals, mir nachzufolgen. Sofort springe ich wieder in den Hang! Wie die Kinder dies bemerken, geben sie es endgültig auf.
Auf dem steilen Hang liegt so etwas wie alter Schnee, der zumeist vereist ist. Allenthalben brechen Flecken mit graugrünem, flach auf die braunrote Erde heruntergedrücktem Gras hervor. Die Steilheit und die hohe Geschwindigkeit empfinde ich als gefährlich. So bin ich froh und erleichtert, endlich die Talsohle zu erreichen.
Ich gehe in die Stadt und damit sozusagen in die gewöhnliche Welt hinein und kann da zur Schule gehen, nämlich ins Humanistische Gymnasium!
Lange Zeit halte ich es aus, ohne etwas von meinem Erlebnis verlauten zu lassen. Doch eines Tages in der grossen Pause zeichne ich DIE Blume an die Wandtafel. Aus der zylindrischen Blüte wird ein im Kopfbereich phallusartig sich ausgestaltendes Gebilde. Das Bild erscheint wie ein wahrhaft urtümlicher Teufel mit einem einzigen grossen Auge. Die Gestalt wirkt ungemein dynamisch. - Dann verselbständigt und "objektiviert" sich der Zeichner zu einem Jungen von etwa 16 Jahren. Ich selber bin jetzt Biologielehrer. Der Klassenlehrer des Jungen zeigt mir diese und andere Zeichnungen des Schülers. Da ich ein gewisses Verständnis für solche Dinge habe, kann ich meinen Kollegen davon überzeugen, dass es sich hier um etwas Positives handelt, um etwas, das man - ohne einzugreifen - einfach wachsen lassen müsse. Selbstverständlich erzähle ich ihm nichts von den wahren Hintergründen.
Mir selber wird beim Betrachten der drei, vier Blätter endlich klar, wie das Stirnmal bei mir entstanden ist, denn ich erinnere mich wieder deutlich an das damalige Geschehen. Die Erscheinung der Orchidee bzw. der "Teufelsblume" wurde nämlich gefolgt vom Erscheinen von Kobolden mit grossen runden Köpfen und sehr dünnen Armen und Beinen. Einer dieser Kobolde hat mich in die Stirn gebissen und mit den beiden langen, spitzen Zähnen ein bzw. zwei tiefe Schnitte hinterlassen.
Wegen der sinnenden Betrachtung der Bilder verspäte ich mich zum Unterricht. Und da ich erst unterwegs zum Schulungsraum merke, das ich etwas im Lehrerzimmer vergessen habe, werden aus der Verspätung fünf bis acht Minuten!
Zu diesem Geschehen wäre
beispielsweise anzumerken, dass die Kobolde in gewisser Hinsicht als die der
Pflanze innewohnenden Geister aufgefasst werden können. Die durch sie repräsentierte
Geisteshaltung hat den Jungen und damit mich selber im Bereich des "dritten
Auges" verletzt. Dass ich mich wegen der meditativen Betrachtung der
Erinnerungsbilder und damit einer früheren Erfahrung zum Unterricht verspäte,
weil ich aufgrund des in Bilder gefassten Erlebnisses zunächst gewisse
Alltagsdinge vergesse, zeigt deutlich die Schwierigkeiten, die sich für
mich aus der Begegnung mit dem Anderweltlichen - dem "Unbewussten" -
und dessen Erfassung ergeben haben.
Der Alltag muss trotz allem,
d.h. trotz einer zutiefst erschütternden Erfahrung, gelebt werden, selbst
wenn beim Versuch einer Umsetzung das Wunderbare zunächst zum Teuflischen
werden sollte. Möglicherweise ist dies nicht nur die Folge eines relativ
hilflosen jugendlichen Umsetzungsversuches in eine - dem (damaligen)
Alltagsverständnis zugängliche - bildhafte Sprache, sondern auch ein
Hinweis darauf, dass das magische Reich als das "Unbewusste" dem
Menschen merkwürdig zwiespältig gegenübersteht. "Es
liegt dies darin begründet, dass es, wie die Natur, auf den Menschen
sowohl zerstörerisch als auch heilsam wirken kann, wobei aber diese Wirkung
auf eine geheimnisvolle Art mit der eigenen Einstellung des Menschen zum
Unbewussten zusammenhängt".
(Anm.5)
So geheimnisvoll ist dieser Zusammenhang allerdings
auch wieder nicht, wenn bedacht wird, was der Mensch dem Anderweltlichen antut
und wie er damit umgeht. Was mich persönlich betrifft, so galt und gilt
es, das anderweltliche Geschehen nicht durch die Einmischung profaner Tendenzen
auf irgendeine Art und Weise zu vereinnahmen oder zu veräussern und damit
zu vermarkten, denn sonst würden sich die Blumen wohl "in stechendes
Unkraut" verwandeln. Blüten haben im allgemeinen mit den Gefühlen
und daher mit der Beziehung zum Anderweltlichen und der Natur, d.h. zu einem
vorwiegend weiblichen Bereich, zu tun. Orchideen gehören so oder so zu
einer eher "jenseitigen Welt". Sie bringen höchst komplexe Blütengebilde
hervor. Der Einbruch der profanen Begriffs- und Vorstellungswelt in ihren
Lebensraum kann sich - wie z.B. die grossflächige Brandrodung und rücksichtslose
Nutzung des tropischen Regenwaldes - fatal auswirken und die seltenen Pflanzen
sehr schwer verletzen und schliesslich ausrotten.
Die Wahrung eines
Geheimnisses vor der Kollektivität ist unter diesen Umständen die
Grundbedingung der Begegnung mit dem Anderweltlichen. Wenn nämlich eine
Gesellschaft das Andere nicht mehr achtet, sondern aufgrund egoistischer
Denkweisen nur noch rationalisierend nutzt, wird es ungemein heikel, den Steig
in anderweltliche Bereiche zu überschreiten und nach der Rückkehr
erst noch von den Begegnungen auf der anderen Seite zu erzählen. Wer
solches zu tun gedenkt, wird sich klugerweise (System-) Kenntnisse aneignen und
eben zur Schule gehen - um zunächst einmal die Sprache zu erlernen,
welche die Leute normalerweise sprechen. Später gilt es eine
Ausdrucksweise zu finden, welche der Vielschichtigkeit des anderweltlichen
Raumes und seiner Vernetzungen gerecht wird und die Erfahrungen an das
bestehende Wissen anzuschliessen. Dies ist nicht ganz unproblematisch, weil es
dabei nicht zu einer blossen Eingliederung in das Vorhandene kommen darf. Sonst
wird das Unterfangen nur zu einer rationalisierenden und interpretierenden
Vereinnahmung, der nichts entgegenzusetzen ist. Eine bewusstseinshaltung, die
dem Alltagsdenken entspricht, wirkt durch ihre einseitig diskriminierende
Sichtweise destruktiv und lässt Zwerge, Elben und anverwandte Wesen im
grellen Tageslicht versteinern bzw. zu monströsen Teufeln werden.
Anmerkungen
Anm 1 und 2: Hierzu vgl. Hedwig von Beit, Symbolik des Märchens
- Versuch einer Deutung, Bern: Francke, (1952) 4. Aufl. 1971:280.
Anm 5: Ibid. S. 52.
Anm.1 Ende - zurück zum Text
Anm.2 Ende - zurück zum Text
Anm.5 Ende - zurück zum Text
.Anm 3: Olten: Walter, 3. erg. Aufl. 1976
Anm.3 Ende - zurück zum Text
Anm 4: Vgl. das Problem des selektiven Subjektivismus (vgl.
Glossar).
Anm.4 Ende - zurück zum Text
Literaturverzeichnis
Konvertierung zu HTML März 1996, März 2001
Homepage: http://www.oobe.ch
e-mail: werner.zurfluh@oobe.ch
©Werner
Zurfluh