Tobende Drachen
Werner Zurfluh
Erstmals veröffentlicht in: Die Märchenzeitschrift Nr. 5 1993 - 2. erw. Aufl. 1996 im HTML-Format
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Drachen mit unterschiedlicher Charakteristik
Es gibt - vereinfacht gesagt - eher 'gute' und eher 'böse' Drachen. Die einen verhindern im spielerischen Kampfe das Auseinanderbrechen der Gegensätze und erhalten so die Ganzheit. Die anderen erzwingen mit ungestümer Gewalt eine heldenhafte Suchfahrt, die zur Erlösung führt. Sowohl gutartige wie bösartige Drachen sind und bleiben fremdartig und faszinierend! Sie brausen als Flieger rauschend durch die Lüfte, durchbrechen als Seeungeheuer unvermutet die ruhige Meeresoberfläche, horten als Nachtschlangen in Höhlen unermeßliche Schätze und fauchen ungebetenen Eindringlingen als Lindwurm feurige Gluten entgegen.

Der moderne Mensch scheint aufgrund seiner durch und durch rationalen Denkweise unfähig zu einer wachbewußten und direkten Konfrontation mit einem Drachen, denn die Begegnung mit dem mächtigen 'Dinosaurier' aus urvordenklichen Zeiten und unberechenbaren Räumen ist für ihn ein irrationales und unvorstellbares Ereignis. Sind Drachen ausgestorben - nur weil sie in Welten jenseits der gewohnten Alltagserfahrung leben? Oder kann der Mensch die anderweltlichen Wesen einfach deshalb nicht sehen, weil - wie der 1153 verstorbene Tibeter Gampopa sagte - «das Ich ohne Vorbereitung nicht weiß, wonach es Ausschau halten muß und auch dann nichts erkennt, wenn es unmittelbar davor steht» .

Weshalb versuchen die Menschen einer technisierten und durchrationalisierten Welt nicht, sich ganz bewußt den (scheinbar) so weit von jeder Zivilisation entfernten Drachen zu stellen? Es wäre doch wichtig, fremde, ungestüme und urweltliche Wesen ausfindig zu machen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, denn möglicherweise besteht zwischen ihnen und irgendwelchen (Natur-) Katastrophen ein Zusammenhang. Unglücklicherweise werden Drachen - falls sie trotz aller Abwehr- und Verdrängungsmaßnahmen in Erscheinung treten - meist schulkonform gedeutet. Als wäre es möglich, Elementarereignisse rückzuversichern. Auf diese Weise lassen sich fremdartige Geschöpfe zwar zur allgemeinen Beruhigung irgendwie und irgendwo einordnen. Nur ist es leider so, daß in einer Welt des Entweder-Oder Natur und Drachen nicht mehr mit sich reden lassen und so tun, als wären sie verschwunden.

Total vernachlässigte Wesen können bekanntlich früher oder später zu wütenden Bestien werden, die alles (auch sich selbst) in ihrem Toben zugrunderichten - wenn sie es nicht vorziehen, in Apathie, Resignation und totaler Abgeschiedenheit zu versinken und zu verkümmern. Die Ursache dafür ist aber nicht das Naturhafte, sondern ganz allein der Mensch! Denn er selbst hat die sogenannten Instinkt- und Naturkräfte brutal von sich gestoßen und in die Verbannung geschickt - und damit die Tür zur Anderwelt zugeschlagen und verriegelt. Nicht genug damit - er nutzt die Ander-Wesen je nach Bedarf und nach eigenem Gutdünken, denkt statt in (horizontalen und vertikalen) Beziehungen nur ichbezogen und verteilt gescheit psychologisierend Schuldzuweisungen, welche der Natur (und dem Unbewußten bzw. dem Anderweltlichen) einen prinzipiell zerstörerischen oder zumindest ambivalenten Charakter zuschreiben. Dabei wird bewußt (?) übersehen, daß seit Anbeginn der Zeiten ein Gleichgewicht der Kräfte waltet. Doch der sich selbst als die Krone der Schöpfung betrachtende Mensch verrückt in seinem inflationären Gehabe die Harmonie nach eigenem Gutdünken, bezeichnet die Anderwelt eher abwertend als 'das Unbewußte' und hindert sich selbst daran, beim Einschlafen und 'Hinübergehen' bewußt zu bleiben. Kein Wunder, daß ein harmonisches Zusammenwirken unmöglich wird und statt dessen (in theoretischer Verbrämung) unvereinbare Gegensätze aufreißen.

Der Mensch hat in seiner rationalen Hybris und seinem technokratischen Machthunger das Gleichgewicht aus den Angeln gehoben. Nun muß es irgendwie wiederhergestellt werden - notfalls mittels Katastrophen und unter Zuhilfenahme tobender Drachen. Es wäre deshalb klüger, danach zu fragen, wie es zu der fatalen Aufspaltung all der Gegensätze hat kommen können. Zu einem Aufklaffen, das keineswegs Vorbedingung für die Bewußtwerdung ist, sondern unseren Planeten nunmehr zu zerstören und Leben und Natur zu vernichten droht.

Es macht wenig Sinn, in der heutigen Situation speziell auf die polaren Kräfte hinzuweisen, wie sie die chinesischen Drachen im Spiel um die Ganzheit verkörpern, denn selbst dieses Spiel wird heutzutage als erbittert zu führender Wettbewerb aufgefaßt. Daß dabei die Kugel in unversöhnliche Teile auseinanderbirst, wird in Kauf genommen. Die Lage sieht düster aus! Und trotzdem ist - sehr zu meiner Freude - mir des Nachts schon mancher freundliche Drache begegnet! Doch friedliche Begegnungen sind eher die Ausnahme, denn Drachen gelten allgemein als Verkörperung der regressiven Haltung und als bedrohliche Repräsentanten des kollektiven Unbewußten und 'Naturgeistes'. Drachen (und (Kundalini-) Schlangen) werden in dualistischen Systemen prinzipiell in die Rolle von chthonischen, lichtfeindlichen und bösen Dämonen (meist weiblicher Natur) gedrängt. Wer sich diese Betrachtungsweise zu eigen macht, übersieht, daß in diesen Wesen ein Formprinzip ganz anderer Art aufleuchtet. Aufgrund angelernter Anschauungen wird eine direkte und bewußte Auseinandersetzung noch während des eigentlichen 'Traumgeschehens' versäumt. Und das ist weder für Drachen noch für andere anderweltliche Wesen sonderlich günstig - und schon gar nicht für den Menschen.
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Reise in die Welt der schrecklichen Drachen
In der Nacht auf den 3. Januar 1981 stehe ich - und hier beginnt die Erinnerung an das nächtliche Geschehen - mitten auf einer Straße eines größeren Dorfes. Da mir die Gegend völlig unbekannt ist, gelingt es mir nicht, die Häuseragglomeration in ihrem Umfang abzuschätzen. Dazu fehlt mir auch die Zeit, denn gleich vielen anderen Leuten blicke ich verblüfft und fasziniert zum Himmel hoch, von wo ein Holzboot von etwa 4-5 Meter Länge herabschwebt. Es landet nach einer Weile sanft auf der Wiese neben der staubigen Straße.

Die Menschen eilen sofort zu diesem unbekannten und besatzungslosen Gefährt, bei dem es sich allem Anschein nach um einen Boten außerirdischer Herkunft, um eine Art UFO handelt. Alle möchten damit fliegen! Zwei Männer klettern hinein und beginnen an zwei am Bug kreuzförmig angebrachten Holzstücken herumzuhantieren, worauf das Boot abhebt.

Aber die Flugbahn ist sehr unstabil und träge. Es scheint, als habe das Boot eine zu weite Reise hinter sich, um nach der langen Fahrt noch normal zu funktionieren. Es ist wie ein träges Holzboot auf stürmischer See schwer zu steuern. Vor allem die Kurven sind kaum zu nehmen. Deshalb landen die beiden Männer schnell wieder, worauf ein erfahrener (Motor-) Bootsmann gerufen wird.

Da es eine ganze Weile dauert, bis der Fachmann kommt, steige ich selbst in das Flugboot und versuche damit zu fliegen. Zwar gelingt es etwas besser als zuvor den beiden Männern, doch das Gefährt ist schwach und erschöpft und vermag nicht mehr ins All hinauszuschweben. Ich fühle mich dem Holzboot eng verbunden und spüre, wie es lebt und doch am sterben ist. Das stimmt mich traurig, denn es wäre mein Wunsch gewesen, die Spuren des Himmelsboten zurückzuverfolgen. Schweren Herzens lasse ich das todmüde Schiff nach kaum einer Minute wieder zur Landung ansetzen, klettere von Bord und gehe betrübt weg.

Beim nochmaligen Umschauen sehe ich den Bootsmann sich mit dem Boot in die Lüfte erheben. Vor allem die Kurven nimmt er technisch besser, aber auch er kann nicht viel mit dem Gebilde anfangen. Außerdem scheinen weder er noch die anderen eine Beziehung zu diesem merkwürdigen Ding aus dem All zu haben. Es ist bloße Neugier, die sie leitet, nicht ein Mitfühlen oder gar eine herzliche Anteilnahme, eine Sensationslust und keine rücksichtsvolle Einstellung bzw. religiöse Haltung. (Inhalt)

Die Zeit vergeht und die Leute haben das Boot längst wieder vergessen. Eines Tages begegnet mir am Wegesrand bei einem Haus eine merkwürdige Pflanze mit dunkelgrünen Blättern und dunkelrot-violetten Blüten. Das Gewächs ist offensichtlich ein Abkömmling des Bootes! Irgendjemand muß die kleine, etwa 30 Zentimeter hohe Pflanze beim Durchsuchen des Bootes gefunden, herausgenommen und bei sich zu Hause aufgestellt haben. Allerdings hatte die betreffende Person (eine alte Dame vielleicht, die mit Zimmerpflanzen umzugehen weiß) Schwierigkeiten mit diesem seltsamen Gewächs. Es mag sie auf die Dauer befremdet haben, daß das Lebewesen außerirdischen Ursprungs ist. - Wie dem auch sei, jetzt ist niemand mehr da, der sich um die Pflanze kümmert! Einsam und verlassen steht sie auf einer Treppe am Rande der Veranda.

Ich trete zur Pflanze hin, schaue sie genau an und prüfe mit den Fingern den Feuchtigkeitsgrad der Erde. Die Blätter machen den Eindruck, als seien sie krank. Die Erde ist naß, als hätte das Wasser nicht recht abfließen können. Es stellt sich die Frage, ob die Pflanze nicht wesentlich mehr und vor allem frisches Wasser benötigt, denn mit dem abgestandenen Naß scheint sie nicht zurechtzukommen. Also rede ich mit der Pflanze und sage dann:
«Brauchst du Wasser?»
Das pflanzliche Wesen reagiert nicht auf meine Frage, aber irgendwie weiß ich einfach, daß sie auf ihre Art direkt antworten könnte. Nur scheint sie selbst nicht zu wissen, wie das in dieser für sie fremden Welt zu machen wäre. Deshalb schlage ich vor, sie solle versuchen, Seitenäste und Blätter anzuheben. Das sähe dann so aus, als atme sie ein. Und das wiederum bedeute für mich, daß sie mit der Wasserzufuhr einverstanden sei. - Tatsächlich antwortet die kleine Pflanze auf meine nochmals gestellte Frage auf eben diese Weise und hebt ihre Ästchen mitsamt den wenigen Blättern. Es ist, als würde sie tief seufzen.

Schnell hole ich Wasser und gieße es in den Topf und damit in die Erde. Fast augenblicklich beginnt die Pflanze zu wachsen! Die Blätter werden größer und verlieren ihre matte Farbe. Die Blüten leuchten auf und vermehren sich. - Mir scheint, das grüne Wesen brauche unbedingt Mineralstoffe, denn trotz oder gerade wegen des sichtbaren Wachstums bedarf es bestimmt noch dieses oder jenes Stoffes zusätzlich. Es könnte wohl noch stärker wachsen und wesentlich kräftiger werden. An Kohlendioxyd-Mangel wird es kaum leiden, denn dieses Gas ist in der Luft reichlich vorhanden - also können es meiner Ansicht nach eben nur die Mineralstoffe sein. Dieses Gewächs hat möglicherweise einen wesentlich höheren Mineralstoffbedarf als irdischen Pflanzen. Auf meine diesbezügliche Frage antwortet das Wesen eindeutig positiv. Also gehe ich und bereite eine Art Müsli vor, in das ich vor allem eine Mineralstoffmischung gebe. Es entsteht eine trockene Masse von weißer Farbe und körniger Konsistenz. Diese Masse gebe ich löffelweise in den Topf. Sie versinkt in die Erde und wird anscheinend sofort von der Pflanze aufgenommen, denn sie beginnt nun mit einer geradezu irrwitzigen Geschwindigkeit zu wachsen - und will einfach nicht mehr aufhören damit!

Dann verbreitert sich mit einem Male die Basis des Stammes und bildet zu meinem größten Erstaunen ein schlankes Boot von einigen Metern Länge und einer Breite von nur knapp ein Meter, während sich die ganze 'Krone' zu einem Masten mit einem oder mehreren Segeln umwandelt! Anschließend hebt das Gebilde von der Erde ab und bleibt schwebend in der Luft stehen.

Erst jetzt realisiere ich, was geschehen ist. Die außerirdische Pflanze ist zu einem neuen Himmelsgefährt ausgewachsen - und wartet nun darauf, daß ich zusteige und mich von ihm in unbekannte Fernen tragen lasse. Voller Freude komme ich der Aufforderung nach und versuche die etwas anders gebaute Steuerung, die - wie ich schnell merke - ausgezeichnet funktioniert.

Bald haben wir die Erde unter uns zurückgelassen und durchqueren die Weite des schwarzen, sternenübersäten Weltenraumes. Es ist eine wunderschöne und sehr eindrückliche Fahrt! Die Geschwindigkeit ist überaus hoch. Als nächstes bemerke ich, daß wir auf einem fremden Planeten gelandet sind. Vielleicht bin ich auch eingeschlafen und vermag deshalb die Zeit zwischen Abreise und Landung nicht abzuschätzen.

Das Boot ist nun wesentlich größer und kommt mir wie ein mächtiges Schiff mit hohen Masten und schwerer Takelage vor. Jetzt sind auch mehr als ein Dutzend Menschen an Bord. Nicht ich bin der Kapitän und auch sonst niemand. Es ist einfach derjenige, der das Schiff 'entdeckt' und die engste Beziehung zu ihm hat. Und diese Rolle scheint nun mal mir selber zuzufallen. Mir kommt es jedoch so vor, als wäre ich einfach ein kleiner Teil des Schiffes, während es selber der wesentliche Teil von mir ist. Wir beide sind jedenfalls in einer innigen Freundschaft miteinander verbunden.

Nach und nach wird mir klar, daß wir auf einer sehr befremdlichen Welt gelandet sind. Sie ist irgendwie düster, unheimlich und macht den Eindruck extremster Technisierung. Sogar von unserem Liegeplatz aus, der etwa 200 Meter von der Hafenanlage entfernt auf dem Meer draußen ist, sind einzig Industrieanlagen zu sehen. Riesige Fabrikgebäude ragen auf, mächtige Hochspannungsleitungen durchkreuzen die Gegend bis zum Horizont und hohe, qualmende Schornsteine stechen in den Himmel - so weit das Auge reicht. Über allem lastet ein träger, grauer Dunst. Das Wasser ist eher schwarz als blau, scheint ölverpestet und tot. Eine merkwürdige Stimmung hängt über allem - als wären die Menschen dieser Welt völlig eingespannt in den Arbeitsprozeß und damit in eine Lebensweise, die ausschließlich industriell und technisiert ist.

Irgendwie wird unsere Anwesenheit auf dieser Welt geduldet. Sonst wäre es unmöglich, hier ungestört vor Anker zu liegen. Aber diese Akzeptierung ist wiederum rein technischer Art. Wir sind zwar keine Feinde, gelten aber doch als Störenfriede, die möglichst bald zu verschwinden haben. Man will uns schnell loswerden, um sich nicht mit dem, was wir vertreten und sind, auseinandersetzen zu müssen. Ob zwischenzeitlich sogar eine Art Wandel zu unseren Ungunsten stattgefunden hat, vermag ich nicht zu beurteilen, allerdings ist es zu vermuten. Wie dem auch sei, wir haben eine Unmenge von (Abschieds-) Geschenken erhalten - so, als wären wir Fremde aus dem All, die man unbedingt günstig stimmen und bei guter Laune halten muß, damit sie möglichst schnell wieder gehen. Doch weshalb fürchtet man uns? Plötzlich wallt die See etwa 300 Meter weiter draußen auf! Graue Gischt spritzt gellend hoch und ein abscheulicher Drachenkopf platzt aus den Tiefen des Wassers. Es ist ein geradezu gigantisch zu nennender Schädel, der uns da mit urtümlicher Kraft entgegenlauert, emporgehoben von einem beschuppten, walzenförmigen Schlangenkörper, dessen Dimensionen kaum zu erahnen sind. Die Augen des Biestes sind riesengroß, leuchten rot-orange und glotzen bösartig zu uns herüber. Zweifellos wird der gräßliche Drache das Schiff angreifen und zerfetzen, den Weg zu den Hafenanlagen auf diese Weise frei bekommen und dann die Uferzone zermalmen. Mit Entsetzen erkenne ich, daß dieser Meeresdrache rein destruktiv ist. Eine wahre Ausgeburt der Hölle ist den Fluten entstiegen! Solch ein Wesen (es gibt bestimmt noch andere in diesem schwarzen Meer) ist eindeutig das Produkt einer total technisierten Welt, die rücksichtslos die Natur verschmutzt und auf diese Weise die Ausbildung von positiven Drachen prinzipiell unmöglich macht.

Mir bleibt keine andere Wahl, ich werde dem Schiff die Vernichtung des Untieres gestatten müssen! Das Boot hat nämlich ebenfalls gesehen, daß ein Ungeheuer uns bedroht, hält sich jedoch zurück und wartet ab. Doch wir haben in der jetzigen Situation einfach keine andere Möglichkeit, als den Drachen zu vernichten, weil dieser uns unmittelbar gefährdet!

Zwei helle Lichtbündel brechen aus dem Mastbereich des Schiffes und vereinigen sich nach wenigen Metern zu einem einzigen Strahl, der direkt auf den Kopf des Monsters zusteuert, auftrifft und ihn in einen lodernden Feuerball verwandelt. Unter dem Druck des Lichtes platzt der Drachenkopf und spritzt auseinander. Glühenden Teile sausen durch die Luft und klatschen zischend und dampfend in die aufgewühlte See. Das imposante Schauspiel dauert nur wenige Sekunden. Die schwarzen Wellen gurgeln über die absinkenden Reste des getöteten Untieres, klatschen schmatzend in sich zusammen, lassen ein letztes Mal die Wasseroberfläche aufkräuseln und glätten sich wieder zu einem Teil des dunklen Meeres.

Das Schiff bitte ich, trotz der eingekehrten Ruhe aufmerksam zu bleiben und nach weiteren Drachenmonstern Ausschau zu halten. Immerhin schwebt das Boot einige Meter über der Wasseroberfläche, so daß kein Teil unter der Wasserlinie verbleibt, der angegriffen werden könnte. Mit ein wenig Aufmerksamkeit dürfte es also ein Leichtes sein, einen Überraschungsangriff zu vermeiden. Weil mir das Untier - aber auch die Lebensweise auf dieser Welt, die solche Wesen heranwachsen läßt - nicht behagen will, gebe ich das Zeichen zum Abflug. Alle sind an Bord! Das Boot folgt meinem Ansinnen und erhebt sich in die Luft, kippt jedoch nach wenigen Metern vornüber ab und fällt zurück. Nochmals versucht es zu starten - wiederum dasselbe. Und dann geschieht das Unbegreifliche ein weiteres Mal.
«Nein, versuche es nicht mehr!» rufe ich, lasse das Schiff in der Luft schweben und mache mich daran, herauszufinden, weshalb das Boot nicht abheben kann. Bald einmal ist die Ursache entdeckt. Auf der Unterseite des Rumpfes befinden sich etliche viereckige, nach unten hin offene kubikmetergroße Abteile, die allesamt mit Geschenken randvoll angefüllt sind. Diese können nicht abfallen, da sie vom Rumpf des Schiffes angezogen und damit festgehalten werden, sind in ihrer Gesamtheit jedoch zu schwer.

Da gibt es etliche, aus einem besonders kostbaren Material (nicht Elfenbein!) bestehende Billardkugeln, die auf dieser Welt als Zahlungsmittel verwendet werden. (Die Ganzheit scheint hier in viele einzelne Teile zerfallen. Sie ist dissoziiert und dient nur noch als Zahlungsmittel, was einer Verfremdung und Abwertung gleichkommt und Ausdruck der Selbstgefälligkeit dieser Welt ist.) Die Kugeln sind unterschiedlich groß, verschieden gefärbt und mit einer Wertangabe versehen. Da gibt es 10er, 20er und 50er Kugeln, wobei die 10er Kugel eine Kaufkraft von etwas mehr als 1500 SFr oder beinahe 2000 DM hat. Außer den Kugeln hat es große Mengen Pillen und Pülverchen in allen Farben. Dabei handelt es sich um Psychopharmaka und ganz allgemein um Drogen. - Es ist unglaublich! Hier werden offenbar sämtliche Gefühle mittels chemischer Substanzen - und auf keine andere Art und Weise - hervorgerufen und reguliert! Erst jetzt, nach dem Anschauen der Packungen, erkenne ich die Tragik dieses Planeten. Diese vollständig industrialisierte Welt bedingt eine durchgehend technisierte und technologisch orientierte Gesellschaft ohne irgendwelche spontanen Gefühlsäußerungen. Gefühle werden einzig durch die Einnahme von Drogen erzeugt, treten also nur gesteuert, geregelt und kontrolliert durch die entsprechenden Substanzen auf.

Jetzt belasten die Drogen unser Schiff und verhindern das Auffliegen und damit die Wegreise. Wir müssen das Zeugs möglichst schnell wieder loswerden! Da an ein Hochsteigen wegen der zusätzlichen Last nicht zu denken ist, lenke ich das Schiff horizontal in Richtung des Hafenindustriekomplexes, um zwischen den gigantischen Anlagen einen Platz ausfindig zu machen, an dem wir das Überflüssige abladen können. Das muß - um Gegenreaktionen zu vermeiden - völlig unauffällig geschehen. Wenn nämlich entdeckt wird, daß wir uns weigern, die Errungenschaften dieser Gesellschaft anzunehmen, käme es unweigerlich zu einem Angriff!

Nur mit äußerster Mühe bewegt sich das Boot in die von mir gewiesene Richtung. Auf das offene Meer hinaus können wir nicht, weil das Schiff nicht hoch genug zu schweben vermag, so daß mit Angriffen von Drachenmonstren aus dem Wasser heraus gerechnet werden müßte. Zudem ist es sehr stürmisch und sehr dunkel geworden, was die Lage noch gefährlicher macht! Wir können einfach nichts anderes tun, als versuchen, an Land hinaufzukommen, was dank des Schwebens immerhin problemlos möglich ist. Zum Glück achtet unserer niemand. Alle meinen, wir seien weggeflogen. So gelingt es, unbemerkt in die sehr engen, menschenleeren Gassen zwischen den großen Fabriken hineinzugleiten.

Wegen der schweren Last kann das Boot nicht schnell genug abbremsen, weshalb es eine Mauer durchstößt, in eine Fabrikationshalle für Lokomotiven einbricht und beinahe mit einer gigantischen Lok, die eben eingefahren wird, zusammenprallt. Nur auf meinen dringenden Rat hin, sich zusätzlich anzustrengen, gelingt es dem Boot, vorher zu stoppen. Trotz der Tatsache, daß, wie ich jetzt feststelle, die Wand nicht durchbrochen und damit zerstört, sondern bloß durchdrungen wurde, ist mir das Risiko zu groß, mit der schweren Lokomotive zu kollidieren. Das Boot konnte sich zwar mitsamt allen Insassen bei der Durchdringung der Mauer in einen anderen Schwingungszustand versetzen! Aber ob die Differenz des Materialisationsgrades weiterhin aufrechterhalten werden kann und genügt, um auch die wesentlich kompaktere Lokomotive zu durchdringen, ist fraglich. Dafür gibt es keine Gewähr. Es genügt eine minimale Veränderung des Schwingungzustandes in Richtung Materialisierung und die Katastrophe ist geschehen. - Das Boot kommt wenige Zentimeter vor der Lok zum Stehen! Und keiner der wenigen Arbeiter bemerkt etwas, da wir für sie unsichtbar sind. Puh!

Langsam schweben wir hinter die Mauer und in die Gasse zurück, wo wir nach Angleichung des Schwingungszustandes an den dieser Sphäre endlich daran denken können, all den Ballast unter dem Rumpf abzunehmen. Das ist nicht mal so einfach! Zum Glück finden wir ganz in der Nähe einen leeren Abstellraum, der allem Anschein nach seit langem nicht mehr benutzt wird. In diesen hinein werfen wir die Kugeln, die Pillen und das Pulver - alles auf einen Haufen. Für die Menschen dieser Welt besitzt dieser Berg von Gütern einen unermeßlichen Wert. Deswegen ist es für uns enorm wichtig, darauf zu achten, daß niemand den Schatz sehen kann, wenigstens solange nicht, bis wir den Rumpf total gesäubert haben und abgereist sind.

Nach und nach klauben und kratzen wir das meiste ab. Plötzlich tauchen zwei dunkle Gestalten in der Gasse auf. Schnell halten wir in der Arbeit inne und tun so, als würden wir Rumpf und Seitenwände des Flugbootes reinigen. Da es sehr dunkel ist, merken die beiden nichts! Zudem stehen die Männer unter Drogenwirkung und sind deswegen nicht in der Lage, festzustellen, was hier geschieht. Es scheint sie auch gar nicht zu interessieren. Dies um so weniger, als die Kerle von mir zwei oder drei Billardkugeln von mittlerem Wert erhalten, worauf sie sichtlich zufrieden und beglückt schnell weitergehen, um das unverhofft Erhaltene sofort in Drogen umzusetzen. Jetzt ist die Gasse wieder leer und wir nehmen leise die eigentliche Arbeit wieder auf.

Später erscheint eine andere Gestalt! Erst beim Näherkommen entpuppt sie sich als junge Frau, als eine Bewohnerin dieser Welt, die im Gegensatz zu den beiden Männern sofort bemerkt, was hier geschieht. Sie steht nicht unter Drogen, ist aber - das wird rasch im Verlaufe des sich anbahnenden Gespräches klar - eine Outsiderin, nämlich eine jener ganz wenigen Menschen dieser Welt, die sich nicht mit dem abfinden, was hier geschieht. Für uns erweist sich dies als Glücksfall, denn die Frau zeigt uns, wie wir den letzten Rest der Geschenke loswerden können! Später weist sie uns zu einem winzig kleinen Laden, in dem illegale Drogen gehandelt werden. Hier lernen wir die inoffizielle Seite dieses Planeten kennen.

Der Laden wird von einer Ehrfurcht heischenden Gestalt, einem 'alten Juden', im Verborgenen geführt. Freundlicherweise ist der Alte nach einem Gespräch und für eine 50er Billardkugel bereit, zwei ganz besondere Drogen herauszugeben. Diese beiden Substanzen bieten im Gegensatz zu den legitimen bzw. legalen Drogen dieser Welt die Möglichkeit zu normalitätssprengenden Erfahrungen. Gerade deswegen sind sie strengstens verboten! Wie der alte Mann 'Geld' herausgeben will, sage ich ihm, daß er es behalten könne. Ferner mache ich ihn auf den kleinen Raum aufmerksam - mit der Bitte, die wertvollen Objekte daraus zu entfernen. Wir wären dann außer Verdacht und könnten problemlos abreisen, während er und seine Bekannten für ihre Mühe reichlich belohnt würden. Der alte Mann erklärt sich einverstanden, worauf wir schnell zum Boot zurückgehen und einsteigen. Die junge Frau kommt mit! Und los geht die Reise! Das Schiff, von der Last befreit, kann wieder senkrecht hochfliegen. Wir sind gerettet!

Das wütende Brüllen der Drachen
Zu den süchtigmachenden Drogen gehören nicht nur Heroin oder Kokain, sondern auch Nikotin, Alkohol und Mittel gegen Depressionen, zur Beruhigung, für den Schlaf oder zur Leistungssteigerung - um nur ein paar wenige zu nennen. Im Gegensatz zu den erstgenannten sind letztere nicht verboten. Doch auch sie machen abhängig! Wer davon loskommen will, kann böse Überraschungen erleben, denn die Entzugserscheinungen sind schwerwiegend.

Es gibt Drogen, die weder in die Abhängigkeit führen noch das Bewußtsein trüben. Sie werden von einigen Schamanen und Medizinmännern gezielt eingesetzt, um in anderweltliche Bereiche zu reisen. Ihr Einsatz verlangt jedoch unbedingt ein entsprechendes soziales Umfeld, eine zutiefst religiöse Haltung und ein stabiles, keineswegs inflationär aufgeblasenes Ich. Keine dieser Voraussetzung ist in einer auf den Konsum ausgerichteten technisierten Welt erfüllt! Unsere Gesellschaft weiß mit den Erfahrungen, die durch Drogen wie beispielsweise LSD ausgelöst werden, nicht umzugehen, weshalb es völlig sinnlos ist, Substanzen einzunehmen, die das Tor zur Anderwelt öffnen. Wer aufgrund seiner konsumatorischen Haltung sensationshungrig einen Durchbruch erzwingt, tut dies aufgrund seiner mangelnden Bescheidenheit, seiner fehlenden Ehrfurcht und seines unzulänglichen Wissens. Einmal drüben, werden sich die Gewalttätigen nicht wundern dürfen, wenn ihnen fürchterliche und überaus gewalttätige Drachen begegnen, welche die Wirklichkeit der Welten hüben wie drüben zermalmen, vernichten und bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Die Anderwelt wird schließlich aus dem Erfahrungsfeld verschwinden, die Pforten werden versiegelt - und die offiziell gebilligte Realität des Materialismus wird zur einzig akzeptierten.

Wir sollten unbedingt lernen, dem Drachen (der zumeist von der Jungfrau bereits an der Leine gehalten wird) ehrfürchtig und zurückhaltend zu begegnen. Ritter, die hoch zu Roß mit vorgestreckter Lanze auf das zum Untier hochstilisierte Geschöpf losgaloppieren, es durchbohren und triumphierend mit dem Schwert den Kopf des scheinbaren Gegners abschlagen, sind nicht heroisch, sondern dümmlich. Es würde ihnen weitaus besser anstehen, genauer hinzublicken und auch dieses Wesen zu bezähmen und zu erlösen, anstatt blind weltlichem Ruhm und vergänglicher Ehre nachzujagen. Wie heißt es doch im chinesischen Märchen «Die verstoßene Prinzessin»:

«Die Drachen sind groß durch die Kraft des Wassers.
Die Menschen sind groß durch die Kraft des Feuers ...
Feuer und Wasser bekämpfen sich ...
Darum bespricht sich unser Herr nun mit dem Priester, um einen Weg zu finden, wie Feuer und Wasser sich ergänzen können.»

Ergänzen können! Nein, Drachen gehören nicht zu den lichtfeindlichen Dämonen, sondern sind Ausdruck der schöpferischen Lebenskraft und der anderweltlichen Dinge. Sie verbinden das Oben-Unten mit dem Unten-Oben und bringen - wenn auch manchmal abgründig - den Kreislauf zur Einung. Zerstörerisch werden sie nur, wenn das Ich sich anmaßt, mit unlauteren Mitteln jene Schätze zu beschaffen, die ihm weder zukommen noch zustehen. Wenn solch ein Ich rücksichtslos in die Anderwelt eindringt und deren Einwohner ignoriert und sogar hintergeht, brechen die Drachen mit unüberwindlicher Wildheit und verschlingender, animalisch-dämonischer Macht los. Wie sollten sie auch dazu kommen, sich erkennen und zähmen zu lassen, wenn selbsternannte Helden nur Tod und Vernichtung in ihre Welt hineintragen? Dabei wären sie durchaus bereit, dem Menschen friedlich zu begegnen und sind sogar willens, sich mit ihm zu versöhnen!

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