Die Berufung zur nächtlichen Seelenfahrt
Werner Zurfluh
Erstmals veröffentlicht in: Die Märchenzeitschrift Nr. 2 1994 - 2. erw. Aufl. 1996 im HTML-Format
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Bekanntlich gibt es bei vielen Völkern Berufe, die nicht einfach so zu erlernen sind, weil es zu deren Ausübung einer Berufung und damit einer Legitimation bedarf, die nicht vom Alltag herrührt, sondern aus dem Innern stammt. So beispielsweise die Berufung zum Schamanen, die oft durch ganz besondere und dramatische Traumerfahrungen geschieht. (Anm.1) Obwohl unsere Gesellschaft die Innenwelt im allgemeinen nicht als spirituelle Dimension und als ebenso wirklich und real wie die Außenwelt anerkennt, kommt es manchmal im Traum zu Erlebnissen, die durchaus als Berufung aufgefaßt werden könnten. Unter Umständen handelt es sich sogar um eine Einweihung in Form einer Belehrung, Unterweisung und Offenbarung, die äußerst beeindruckend ist und den Charakter einer Initiation hat.

Sollte eine initiatorische (Traum-) Erfahrung entgegen allen Erwartungen geschehen, wird es - der allgemeinen Traumauffassung und dem kulturellen Selbstverständnis entsprechend - eher als beunruhigend empfunden, in einem ziemlich abwertenden Sinne behandelt und verdrängt. Träume dienen nicht als Hinweis für die eigentliche Berufswahl und Berufsausbildung. Im allgemeinen werden sie bei lebenswichtigen Entscheidungen nicht mitberücksichtigt und zu Rate gezogen. Weil nun Träume einfach während des Schlafzustandes des Leibes geschehen, lassen sich die Welten des nächtlichen Erlebens nicht endgültig ausschließen und kontrollieren. Sie sind jedem Menschen direkt zugänglich! Wenn der Körper schläft, stehen die Pforten zu den transzendentalen und heiligen Wirklichkeiten offen. Die Quellen der Nacht versiegen niemals ganz.

Viele der nächtlichen Ereignisse beschäftigen sich - wie alte Märchenerzählungen - mit der Entwicklung und der Reifung des Menschen, womit stets der Aufruf und die Berufung zu einem vollständigen Menschsein verbunden ist. Hier geht es in manchen Fällen wirklich um ein Eingeweihtwerden, um eine Initiation auf dem Weg der Individuation. Derartige Einführungen transzendieren das Wissen einer Person und gehen weit über eine lehrhafte Ausbildung, wie sie etwa die berufliche darstellt, hinaus. Berufe sind in unserer Zeit erlernte und grundsätzlich auswechselbare Tätigkeiten, die "zum Zwecke des materiellen Lebensunterhaltes im Rahmen einer arbeitsteiligen Lebens- und Wirtschaftsordnung" (Anm.2) ausgeübt werden. Mit einer Berufung haben sie kaum noch etwas zu tun. Im Gegensatz zu einem Beruf, den der Mensch des Gelderwerbs wegen ausübt, reift das Menschsein mittels umwandelnder Erlebnisse von der Unwissenheit zur Weisheit und Vollständigkeit. Eine solche Menschwerdung läßt sich nicht mit einer schulischen und beruflichen Ausbildung oder einer Umschulung erlangen und ist nicht mit Geld zu kaufen, sondern bedarf der bewußten Begehung und Erschließung der "inneren Welten".

Der Weg des Menschen vollendet sich nämlich wie der von heldenhaften Märchengestalten in Form von Erlebnissen und Entscheidungen und nicht durch Belehrung und Anwendung von Lehren. (Anm.3) Reifes Menschsein geht weit über den Kopf, die äußere Welt, die berufliche Tätigkeit und die Geldbörse hinaus. Es umfaßt gravierende und großartige, aus der Tiefe des "inneren" Lebens aufleuchtende "Erlebnisreisen". Heino Gehrts versteht unter dem Wort Märchen in seinem "wissenschaftlichen Sinne" "eine kurze, heute zumeist der Unterhaltung dienende und phantastisch anmutende Erzählung von zauberhaften und wunderbaren Begebenheiten, die in den schamanischen und den rituellen Kulturen als Initiationserlebnisse sich wirklich ereignet haben und auch ereignen konnten - deswegen nämlich, weil sich die Initianden in einem anderen als dem heute für normal gehaltenen Bewußtseinszustand befanden und somit geöffnet waren, wie ihre Kulturen überhaupt, gegenüber allen Erscheinungen und Wirkungen ihrer Welt". (Anm.4)

Unsere Kultur filtert aus der Fülle der Erscheinungen und Wirkungen das ihr Unpassende heraus und bezeichnet es beispielsweise als Einbildung. Doch in der Nacht ereignen sich im Schlaf nach wie vor zauberhafte und wunderbare Begebenheiten. Es sind dies sozusagen "Begegnungen der dritten Art", welche durchaus mit initiatischen Erfahrungen zu vergleichen sind, denn sie entführen den Menschen in eine Anderwelt weit jenseits des Alltäglichen und manchmal sogar in die Urzeit mythischer Geschehnisse. Doch ist es oft schwierig, Dinge zuzulassen, die unerklärlich und mit dem Verstand nicht zu beschreiben sind. "Die Geisterwelt spricht nicht in den Sprachen der Menschen", sagt der Medizinmann Stalking Wolf zu Tom, "sondern durch die Sprache des Herzens. Du mußt lernen zu wissen, ohne zu wissen. Lerne zu verstehen ohne Worte! Manche Dinge bleiben besser unerklärt, denn sie zu erklären, würde nur Verwirrung stiften." (Anm.5)

Die folgende Erfahrung vom 22. November 1980 entsteigt einer Wirklichkeit, die vom Alltäglichen weit entfernt ist. Sie gehört zu den Geschichten, die nicht durch die rationale Sprache der Menschen, sondern durch die spirituelle Sprache des Herzens sprechen.
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Nachdem ich meiner Aufsichtspflicht als Lehrer während einer Biologieprüfung nachgekommen bin, öffne ich ein Fenster, steige auf den Sims und fliege in einem weiten Bogen über den Schulhof. Weil ich mir darüber klar bin, zu träumen, beschließe ich, während des Fluges meine Beine zu überkreuzen und im Yogasitz dahinzuschweben. Das macht mir großen Spaß! Ich habe keineswegs die Absicht, aus dem Traumgeschehen auszusteigen, sondern genieße das leichte Dahingleiten und frage mich bloß, was nun geschehen wird. Kurze Zeit danach gerate ich unerwartet in eine total andere und extrem fremdartige Situation. Dabei kommt es zu einer äußerst merkwürdigen und nur schwer zu begreifenden Veränderung. Es dauert eine ganze Weile, bis ich realisiere, was überhaupt geschehen ist. Und erst nach und nach bin ich mir wirklich sicher, die neue Situation zu erfassen, denn sie ist derart ungewöhnlich, daß sie mir völlig unglaubwürdig vorkommt.

Tatsächlich könnte die Überraschung nicht größer sein, als mir endlich mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit bewußt wird, daß ich - ein Krokodil bin! Trotz der total neuartigen Lage geht die Kontinuität des Ich- Bewußtseins nicht verloren, und es ist mir möglich, Vermutungen anzustellen. Ich denke, daß es sich hier wahrscheinlich um eine uralte Inkarnation handelt. Vielleicht bin ich aber auch in eine Existenzform hineingeraten, die zu einer Parallelwelt gehört. Auf diese und ähnliche Weise versuche ich mir das Unerklärbare einigermaßen verständlich zu machen, was aber an meiner momentanen Situation auch gar nichts ändert. Mein Bewußtsein als Krokodil ist echt merkwürdig und völlig ungewohnt, was anscheinend mit den absolut fremdartigen Körperempfindungen zusammenhängt. Zwar bin ich irgendwie eins mit dem Tierkörper, doch fehlt gleichzeitig eine die gesamte Körperlichkeit des Krokodils umfassende "bewußte" Verbindung. Der Kontakt ist - wie ich feststelle - wesentlich besser als bei anderen Bewußtseinsübertragungen, bei denen es sich um ein Reh und um einen Hirsch gehandelt hat. Damals hatte ich nämlich überhaupt keinen Anschluß an die körperliche Befindlichkeit der betreffenden Tiere. Jetzt sind gewisse Empfindungen vorhanden und Wahrnehmungen möglich - aber nicht alle, denn einige sind mir trotz aller Bemühungen zunächst nicht zugänglich. Es ist, als wäre mir im Normalzustand, d.h. in der Körperform "Mensch", ein Bein oder ein Arm völlig eingeschlafen, so daß überhaupt nichts mehr zu spüren und zu fühlen ist und keine Bewegungen mehr ausgeführt werden können. Deshalb dauert es ziemlich lange, bis ich endgültig, d.h. empfindungsmäßig und nicht bloß optisch, die Gewißheit habe, nun als Krokodilmännchen zu leben, denn ich muß mich ziemlich mühsam und Schritt für Schritt erst an die neuen Empfindungen sozusagen herantasten, mich ihnen öffnen und mich an sie gewöhnen.

Schließlich gibt es jedoch überhaupt keinen Zweifel mehr an der wahnwitzigen Tatsache, daß ich ein Krokodil bin bzw. den Körper eines Krokodils habe! Als wäre die Sache nicht schon kompliziert genug, merke ich als nächstes, daß meine "Frau Cathy" bei mir ist - und zwar ebenfalls in der Gestalt eines Krokodils! Nur ist sie als Weibchen um einiges größer und wesentlich stärker. Meine Krokodilsfrau und ich sind ein Paar, das seit langer Zeit zusammenlebt und eng miteinander verbunden ist. Wir bilden eine echte, eheähnliche Lebensgemeinschaft. Aus diesem Grunde sind wir "verpflichtet" - wenn ein solches Wort für Krokodile überhaupt passend ist - wieder einmal für Nachwuchs zu sorgen. Aber das ist jetzt gerade mit etlichen Schwierigkeiten verbunden, da ein Gebilde, das aussieht wie ein Bündel Schnüre, die Geschlechtsöffnung meines Weibchens verschließt. Auch deswegen habe ich etliche Probleme bei der Paarung. Der eigentliche Akt ist zwar nicht unangenehm, aber doch eher eine Art Pflichtübung und etwas Nebensächliches und Selbstverständliches.

Einige Zeit später gehen wir durch eine in der Dunkelheit liegende Stadt. Die Gebäude kommen mir (als Krokodil) sehr bekannt vor - aber dennoch kenne ich sie (als menschliches Wesen) überhaupt nicht. An einer ganz bestimmten Stelle, welche "Quelle der Krokodile" heißt, bleiben wir stehen. Früher plätscherte hier Wasser über eine senkrechte Wand mit zwei Einbuchtungen. In diese pflegten wir unsere Krokodilsschnauzen zu legen und das von oben herabfließende Wasser zu saufen. Jetzt wird dieser "Krokodilsbrunnen" aber von den Menschen nicht mehr instand gehalten, was ich als Krokodil sehr bedauere. In früheren Zeiten brachten die Menschen unserem Volk eine Art religiöser Verehrung entgegen. Sie kümmerten sich um uns! Doch in der Zwischenzeit scheinen sie uns vergessen zu haben. - Und mit einem Male erinnere ich mich wieder an jene Zeiten und spüre dabei deutlich, wie meine Krokodilsschnauze in der Rinne liegt und das köstlich klare und frische Wasser in meinen Rachen rinnt. Diese Erinnerung ist echt "krokodilern" und außerordentlich lebendig - und sie befriedigt und erfreut mich als Krokodil zutiefst. Auch die Gegend um den Brunnen herum kommt mir bekannt vor. Trotzdem ist mir der Ort total fremd. Denn ihn kennt einzig und allein der "Geist des Krokodils".

Der "Geist des Krokodils" funktioniert ganz anders als der menschliche. Es kommt immer nur zu einer Überlagerung, nie zu einer vollständigen Deckungsgleichheit der Erinnerungs- und Wahrnehmungsebenen. Was bis zu mir durchdringt und deswegen erfaßt und bewußt wahrgenommen werden kann, ist bloß die Gischt einer bis zum Gedächtnis heranbrandenden Welle. Und das macht es so ungemein schwierig, den Gemütszustand des Krokodils in seinem ganzen Umfange zu erfassen, obwohl ich ja auch das Krokodil selber bin. Der Anblick der dunklen Häuser erzeugt ein merkwürdig ziehendes Gefühl. Es müssen uralte Erinnerungen sein, die hier geweckt und aufgewirbelt werden. Sie haben nicht die Kraft, aus ihrer Vergessenheit emporzusteigen und bis zum menschlichen Sosein im Dasein des Krokodils durchzubrechen. Was bleibt, ist eine Art tieftrauriges Fernweh und ein Wissen um etwas, das schon sehr lange her ist. Ich versuche beinahe krampfhaft, die Ahnungen irgendwie einzuordnen: "Könnte es Ägypten sein?"

Schließlich gehen wir weiter und kommen bald einmal zu einem Haus, das in einer Reihe mit anderen steht und durch einen schmalen Wassergraben von der kleinen Straße getrennt ist. Hier in einem der Häuser soll eine rituelle Verbindung mit einer menschlichen Frau geschehen. Als Krokodil bin ich diesen rituellen Vereinigungen gegenüber nie abgeneigt gewesen, gehören sie doch wie der Brunnen zum eher angenehmen Zeremoniell des alten Kultes. So trotte ich gemächlich über die schmale Brücke in den Vorgarten des Häuschens und warte da auf die Frau, die herauskommen soll. Es dauert kaum eine Minute, da wird die Tür geöffnet. Eine alte Frau kommt heraus. Sie ist ungemein häßlich! Mit einem Peitschen des Schwanzes weiche ich entsetzt zurück und mache auf der Stelle eine Kehrtwendung. Deutlich ist dabei der mit Hornplatten bedeckte Körper zu spüren. Mit einem kratzenden Geräusch schleift er über die Steinplatten. Die Krokodilsgedanken, die beim eiligen Weggehen durch meinen Schädel purzeln, besagen etwa folgendes: "Sollen mir doch die rituellen Vereinigungen für dieses Mal gestohlen bleiben. Bei einer derart häßlichen Alten ist es sogar für ein altes Krokodil etwas viel, gute Miene zum bösen Spiel zu machen!" Meine Gefährtin wartet auf der anderen Seite. Sie hat alles gesehen und begreift, daß es mir in diesem Falle einfach unmöglich gewesen ist, der "Pflicht" als Krokodil den Menschen gegenüber nachzukommen.

Von der menschlichen Seite aus betrachtet ist dieses Ereignis schon sehr erstaunlich. Ein "heiliges Krokodil" weigert sich, das zu tun, wozu es verpflichtet gewesen wäre! Das Reptil hat offensichtlich Regeln verletzt und sich schlagartig vom Althergebrachten emanzipiert. Aber schließlich ist die Zeit gekommen, die Stätte der Menschen und des mit ihnen verbundenen kultischen Geschehens zu verlassen. Das spüre ich als Krokodil überdeutlich.

Beide - meine Lebensgefährtin und ich als Krokodile - sind wir mittlerweile alt, ja sehr alt. Jetzt müssen wir - von einem inneren Instinkt unwiderruflich getrieben - endgültig aufbrechen. Die große Wanderschaft beginnt - und damit eine ungewisse Zukunft. Die Gedächtnis- und Zeitenräume verschieben sich dabei unmerklich und fließend. Mein Weibchen trottet vor mir her, weshalb ich wieder einmal deutlich sehen kann, daß sie wesentlich größer ist. Sie ist ein gewaltiges und imposantes Wesen, dem ich mich mehr verbunden fühle als jemals zuvor. - Wir laufen und laufen. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis wir zur "großen Klippe" kommen - jedenfalls eine ganze Weile. Es ist ein mächtiger Felsabsturz von mindestens 100 Metern Höhe, der senkrecht zum Meer abfällt. Dieser Steilabfall ist für uns Krokodile von zentraler Bedeutung, denn wer hier hinabspringt, wird niemals mehr zurückkehren. Tausende sind bereits diesen Weg in das Unbekannte gegangen. Meine "Frau" meint, ich solle auf sie warten, damit wir gemeinsam hinabspringen können. Aber ich verspüre einen derart starken inneren Drang, mich in die Tiefe zu stürzen, daß ich einfach die Geduld nicht aufbringe, dies zu tun. So rutsche und krieche ich denn bis zum Rande des Felsabsturzes, erfasse mit einem Blick das imposante Schauspiel, stoße mich ab und springe hinaus. Überall - kilometerweit - sind Artgenossen zu sehen. Sie alle sind den gleichen Weg gegangen. Einige schweben regelrecht in der Luft, andere stehen immer noch oben, wieder andere schwimmen schon weit draußen und sind unterwegs zu einem fernen Land. Ich fliege durch die Luft und stürze hinab! Erinnerungen steigen aus den Tiefen meines Krokodilselbst und zerplatzen wie hauchdünne Seifenblasen an der Oberfläche. Für einen winzigen Moment scheinen sie greifbar - und wehen doch nur als Ahnungen vorbei, feinstverteilten Wassertröpfchen gleich, die sich auf der Haut niederschlagen und sogleich verdunsten. Es sind Erinnerungen an den "heiligen Weg", es ist ein Wissen um den Tod, das Sterben und die Verwandlung, es ist die Ahnung eines langen Lebens, eines unvorstellbaren Alters, des eigenen und das der Gattung. Erinnerungen an Jahrmillionen, Erinnerungen an eine Zeit, in der es noch keine Menschen gab, nur Wesen unserer Art, Fische und Kleingetier - und keine Vögel und Säuger. Dann treffe ich aufs Wasser und tauche sofort ab. Der Bauch wird nicht aufgerissen, denn der Bewegungsablauf des Eintauchens ist der eines Krokodils und nicht der eines Menschen. Unterwegs muß ich unwillkürlich an meine Partnerin denken. Aber das alles scheint nicht so wichtig. Jetzt beginnt die Reise in die Vergangenheit und gleichzeitig die Reise in die Zukunft. Ein bißchen fürchte ich mich vor dem eigenen Tod. Andererseits bin ich überzeugt, hier etwas zu erleben, das mit dem Tod, so wie ich ihn mir eher als menschliches Wesen vorstelle, nichts zu tun hat - und dennoch eng mit ihm verbunden bleibt. Diese Reise in den Tod ist eine Reise in die Weite der Gattungserinnerungen als Krokodil. Überall schwimmen Artgenossen im trüben Wasser. Das läßt mich unweigerlich wieder an "Cathy" denken: "Mit der Zeit werde ich sie wiederfinden! Jetzt ist das nicht so wichtig." Aus der grünblauen Tiefe steigen weitere schwache Erinnerungen und Gedanken hoch, die ich nur annäherungsweise in eine menschliche Sprache umzusetzen vermag:

"Wir Krokodile sind in diesem uralten Meer nur 'kleine Lebewesen'. Haie sind in dieser Welt die wahren Herrscher und Tyrannen. Diese gräßlichen Raubfische der Tiefsee steigen unvermutet auf. Schon mancher Artgenosse ist von ihnen zerrissen und gefressen worden!" Eine dumpfe Furcht packt mich. Jederzeit kann ein Riesenhai auftauchen und mich angreifen. Es ist die Ungewißheit, die mich erschaudern läßt. - Da sehe ich eines dieser gräßlichen Bestien lautlos aus der Dämmerung der Tiefe auftauchen. Aber auch wir Krokodile sind im Wasser sehr beweglich! Im letzten Moment weiche ich zur Seite, schnappe nach dem Raubfisch und zerfetze mit meinen Zähnen dem Untier die Bauchdecke. Das ist ein derart fremdes Gefühl, daß ich es nicht in Worte fassen kann. Es liegt in der Vergangenheit - unsagbar weit von allem Menschlichem entfernt. Nur ein Krokodil vermag zu ermessen, was da beim Kampf mit dem rosa- weißen, gräßlichen Hai geschieht. "Ob Cathy diesen Untieren entkommen wird?" Wie soll es weitergehen? Habe ich für alle Zeiten in einem Urmeer zu schwimmen oder auf der Erde herumzukriechen? Oder muß ich ganz aufs Trockene hinaufgehen und den weiten Weg in die Ferne, in eine ungewisse Zukunft, in Angriff nehmen?

Ein fremdartiges Ziehen bringt mich hinauf aufs Festland. Es ist ein dumpfes Getriebensein, das mich in diese Richtung lenkt. Doch weshalb und wozu? Langsam verblassen sowohl die fremde Umgebung wie auch die fremden Gefühle, und ich gleite ins Bett hinüber und damit in die menschliche Gestalt hinein. Gleichzeitig frage ich mich, wie ich als Krokodil gestorben bin und wie es nach dem Tode weitergangen ist. Plötzlich sind kleine Äffchen zu sehen, und ich erkenne, daß damit erst das mir vertraute Leben beginnt. Mit dieser Einsicht und der vollständigen Abkoppelung von allen Körperempfindungen des Krokodils verlasse ich endgültig die fremde Existenzform und merke dabei überdeutlich und schockartig, wie extrem merkwürdig all dies gewesen ist. Erstaunt richte ich mich im Bett auf und blicke auf die Uhr. Zwei Stunden und 30 Minuten sind seit Mitternacht vergangen.

Erst während des Beschreibens, Bedenkens und Nachempfindens dieser Erfahrung begreife ich nach und nach die ganze Tragweite dieser Erinnerungen. Es scheinen Erinnerungen an die Menschwerdung, aber auch Erinnerungen an die Einheit der Evolution, an die gemeinschaftliche Existenz aller Wesen und an die Ahnungen und Ängste werdender Gattungen zu sein. Erinnerungen an eine Instinkt- und Körperwelt, die zum Menschen geführt hat. Ich bin mir bewußt, daß etwas in dieser Art ohne Offenheit für die Vergangenheit und die Bereitschaft, das Fremde zuzulassen, nicht möglich gewesen wäre. Ein Ich, das sich ausschließlich mit seinem gewohnten Körper identifiziert und stur darauf beharrt, einen Leib von menschlicher Gestalt zu haben, hätte diese Initiation in eine fremde Lebensform als Alptraum empfunden und vorzeitig abgebrochen.

Der Mensch bedarf - wenigstens was meine Person betrifft - derartiger Erfahrungen, weil er auf diese Weise lernt, Teil einer Lebensgemeinschaft zu sein, die von der Vergangenheit herkommt und in die Zukunft voranschreitet. Es ist mir klar, daß viel Ideoplastisches und damit Subjektives mithineinspielt. Die Gefühle hingegen sind genuin und unverfälscht! Die "Krokodilserfahrung" ist eine Art Offenbarung über die Welt und das Dasein, durch die sich bei mir eine weitere, schrittweise Veränderung in bezug auf meine Vorstellungen von dem vollzogen hat, was allgemein als existentielle Lebensordnung gilt. Das damit verbundene Wissen war aus Büchern nicht zu lernen - und es hat mich als etwas Heiliges in meinen Grundfesten erschüttert.

Das Sakrale ist jedem menschlichen Wesen zugänglich, aber es kann nicht "auf einmal in seinem ganzen Umfang erfaßt werden", schreibt Mircea Eliade (Anm.6). Und weiter sagt er: "Die Vertiefung der religiösen Erfahrung und Kenntnis erfordert eine besondere Berufung oder eine außergewöhnliche Willenskraft und geistige Befähigung." - Es ist wahrscheinlich schon so, daß nicht gerade alle ein Erlebnis dieser oder ähnlicher Art bestehen, wie ich es eben beschrieben habe. Allerdings verfüge ich über keine außergewöhnliche Willenskraft und bin auch nicht übermäßig geistig befähigt. Was bleibt, ist die Berufung zu einer vertieften religiösen bzw. spirituellen Erfahrung. Das ist keineswegs extrem selten und außergewöhnlich, denn derartige Erlebnisse gehören ebenso zum Menschsein wie die Liebe. Wichtig ist nur, daß sie akzeptiert und gelebt werden. Wenn Dinge geschehen, die gewisse Ähnlichkeiten mit einer Initiation oder einer Initiationsprüfung haben, und damit die Chance besteht, zu einem anderen Menschen zu werden - ja sogar zu einem anderen Wesen -, sollten solche Ereignisse nicht leichtfertig beiseitegeschoben und mittels einer Deutungstechnik schubladisiert werden. Etwas, das mit der geltenden Weltanschauung nicht zu vereinbaren ist, fordert das Selbstverständnis ganz massiv heraus und bedarf einer ernsthaften Auseinandersetzung. Ein starkes spirituelles Erlebnis, das keine Konsequenzen zeitigt und keine Fragen hinterläßt, wird sofort vom Weltgetriebe und den Gewohnheiten verweht, denn Hektik und Streß überdecken selbst das Geheimnisvollste und Wunderbarste.

Mich hat am 22. November 1980 niemand gefragt, ob ich zum Krokodil werden will oder nicht. Ich wurde gewissermaßen dazu gezwungen und - um es mal so auszudrücken - spontan dazu berufen. Diese Existenzform hat mir schlagartig einen weiteren Aspekt der Seinsweise in Form eines mythischen und märchenhaften Geschehens eröffnet. Die Existenz als Krokodil erforderte sozusagen den Einsatz meines Lebens und verlangte das Letzte in bezug auf meine Bewußtheit. Aber grundsätzlich gilt das für alle Erfahrungen, die vom Gewohnten abweichen. Durch eine Initiation ändert sich nicht nur grundlegend die Sichtweise und das Bild, das der Mensch von sich selber und der Welt hat, sondern es offenbart sich ihm zugleich auch die Heiligkeit des menschlichen Daseins und des Weltalls und damit der gesamten Schöpfung. Es fragt sich nur, ob der Mensch bereit ist, eine ganz andere Seinsweise zuzulassen, statt sie bloß als Alptraum zu bezeichnen und abzuwürgen. Und ob er überhaupt willens ist, sich einer total fremdartigen Problematik zu stellen, sich unter Umständen eine neue Weltanschauung zu erarbeiten und eine notwendige Umkehr zu vollziehen. Da es niemanden gibt, der nicht mindestens einmal im Leben dem total Ungewohnten begegnet ist oder begegnen wird (spätestens angesichts des Todes), sind alle dazu berufen, sich mit dem Ganz-Anderen auseinanderzusetzen. Es herrscht kein Mangel an Berufung! Ob allerdings aufgrund einer Erfahrung "die Welt angehalten" wird und Stille einkehrt, und ob genügend Zeit für das Hinhören bereitgestellt wird, hängt oft vom Beruf ab. Es ist unter Umständen sehr mühsam und zeitaufwendig, bewußt das Unbekannte und Fremde zuzulassen, anzusprechen und aufzugreifen - und noch viel anstrengender, es in irgendeiner Form mitzuleben.

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Anmerkungen

Anm 1: Vgl. Mircea Eliade, Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Zürich: Rascher, 1957:23.
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Anm 2: Enzyklopädie des Märchens Bd. 2 S. 174
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Anm 3: Vgl. das aufschlußreiche Buch von Heino Gehrts, Von der Wirklichkeit der Märchen, Regensburg: Röth, 1992:7. - Besonders das 3. Kapitel "Vom Schlaf im Märchen" (99-161) zeigt, wie wichtig das Ringen zwischen Schlafen und Wachen und letzten Endes das Bewußtbleiben im Schlafzustand für die Lösung von Aufgaben und für die Erlösung ist. Wachtraum, die weiße Dunkelheit der Sonne, indianisches Schauwachen, germanische Útiseta, römisches Augurium, das Draußensitzen, die Sardinische Schlafhöhle und die Holsteinische Schlafhütte gehören ebenso zur Luzidität und damit zum Problemumkreis der Bewußtseins-Kontinuität während des Schlafzustandes des physischen Körpers wie Zauberschlaf, Hellschlaf, Grabwache, magische Flucht, Drachenkampf usw.
Anm 4: Ibid. 12-13.
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Anm 5: Tom Brown Jr., Das Wissen der Wildnis, Interlaken: Ansata, 1993:26
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Anm 6: Mircea Eliade, Das Mysterium der Wiedergeburt, Zürich: Rascher, 1961:71.
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