Der heilige Wert der Nahrung und die Wertschätzung der nächtlichen Eigenerfahrung Werner Zurfluh |
| Erstmals veröffentlicht in: Die Märchenzeitschrift Nr. 5 1994 - 2. erw. Aufl. 1996 im HTML-Format |
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Essen ist ein
grundlegendes Bedürfnis. Doch vor allem in Zeiten des Überflusses
wird leicht vergessen, daß der Leib in erster Linie der Nahrung bedarf, um
zu leben. Das tönt einfach und ist selbstverständlich! Doch was
geschieht mit den Kostbarkeiten der Mutter Erde, wenn Resten nicht mehr
aufgegessen, ganze Lastwagenladungen von Früchten auf die Straße
gekippt und Tiere auf dem Transport zum Schlachthof bestialisch geschunden
werden? Und wer denkt schon daran, sich bei den Pflanzen und den Tieren zu
bedanken, die ihr Leben geben, damit wir leben - oder sich gar vor der Tötung
eines Wesens bei diesem zu entschuldigen? Die Rohprodukte sind bis zur
Unkenntlichkeit verfremdet! Wie sollte also das Wissen um die Herkunft, den Weg
und die Zubereitung dem Endverbraucher zum Problem werden? Nahrung scheint
beliebig verfügbar. Und Einschränkungen sind eher krankheitsbedingt
und eine Frage der Gesundheitsvorsorge. Bei den "Naturvölkern"
gibt es aus anderen Gründen zahllose Nahrungsverbote. Diese haben sowohl
eine ökonomische wie auch eine geistige Funktion. Es
heißt, daß sich die Novizen "während der Dauer der Pubertätsriten
des heiligen Wertes der Nahrung bewußt"
(Anm.1) werden.
In
unseren Breitengraden ist eine Bewußtwerdung in Richtung Wertschätzung
der Nahrung weniger gefragt. Die durch den Supermarkt hasten, werden - zwischen
all den Sonderangeboten - keine Zeit für solche Überlegungen haben.
Inmitten der überbordenden Vielfalt scheint es zudem unvorstellbar, an
etwas anderes als das Konsumieren zu denken. Etwa daran, daß es um die
durch die Bewußtheit gegebene Möglichkeit der "schöpferischen
Gestaltung, Konsolidierung und Integrierung jener neuen Welt, die aus den
universalen und ewig gegenwärtigen Form-Elementen einer tieferen und
umfassenderen Wirklichkeit aufgebaut ist" (Anm.2) geht. Derartige Gedanken sind weit entfernt
vom Angebot in den überfüllten Regalen und viel zu abstrakt. Sie
scheinen auch nichts mit dem Fließgleichgewicht
(Anm.3), dem heiligem Wert der
Nahrung und der Welt der nächtlichen Erfahrungen zu tun zu haben! Und bei
all der Hektik des Einkaufsrummels bleibt keine Zeit, sich darauf zu besinnen,
daß es einen Bezug zu jener Speise gibt, die sich als "Frucht des
Baumes des Lebens" darbietet. Die Wirklichkeit liegt kaufbereit, zerstückelt
und hygienisch verpackt in den Vitrinen. Unter den Bergen von Waren geht die
wechselseitige Abhängigkeit der Dinge durch künstliche Abgrenzung
allemal verloren. Die Vielfalt erdrückt sowohl die Einheit wie auch die
wechselseitige Bezogenheit der Dinge, weshalb übersehen wird, daß
in jedem Teilchen das ganze Weltall gegenwärtig ist.
(Anm.4) Die potentiellen Käufer
bleiben Gefangene einer willkürlich aufrechterhaltenen Trennung.
Was den "Baum des Lebens" betrifft, sagt Rudolf
Steiner folgendes: "Würden wir von diesem Baume
haben essen dürfen, so würde für den Schlaf etwa Ähnliches
eingetreten sein wie für das Wachen". (Anm.5) Aber was hat denn Essen mit Wachen zu tun und
Warenangebot mit Bewußtheit? - Anhand des Traumgeschehens vom 16.
Februar 1976 sei eine Verdeutlichung dieses Zusammenhanges versucht:
.
Wie andere bin auch ich ein Gefangener und lebe in einem aus mehreren niedrigen Langgebäuden bestehenden Komplex am Rande eines ziemlich steil abfallenden Hanges. Das Lager steht unter dem Einflußbereich des Militärs und wird streng bewacht. Schon mehrere Male ist es mir beinahe - aber eben nur beinahe - gelungen, zu entkommen. Gerade wegen dieser Fluchtversuche hat sich meine Lage massiv verschlechtert. Wenn es mir jetzt nicht gelingt, zu entwischen, wird mich das Räderwerk der Machthaber zermalmen. Ein weiterer Fluchtversuch ist somit unumgänglich - in den frühen Morgenstunden noch vor der Tagwache. Zu dieser Zeit wäre es wohl möglich, wenigstens einen kleiner Vorsprung herauszuholen!
Leise schleiche ich kurz vor der Morgendämmerung aus dem Lagergebäude und klettere den steilen Hang nach rechts hinunter, wo ein kleiner Wald willkommene Deckung verspricht. Das Hinabsteigen ist äußerst mühsam. Aber nicht nur deswegen rinnt mir Schweiß von der Stirn. Solange ich auf offenem Gelände bin, wird man mich leicht abknallen können! - Nach bangen Minuten ist endlich der Waldrand erreicht.
Unten am Hang steht ein großes Haus, eine Art verlassenes Hotel. Es ist total verwüstet und dem Zerfall preisgegeben. Vorsichtig trete ich ein und sehe mich um. In der riesigen Küche steht ein Mann! Ein Koch, der hier arbeitet! Das erstaunt mich. Unmengen von Nahrungsmitteln liegen herum. Hunderte von Büchsen und ganze Stapel von Säcken versperren den Weg.
Beim aufmerksamen Betrachten dieser Fülle wird mir plötzlich klar, daß hier ein "Schlaraffenland" ist! Und mit dieser Einsicht brandet die Erinnerung heran. An diesem Ort bin ich schon oft gewesen! Da ist gemampft und gefressen worden - bis das eigentliche Vorhaben, nämlich die Flucht, unter der süßen Last der köstlichen Speisen erdrückt und vergessen war! Zum ersten Mal erkenne ich, daß es diese maßlose Völlerei gewesen ist, die alle meine früheren Fluchtversuche hat scheitern lassen! Das Verschlingen der Speisen hatte mich jeweils derart beansprucht, daß jeder Gedanke an etwas anderes verschluckt wurde und sozusagen im vollen Magen verloren ging. Aus diesem Grunde trottete ich nach der Schlemmerei stets selbstvergessen, selbstzufrieden und satt ins Lager zurück - oder dann ergab ich mich widerstandslos den Häschern, die meine Flucht entdeckt und mich verfolgt hatten.
Jetzt werden mir diese Zusammenhänge langsam klar - ich halte inne und beginne nachzudenken. - Es ist beschämend, zugeben zu müssen, daß das Scheitern der Fluchtversuche ganz allein meiner Gier zuzuschreiben ist. Erst jetzt bin ich - aufgrund der Luzidität - bereit, dieses Wissen zu akzeptieren und die mit der Bewußtheit gegebene Verantwortung zu übernehmen. Aus diesem Grunde gelingt es mir, die Küche und damit die Falle "Schlaraffenland" zu meiden. Das ist nicht leicht und bedarf großer Anstrengungen, denn dieser Bereich übt nach wie vor einen gewaltigen Sog aus. Immerhin verspricht er Genuß ohne jede Verantwortung! Doch schließlich gelingt es, die magische Kraft der verlockenden Fülle und der damit verbundenen Versprechungen aufzulösen.
Langsam steige ich in die Kellerräume - in der Hoffnung, via Untergeschoß aus dem Gebäude ungesehen herauszukommen. Hier unten herrscht das totale Chaos, und nirgends ist ein Lichtschacht oder ein anderer Ausstieg zu entdecken. Nach einigem Herumirren finde ich wenigstens eine Treppe, die wieder nach oben führt.
Ich steige hinauf und betrete einen großen Saal. Aber hier sieht es nicht besser aus! Dieses Gerümpel - ein wahres Durcheinander! Die Fenster sind verschlossen und mit schweren Läden verrammelt, vernagelt und verschlagen. Obwohl es kaum möglich ist, bis zu einem der Fenster durchzukommen, versuche ich eines nach dem anderen zu öffnen. Manchmal schwingt zwar ein Flügel auf, aber stets sind die Läden verriegelt oder verklemmt! Stolpernd und im Zickzack geht es von Fenster zu Fenster - mit zunehmender Enttäuschung.
Da fällt mir neben einer offensichtlich blockierten Tür ein schmales und hohes Fenster auf. Da es etwas andersartig ist, weckt es neue Hoffnungen, aber es ist überaus anstrengend, zu diesem Gebilde durchzukommen. - Endlich stehe ich davor, packe die Verriegelung und drehe sie ruckartig. Ein gewaltsames Ziehen und die Fensterflügel schwingen nach innen! Jetzt die Läden!? Aber die wollen selbst heftigstem Drücken nicht nachgeben! Es ist zum Verzweifeln! Wenn es hier nicht geht, wo soll es denn sonst gehen?! Ich versuche es nochmals und stoße und rüttle mit aller Kraft an den Holzläden - plötzlich geben sie nach und schwingen nach außen! Mir fällt wahrlich ein Stein vom Herzen!
Erleichtert und zufrieden steige ich sofort auf den Sims. Die Freiheit scheint zum Greifen nahe! Eigentlich geht es nur noch darum, in die neue Welt hinauszuspringen. Aber was ist da draußen? Ich zögere und schaue vorsichtshalber zuerst hinaus - und stelle erstaunt fest, daß sich da eine für mich absolut neue Dimension auftut. Meine innere Anspannung wächst ins Unermeßliche, denn jenseits dieses Gebäudes ist wider allen meinen Erwartungen eine ganz andere Welt. Und dann die Weite! Gigantisch! Ein Kosmos! An einem völlig schwarzen Himmel gleißen Dutzende weißer Galaxien!
Irgendwelche Farben sind nicht zu erkennen. - Das ist sehr merkwürdig! "Diese 'Farbenblindheit' ist wohl ein Ausdruck meiner Unerfahrenheit", denke ich. "Die Welten da draußen wären bestimmt farbig, wenn es mir nur gelänge, sie auch gefühlsmäßig einigermaßen zu 'erfassen'." Erst bei weiterem, aufmerksamem Hinsehen fällt mir auf, daß der Kosmos jenseits des Gebäudes - wiederum entgegen meinen Erwartungen - keineswegs ein Gegensatz zur alten Welt "innerhalb" bildet. Er tritt nicht in Opposition zum bisher Durchlaufenen. Vielmehr löst er die alte Struktur irgendwie auf und läßt sie zu einem Teil einer erweiterten Dimension werden.
Mir wird beim Gedanken an die nunmehr möglich werdenden Erkenntnisse und die daraus sich ergebende Verantwortung leicht schwindlig. Die neuen Aspekte übersteigen bei weitem alles bisher Dagewesene und mir Bekannte. - Jetzt muß ich mich innerlich definitiv darauf vorbereiten, in die Ungewißheit dieser durch Sternbilder und Spiralnebel durchzogenen "Schwärze" hinauszuspringen. So vergegenwärtige ich mir - im Wissen um meinen momentanen Zustand (Anm.6) - als erstes die Tatsache, daß das Fliegen hier die einzig mögliche, legitime und zudem ungefährliche Fortbewegungsart ist - stoße mich ab und gleite in das Unbekannte hinaus.
1976 hatte ich mich
intensiv mit der Frage des Paradigmenwechsels auseinandergesetzt, was im
Traumgeschehen seinen Niederschlag findet. Ein Paradigma ist ein in einem
bestimmten Weltbild verankertes, theoretisches Anschauungsmuster. Dieses Muster
reglementiert ganz automatisch die eigenen Verhaltensweisen und damit das
Handeln - und das geschieht selbstverständlich auch während eines
Traumes. Das unbemerkt in den Schlafzustand (und in die geistigen Welten)
hinein übernommene Paradigma besagt, daß mit dem Einschlafen die Bewußtheit
schwindet. Der Mensch soll - wie das Rudolf Steiner in seinem Vortrag vom 25.
Juli 1915 auf seine Art treffend ausdrückt - nicht essen "vom
Baume des Lebens, weil er gegessen hat vom Baume der Erkenntnis des Guten und
des Bösen". (Anm.7) Und
- gemäß Paradigma - darf das Traum-Ich während eines
Traumgeschehens ohne weiteres Dinge tun, die dem wachen Ich tagsüber im
Wachzustand streng verboten sind. Es darf sich beispielsweise der Völlerei
hingeben, andere Wesen abschlachten oder fremdgehen. Solange das Ich sich
seines Traum-Zustandes nicht bewußt ist, werden keine Bedenken angemeldet
- auch nicht von Psychologen. Für sie ist der Traum ein Naturprodukt, in
dem es keine Luzidität geben kann und geben darf, denn ein luzides Ich wäre
ein gefährlicher Fremdkörper mit geradezu psychotischen Tendenzen.
Diese Denkart wurzelt in unbegründeten, letztendlich dualistischen
Vorurteilen und löst vollumfänglich das ein, was Rudolf Steiner den
"geheimnisvollen Pakt zwischen Luzifer und Ahriman"
(Anm.8) genannt hat.
"Was
würde geschehen, wenn wir nicht der Tatsache unterlägen,
daß beim Aufwachen Ahriman in Anspruch nimmt
dasjenige, was nächtliches Erleben in uns ist?"
(Anm.9) fragt Steiner und sagt im Anschluß
daran, daß wir in diesem Fall "in unser Tagesbewußtsein den
ganzen Zusammenhang mit den Nachterlebnissen" hineinbekommen: Das würde
"ganz beträchtliche Veränderungen hervorrufen
in alledem, was wir während des Tages erleben". (Anm.10) Einem Paradigmenwechsel würde das
gleichkommen! Steiners Ausführungen zur Entwicklung des Lebens zwischen
den polaren Kräften des Luziferischen und Ahrimanischen können, was
seine Ausführungen bezüglich der Probleme der paradigmatischen
Vorstellungen betrifft, mit
Thomas S. Kuhns "Die Struktur wissenschaftlicher
Revolutionen" oder den Gedanken des Physikers David Bohm zur "musikalischen
Emotion" (Anm.11) in
Verbindung gebracht werden.
Das heißt nun keineswegs, daß die genannten
Texte alle gelesen werden müßten, um zu begreifen, daß dem
herrschenden Paradigma total widersprochen wird, wenn die Grenze zwischen dem
Wachen und dem Schlafen, genauer gesagt, dem Wach- und dem Schlafzustand des Körpers,
ganz bewußt und hellwach durchschritten wird. Es wäre nur wichtig,
das bewußte Hinübergehen einfach zuzulassen - obwohl diese Art des
Wechsels dem herrschenden Paradigma total widerspricht. Das ist leichter gesagt
als getan,
denn die Konformität mit den geltenden Gesetzen zwingt
das eigene Erleben andauernd in vorbestimmte und normierte Bahnungen - und
zerschmettert die Bewußtheit
(Anm.12). Manchmal genügt
allein schon der Gedanke "Inmitten eines Traumes bin ich jetzt erwacht!",
um die Konditionierungen auszulösen und in den materiellen Körper,
der im Bett liegt, hinüberzuwechseln.
Worte sind mit ganz
bestimmten Zuständen und theoretischen Konstrukten verbunden, die wie Gerümpel
im Raum herumliegen und das Ich zum Stolpern bringen. Ein luzides Ich findet
zudem in einem "Traumgeschehen" oft weder Fenster noch Türen, die
aus der Abgeschlossenheit seiner von der Gesellschaft blindlings übernommenen
Vorstellungen hinausführen. Wir könnten allerdings wieder zur "Hellsichtigkeit"
zurückfinden und bewußt in die geistige Welt hineinschauen und diese
zudem mit dem Alltag verbinden! Dazu wäre es notwendig, sich Rechenschaft
darüber abzulegen, welches die Auswirkungen des herrschenden Paradigmas für
das Verhalten des Ichs beim Einschlafen und während der nächtlichen
Ereignisse sind. Es erweist sich als von grundsätzlicher
Wichtigkeit, Vorstellungen, vorgefaßte Meinungen und Begriffe aufzugeben
(Anm.13) - speziell was die Möglichkeit
betrifft, im Traum luzid bzw. bewußtseinsklar zu sein und damit am
Traumgeschehen direkt, d.h. bewußt teilzunehmen.
Für mich
hatten sich die paradigmatischen Zwänge in der Nacht auf den 16. Februar
1976 als Lager dargestellt, das von Militärs kontrolliert wird. In anderen
Situationen handelte es sich um eine Burg, ein Gefängnis, ein Grab oder
ein Haus mit eingezäuntem Garten. Der Begriff des Paradigmas (eine Art
"Bahnungen des kollektiven Bewußtseins"
(Anm.14)) kann nämlich auf
verschiedene Arten verbildlicht werden. Wie das letzten Endes geschieht, hängt
von der momentanen Situation der erlebenden Person ab. Bei mir wurde die
Dynamik des Paradigmas im erzählten Beispiel in jenen Soldaten lebendig,
die mir jederzeit hätten in den Rücken schießen können. In
anderen Zusammenhängen war es ein Tyrann oder ein Despot, der seinen
Schergen den Befehl gegeben hatte, mich gefangenzunehmen und einzusperren.
In einem nicht-luziden Traum ist das Ich seiner
Verantwortung enthoben, da es sich seiner selbst und der Situation, in der es
sich befindet, nicht bewußt ist. Es braucht sich also keine Rechenschaft
darüber abzulegen, wie es sich im "anderweltlichen Bereich", im "Unbewußten",
verhält. Derartige Überlegungen werden auf später verschoben -
falls der Traum überhaupt erinnert wird. In der Traum-Zone als solche träumt
das Ich als Traum-Ich ohne Bewußtheit - und genießt in aller Naivität
die unter Umständen auch sehr angenehmen und gastlichen Seiten des
Geschehens. Auf dem Hintergrund der unbewußt in den Traumzustand hinein übernommenen
Vorstellungen funktioniert eine solche Auffassung bestens, auch wenn sie sich -
wie bei mir - mit der Zeit zu einem seelisch-geistigen Trümmerfeld
entwickelt haben. Das Traum-Ich befindet sich nämlich sogar in zerfallenden
Strukturen immer noch in einem Natur-Paradies und in einem Schlaraffenland. Erst
bei genauerem Hinsehen, d.h. mit der Bewußtwerdung, kann die wahre
Charakter derartig strukturierter Traumwelten durchschaut werden.
Persönliche und kollektive Vorstellungen bilden hüben wie drüben
ein Labyrinth von Fallstricken. Ein Durchbruch zu neuen Dimensionen scheint
angesichts der Größe der Vorstellungskomplexe und der verschlossenen
und vernagelten Durchgänge unmöglich. Für ein luzides Ich kann
das - gerade weil es sich seiner Situation im Traum bewußt ist - zu einem
alptraumartigen Problem werden. Es sieht sich zudem mit Dingen konfrontiert,
die sein Vorstellungsvermögen bei weitem übersteigen. Die Selbstverständlichkeit
des Traumgeschehens geht irgendwie verloren. Bewußtheit erweist sich als
eine Art Risiko, weil sie für das Ich bedeutet, daß es Verantwortung
zu übernehmen hat!
"Heute muß der Mensch beginnen, bewußt
einzutreten in das Feld, in dem eben sein Seelisches lebt"
(Anm.15). Zu diesem Feld gehören
die nächtlichen Erfahrungen! Aber für das nicht-luzide Ich bleiben
diese stets vom materiellen Bereich abgegrenzt und sind - wegen der fehlenden
Bewußtheit - bloß indirekt via Traumerinnerung zugänglich. Wer
Bewußtheit nicht auf den Alltag begrenzen will, wird Achtsamkeit einüben
müssen, beispielsweise bei der Nahrungsaufnahme - beim Essen und beim
Trinken.
Anmerkungen
Anm 1: Mircea Eliade, Das Mysterium der Wiedergeburt -
Initiationsriten, ihre kulturelle und religiöse Bedeutung, Zürich:
Rascher, (1958) 1961:72.
Anm.1 Ende - zurück zum Text
Anm 2: Anagarika Govinda, Der Weg der weißen Wolken -
Erlebnisse eines buddhistischen Pilgers in Tibet, Zürich: Rascher
1964:158.
Anm.2 Ende - zurück zum Text
Anm 3: Der Körper als offenes, lebendes System befindet sich in
einem Stoff- und Energieaustausch mit der Umgebung, wobei ein dynamisches
Gleichgewicht zwischen Aufbau- und Abbauprozessen erreicht wird. Ludwig von
Bertalanffy hat diese Sichtweise bereits 1928 - lange vor der kybernetischen
Denkweise - in die Biologie eingeführt. Hierzu vgl. L. von Bertalanffy,
Das biologische Weltbild - Die Stellung des Lebens in Natur und
Wissenschaft, Bern: Francke, 1949:169ff.
Anm.3 Ende - zurück zum Text
Anm 4: Hierzu vgl. z.B. Thich Nhat Hanh, Das Wunder der Achtsamkeit
- Einführung in die Meditation, Zürich, München: Theseus,
4. Aufl.1993:43,45,79,93,106,129.
Anm.4 Ende - zurück zum Text
Anm 5: Rudolf Steiner "Der Baum des Lebens und der Baum der
Erkenntnis des Guten und Bösen" (Vortrag vom 25. Juli 1915) in: Das
Mysterium des Bösen - Zehn Vorträge, ausgewählt und
herausgegeben von Michael Kalisch (Themen aus dem Gesamtwerk Bd. 19),
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1993:149.
Anm 7: S. 148.
Anm 8: S. 146-164.
Anm 9: S. 159.
Anm 10: S. 159.
Anm 15: In seinem Vortrag vom 4. Oktober 1918 "Das Verhältnis
ahrimanischer und luziferischer Wesen zu den normal entwickelten Hierarchien".
S. 118.
Anm.5 Ende - zurück zum Text
Anm.7 Ende - zurück zum Text
Anm.8 Ende - zurück zum Text
Anm.9 Ende - zurück zum Text
Anm.10 Ende - zurück zum Text
Anm.15 Ende - zurück zum Text
Anm 6: Es ist wichtig, bei Luzidität im 'Traumzustand' eine
Zustandskontrolle (vgl. Glossar) durchzuführen.
Anm.6 Ende - zurück zum Text
Anm 11: Vgl. Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher
Revolutionen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, (2. rev. und um das Postskriptum
von 1969 erg. Aufl.), 3. Aufl. 1978; Patrick van Eersel, Sterben - Der Weg
in ein neues Leben, München: Scherz (1986) 2. Aufl. 1989:214.
Anm.11 Ende - zurück zum Text
Anm 12: Damit sei auf das Symplegadenmotiv hingewiesen. Vgl. Heino
Gehrts, Die Klappfelsen, in: Die Welt im Märchen, VEMG
Bd.7, S. 92-122, 181-184.
Anm.12 Ende - zurück zum Text
Anm 13: Vgl. hierzu Thich Nhat Hanh, Die Sonne mein Herz, Zürich-München:
Theseus, 2. Aufl. 1993:58,63,97.
Anm.13 Ende - zurück zum Text
Anm 14: Zur Frage des Zwangscharakters der durch das kollektive Bewußtsein
vorgegebenen Paradigmen und deren Folgen aus der Sicht der Komplexen
Psychologie vgl. z.B. C.G. Jung, Theoretische Überlegungen zum Wesen
des Psychischen (1946) in:
Die Dynamik des Unbewußten, GW 8, Olten: Walter, 1971.
Anm.14 Ende - zurück zum Text
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