Das Tal hinauffliegen
8. Juli 1978
Werner Zurfluh
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8. Juli 1978
Wir besuchen die Tante in der Innerschweiz (Silenen), wo wir im vorderen großen Zimmer im ersten Stock übernachten. Zum ersten Mal werden die neuen Schlafsäcke benutzt, die wir auf die ebenfalls neuen Schaumgummimatten legen - gewissermaßen um uns damit an das Liegen im Zelt zu gewöhnen, denn in den folgenden Tagen wollen wir zelten gehen. Die unten vorbeiratternden Eisenbahnzüge (Gotthardstrecke!) machen einen derartigen Krach, daß ich große Mühe habe, ein- und vor allem durchzuschlafen. Etwa um zwei Uhr stehe ich etwas entnervt (aber ganz gemütlich) auf - und merke sogleich, daß eine Körperablösung geschehen ist, daß ich also mit dem Zweitkörper aufgestanden bin.

Ich trete an das linke Fenster gleich neben den Tisch. Das Zimmer ist sehr gut zu sehen.
"Es muß hell sein - erstaunlich!"
Wie ich mir zudem überlege, was nun getan werden kann, sehe ich plötzlich, wie meine Frau Cathy sich von ihrem schlafenden Körper ablöst und zu mir herkommt.
Sie hält mich am Arm fest und sagt: "Geh nicht, bleibe hier."
"Was soll das nun wieder?" frage ich sie etwas ärgerlich, mache mich aber daran, wieder in den Körper zurückzukehren, um in diesem doch etwas heiklen Zustand keine Mißstimmung aufkommen zu lassen und das Bewußtsein zu verlieren.
Doch Cathy gelingt es - aus mir nicht bekannten Gründen - nicht, ihren außerkörperlichen Zustand beizubehalten. Sie fällt sozusagen wieder in ihren im Schlafsack liegenden Körper zurück.

Auch ich selber bin mittlerweile mit dem Zweitkörper schon zur Hälfte wieder in den physischen Körper reingeschlüpft. Doch wie ich erkenne, daß Cathy nach der Rückkehr über keine Bewußtheit mehr verfügt, nehme ich die Gelegenheit wahr und versuche nochmals auszusteigen. Dies gelingt problemlos! Doch im selben Augenblick fährt ein Güterzug in den Bahnhof Silenen-Amsteg ein. Jedes Geräusch ist zu hören! Es ist, als würde ich hellwach mit dem physischen Körper am offenen Fenster stehen und hinunterschauen. Dabei bin ich erst mit dem Kopf, dem Rumpf und den Armen des Zweitkörpers ausgestiegen. Der Krach wird immer lauter. Der Zug hält an. Eine schrille Pfeife ertönt!

Trotz allem schäle ich gemütlich den Zweitkörper weiter ab, steige aus und denke mir:
"Da sieht man es wieder! Ach, wie viele Astralwanderer haben doch schon gesagt, bloß bei ruhigen und stillen Verhältnissen sei eine Ablösung möglich. Aber was ist jetzt? Es herrscht ein andauernder Lärm! Zudem befinde ich mich an einem fremdem, zumindest aber höchst ungewohnten Ort. Und trotz dieser widrigsten Umstände gelingt eine Ablösung!"

Und wieder gehe ich - mit dem Zweitkörper, im klaren Bewußtsein um den außerkörperlichen Zustand - ans Fenster.
"Soll ich nun auf den Bahnhof runterfliegen und das Geschehen genauer beobachten?"
Doch diesen Gedanken verwerfe ich, denn die Zeit soll nicht derart unnütz vertan werden.
"Wenn ich denn schon mal im Lande meiner Väter und Vorväter bin - und das alles erst noch im außerkörperlichen Zustand - soll diese Gelegenheit nicht unnötig vertan werden!"
Ich will mich mal umsehen und ein wenig das Tal zum Gotthardpass hinauffliegen.
"Wie mag die Landschaft jetzt aussehen? Die Gegend wird nicht einfach gleich wie im 'realen' (innerkörperlichen) Zustand aussehen! Sie wird wohl durchsetzt sein von den jahrhundertealten Ausstrahlungen der hier lebenden Menschen."

Ich trete durch das geschlossene Fensters in das Freie hinaus - etwa 5 Meter über dem Boden. Das Glas bietet keinerlei Widerstand. Dann schwebe ich langsam über die Gleise und über den Bahnhof - ohne dabei besonders auf das Geschehen unten zu achten. Jetzt geht es etwa 30-50 Meter über der Talsohle das Reußtal hinauf gegen Intschi zu. Zunächst ist wegen der Dunkelheit alles nur grau in grau zu sehen. Bald einmal aber verändern sich die Farben der Landschaft. Die Wälder und Berghänge werden immer besser sichtbar und erglühen in sehr satten und hübschen Farbtönen. Der Boden scheint von innen heraus zu leuchten! Dieses Phänomen ist ungemein verblüffend.

Ein bißchen fühle ich mich wie ein Eindringling - beinahe wie ein Voyeur. Gleichzeitig verspüre ich aber auch eine Art Berechtigung, denn als Bürger dieser Gegend darf ich doch legitimerweise im außerkörperlichen Zustand diese Landschaft überfliegen und mich genau umsehen.
Zu meiner Enttäuschung ist unterwegs niemand anzutreffen. Etwas traurig stimmt mich dies schon! In meiner eigentlichen Heimat scheint keine Menschenseele zu sein, mit der ein Gespräch möglich wäre!
Es stellt sich die Frage, wo denn all die mystischen Fähigkeiten des Innerschweizers geblieben sind.
"Weshalb äußern sich diese nicht? Warum kommen sie nicht zum Vorschein? Es könnte natürlich auch so sein", so meine Überlegung, "daß ich mich selber in einem Zustand bzw. in einer Ebene befinde, in welcher gerade niemand ist!"
Dies ist jedoch ein schwacher Trost, denn eigentlich weiß ich, daß dem nicht so sein kann. Vielmehr ist der Tatsache ins Auge zu blicken, daß die Fähigkeit, außerkörperlich zu sein, relativ selten ist.
"Die Wahrscheinlichkeit, jemanden anzutreffen, wird also ziemlich gering sein."

Nun geht der Flug weiter gegen Gutnellen (mein Heimatort) hinauf - aber jetzt verliere ich die Bewußtheit (die Kontinuität des Ich-Bewußtseins), und zwar deshalb, weil ich nicht recht weiß, was ich tun soll.

Bemerkungen und Schlußfolgerungen :
Es ist zu vermuten, daß die Bewußtheit während des außerkörperlichen Zustandes dazu genutzt werden sollte, etwas mehr Eigeninitiative zu entwickeln. Auch ein vermehrtes Interesse an den Details ist notwendig - und es wäre wohl besser, den Flug abzubrechen und zu landen, damit zu Fuß - und damit langsam! - weitergegangen werden kann. Diese Fortbewegungsweise würde es erlauben, die Dinge genauer zu betrachten. Auch dürfte sich damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, jemandem zu begegnen. Bei mir fällt zudem die fehlende Motivation schwer ins Gewicht! In letzter Zeit habe ich mich nur wenig mit dem Phänomen der Außerkörperlichkeit auseinandergesetzt. Etwa ein halbes Dutzend Austrittserfahrungen wurden gar nicht erst aufgeschrieben, denn mir scheint, es interessiere sich niemand dafür - und mir ist schleierhaft, was all die Arbeit des Aufschreibens und Bedenkens 'bringen' soll.

Nachtrag vom 11.7.78:
Obiges dürfte sich jetzt ändern. Allerdings gilt es aufzupassen! Ich darf die Erfahrungen nicht dazu mißbrauchen, selbst sogenannte Siddhi-Kräfte nur zu dem Zwecke zu entwickeln, andere Menschen zu beeindrucken und/oder zu manipulieren. Es wäre zwar möglich, zu einer Art von 'Magier' zu werden, aber das müßte schiefgehen. Ich darf die wunderlichen Dinge nicht vorschnell aus der Hand geben oder mir leichtfertig entreißen lassen, nur weil ich z.B. das beklemmende Gefühl habe, ganz allein diesen Weg zu gehen. Es wäre ein Leichtes - z.B. aufgrund vieler außerkörperlicher Erfahrungen - den Sensationshunger mancher Leute zu befriedigen. Das hieße jedoch, leichtfertig mit den Erlebnissen umzugehen und sich der mühsamen Arbeit vorschnell zu entledigen. Es gäbe zwar die Möglichkeit, Kurse und Schulungen durchzuführen. Aber das hieße, andere Menschen dominieren zu müssen - wegen meiner relativ geringen Kenntnisse in spirituellen Belangen. Zwar könnte ich dies aufgrund gewisser Charaktereigenschaften 'durchziehen', aber nur zum Schaden meiner selbst! Zu viele nächtliche Erfahrungen haben mich schon deutlich davor gewarnt! Leider fällt es mir oft schwer, konsequent hinzuhören und entsprechend zu handeln.

Ich lese dann an diesem Tage noch etwas von Alfred Lischka, nämlich den Text "Durch meine Hölle und meinen Himmel", was treffend zu meiner Situation zu passen scheint:
"Berichte von Wanderungen in diesen Bereichen (in einem Jenseits (Stufe 4) über der Traumebene (Stufe 3)) fallen bei mir sehr dürftig aus, da an sich wenig geschieht, und das Wichtige, die innere Aussage, nicht weitergegeben werden kann. Versuche in dieser Hinsicht geraten in den Geruch der Schwärmerei. Menschen bekam ich kaum zu Gesicht und hatte zu ihnen auch keinen Kontakt."

Lischka schrieb außerdem:
"Auch in den höchsten Schwingungszuständen (Stufe 5), deren ich vorübergehend fähig war, begegnete ich nie einem Menschen oder menschenähnlichen Wesen - für mich erklärlich, handelte es sich doch vornehmlich um Augenblicke der Besinnlichkeit. Von Sehnsucht nach diesen Bereichen werde ich nicht gequält. Das Wissen darum bestärkt mich auf meinem Wege, der begangen sein will. Und dabei halte ich mir vor Augen, daß alles Erlebte oder Geträumte, alles Gehörte oder Gelesene erst durch die Verarbeitung seinen wirklichen Wert erhält."

Nachtrag vom 29.5.1997:
Heutzutage dürfte die OOBE (außerkörperliche Erfahrung, AKE) wie auch der luzide Traum (Klartraum) stärker interessieren. Aber prinzipiell ist es egal, ob und wie viele Menschen an diesem Erfahrungsbereich Interesse haben. Das ist natürlich leicht gesagt. Es würde schon genügen, derartige Erlebnisse nicht abzulehnen, wie das in meinem Umfeld 1978 noch geschehen ist. Oder sie auszunutzen, wie ich es selbst mit einer gewissen Leichtigkeit hätte tun können. Leider! Und zudem hatte ich oft viel zu wenig 'Mumm', mich mit diesen Dingen wirklich ernsthaft auseinanderzusetzen - denn ich kannte niemanden, der mir hätte beistehen können. Außerdem plagten mich etliche Zweifel. Auch die Machtfrage war nicht zu unterschätzen, denn es gab ambitiöse Tendenzen unter dem Deckmantel des Wunsches, die Spiritualität der Mitmenschen zu fördern - statt vor der eigenen Tür die Dinge in Ordnung zu bringen.


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