Zum Drachen geht's über den Zaun
aktive Imagination 1968
Werner Zurfluh
e-mail: Homepage Vorwort, Inhalt, Nachwort


Ins Unbekannte

Es war im Jahre 1968, als ich ein erstes Mal ernsthaft versucht habe, bewußt über den Zaun zu klettern und in die Wildnis hineinzugehen - und zwar ohne Hilfsmittel, d.h. ohne Drogen. Die Forschungsreise erwies sich als schwieriges und unberechenbares Unterfangen, das viel Arbeit erforderte und mich weit vom üblicherweise beschrittenen Weg z.B. der Tiefenpsychologie wegbrachte. Die folgende Erzählung dokumentiert den Beginn der Wanderung ins Unbekannte. Andere würden sagen, den Beginn der Nachtmeerfahrt, den Anfang der Auseinandersetzung mit dem Unbewußten.
Nun denn, es ist einfach ein Bericht über die Begegnung mit der 'Anderwelt', mit einer Wirklichkeit jenseits der alltäglichen. Die Beschreibungen der langen Wanderung umfaßt - jetzt im Jahre 1996 - mittlerweile über 8000 Schreibmaschinenseiten und wird begleitet von einem Arbeitsmaterial von etlichen Karteikarten. Nun bin ich daran, das alles auf den Computer zu übertragen.
zum Anfang des Dokumentes



Über die Grenze
  1. Der erste Tag
  2. Durch das Wasser und durch die Luft
  3. Die Wikinger
  4. Im Innern des schwarzen Felsens
  5. Der Kampf mit dem Höhlendrachen
  6. Die Kobolde und der Vulkanschlot


Der erste Tag

Der Weg scheint unbekannt, die Strecke lang.
Zuversicht leuchtet, sie weiß nicht, woher sie kommt.
Es ist feucht. Nebel haftet auf der Landstraße.
Grün das Gras, gelb gegen den Wegrand zu. Der Weg mit kleinen Steinen beworfen.
Eine Gestalt am linken Wegrand. Schemenhaft, als graue verfließende Masse. Sie streckt den linken Arm, winkt mit dem Daumen. Ein Nicken in Richtung der Finsternis.
Kurz teilt sich der Nebel, läßt eine leuchtende Stadt sehen. Dann wird es dunkel ...

Hämmerndes Klopfen, monotones Schlagen von Steinen. Ein großer Brocken saust rechts in die Tiefe.
Schreie!
Stille.
Ein Adler kreist.

Es regnet.
Bald fallen schwere Schneeflocken aus grauen Wolken.
Ein kalter, stechender Wind.
Überall Schnee.
Lange Eiszapfen rutschen über den Fels.
Eine blaue Blume wie ein durchscheinendes Mädchen verharrt gefangen still im Eis.
Ich starre in das erstarrte Wasser, umklammere den Pickel und schlage zu - in der Hoffnung, das Eingeschlossene zu befreien.
Der Pickel! Irgend jemand schlägt ihn mir aus der Faust und legt einen Zettel in die kalte Hand. Einen leeren!
"Schreibe!"
"Was?"
"Schreibe! Suche zu ergründen. In der Nacht, in der Stille. Stolpere zur Stadt des Wissens, der Lehre, der Unendlichkeit!"
Die Stimme entfernt sich.

Draußen donnert ein Flugzeug vorbei und reißt mich in den Alltag zurück. Ich schaue aufs Blatt. Ein Beginn, ein Anfang. Noch undiszipliniert. Lichter glimmen in der Ferne, Leichter Wind schaukelt im Vorhang. Den unbekannten Tiefen entsteigt stumm ein Rätsel. Wohin soll das alles führen? Abgründe werden sich auftun und zu erforschen sein, schroffe Berge werden nur mühsam überquert werden können. Durchs Wasser in den Seen lodert ein Feuer, steigt mit dem Dampf auf und verschmilzt zum Regenbogen. Doch Hitze und Kälte straffen die Gedanken, und Zusammenarbeit in Liebe wird Erlösung. Da ist kein bekannter und beschilderter Weg jenseits des Zaunes und am anderen Ufer des Meeres. Verängstigt mutig auf die See hinaus und in die Wildnis hinein. Beherrschung und Demut!

Inhalt


Durch das Wasser und durch die Luft

Der Entschluß, auf die andere Seite zu reisen, steht fest, also werden nun Holzstämme sorgfältig zu einem Floß zusammengebunden und eine Bambusrohrhütte auf dem Deck aufgebaut. Das Strohdach wird von einer langen Stange durchbohrt. Am Ende des Mastes flattert ein weißes Tuch mit blauem Fleck.

Unten plätschert das Meerwasser und manchmal schwappen Wogen über das Floß. Jetzt nicht mehr, denn das Floß ist zum Luftboot geworden. Der Wind trocknet die nassen Kleider und die Tränen.
Tropfen fallen vom Himmel. Tief unten zeichnet ein mäandrierender Fluß seine Schlaufen in die Ebene. Dunstige hohe Berge fließen vorbei. In der Ferne, in der Dunkelheit leuchten die Wolken zuckend auf - ein Gewitter!

Sturm braust übers Land.
Bäume beugen sich dem Winde.
Dann verdecken Wolken als weiße Burgen die Erde.
Ein Glitzern und Flimmern, als wäre pulvriger Schnee aufgewirbelt worden.
Das gelbweiße Licht blendet, das Luftboot schaukelt gefährlich in den Böen.
Jetzt geht's hinab, durch die Wolken hindurch, die vom Wind zerrissen werden.
Unten ist tiefblaues Wasser, oben tiefblauer Himmel.
Unten weiße Gischt, oben weiße Wolken.
Unten die schwarze Tiefe, oben das schwarze Weltall.
Juwelen sind unten und oben.

Ein Delphin springt, bläst eine Fontäne.
In der Ferne dümpelt friedlich ein Wikingerschiff mit geblähtem Segel in der Sonne.
Das Luftschiff wassert und gleitet gurgelnd hinüber zum Drachenschiff.

Inhalt


Die Wikinger

Holz stößt auf Holz. Helfende breite Hände öffnen sich, schließen sich um meine Arme und werden hochgezogen.
Ein Sprung aufs Deck. Bärtige Männer bilden einen Kreis. Einer drückt mir ein durch und durch silbernes Schwert in die Hand. Sonnenpfeile prallen hart an der von Runenzeichen durchfurchten glatten Oberfläche ab.

Ein fernes Land ist zu sehen. Einer macht uns darauf aufmerksam.
Wind kommt auf.
Kraftvoll rudern bärenstarke Nordmänner dem unbekannten Gestade entgegen.
Es dauert noch ne Weile, bis das Boot in eine schmale Bucht schwankt. Die Sicht ist bald von hohen Felsen versperrt.
Krachend knirscht der schwere Rumpf auf den feinen Sand und zuckend ruckt das Wogenroß fest.

Es beginnt zu regnen. Über der See wölbt sich ein prächtiger Farbenbogen.
Wir springen in den feuchten Sand. Bald türmen sich Stricke und Waffen am Strand. Sie werden von den überhängenden Felswänden trocken gehalten.

Einer ruft. Wir schauen. Seine Hand weist aufs Meer.
Der Regenbogen ist erloschen und schwarze, schwere Gewitterwolken toben heran.
Ein eisiger Windstoß fegt in die Bucht. Hohe Wellen rollen heran. Höhere Wellen folgen. Gischt spritzt ins Gesicht. - Ein Zucken! Ein greller Blitz! Krachend und donnernd widerhallt die Urstimme der Welt, von den Felsen tausendfach aufs Trommelfell gejagt.
Noch ein Blitz. Wieder einer, nein, zwei, drei.
Schreie!
Ein explosionsartiges Bersten, gefolgt von einem krachenden Gurgeln.
Gestalten im Todeskampf.

Die dichte Regenwand prallt heran und löst die letzten Umrisse des Schiffes auf. Wasser verschlingt das Boot. Wellen reißen es in die tobende See.
Sirrend saust ein gewaltiger Felsbrocken an meinem Felsspalt vorbei. Noch tiefer drücke ich mich in das schützende Gestein.

Das Meer rast.
Überall knallen Steine in den aufspritzenden Sand. Manchmal auf einen Krieger.
Wasser rollt vor, wieder zurück, nimmt Leichen mit und Lebende, poltert an den Fels, der darob erzittert.
Auch ich zittere ...

Nach einer bangen Zeit kreisen Möwen unheilvoll schreiend und entfernen sich wieder. Stille kehrt ein. Absolute Stille. Keine Schreie mehr, weder von Mensch noch von Tier. Es hellt auf. Graue Wolkenfetzen ziehen vorbei. Kein lebender Mensch ist zu sehen.

Klamm klettere ich aus dem Felsspalt und schaue mich um. Dort! Weit ist sein Mund geöffnet, die Augen glotzen glasig zum Himmel. Von Gesteinsbrocken eingeklemmt, umkrampft eine Hand ein Herz. Der Arm ragt steif in die Höhe. Das Herz, sein eigenes ist's, denn die Brust ist klaffend offen, scheint noch zu schlagen. Es sind aber kleine, fette Aale, die sich herauswinden. Sie fressen sich am Herzen voll und tun das, bis sie platzen. Spritzer platschen an meine Kleider und in mein Gesicht. Angeekelt reiße ich die Kleider vom Leib und werfe sie ins Wasser. Eine Krabbe beinelt heran, faßt die weggeworfenen Stücke und zerrt sie in die Abgründe des Meeres.

Im Sand liegt ein weißgebleichter Schädel. Ich hebe ihn auf und sehe, daß die Unterseite von Algen überwuchert ist. Eine der Augenhöhlen ist von einer Seerose besetzt, deren violette Farbe stark mit dem Weiß des Knochens, dem Ocker des Sandes und dem Grün der Algen kontrastiert. "Soll ich den Schädel behalten und mitnehmen? Wie alt mag er sein? Der Sturm hat ihn an Land gespült, damit ich ihn finde!"
Schnell ist die Anemone aus dem Auge gerissen und sind die Algen abgekratzt. Schließlich wird der Totenkopf mit Sand und Wasser gereinigt, und mit einem spitzen Stein die Augenwand durchschlagen. Dem Herzlosen zerre ich den Gürtel vom schweren Körper. Er braucht ihn nicht mehr. Dann ziehe ich den Ledergurt durch die durchschlagene Augenwand und umgürte mich. Jetzt baumelt der Schädel an meiner rechten Hüfte.

Inhalt


Im Innern des schwarzen Felsens

Langsam gehe ich der Felswand entlang. Sie ist glatt und ohne Vorsprünge. Es gibt keinen Halt, nichts, was einen Aufstieg möglich machen würde. Aber da sind Höhlen!
"Ich muß sie erforschen!" und kraxle vorsichtig in einen der schmalen Eingänge. Noch ein letzter Blick auf das geheimnisvolle Meer, dann geht es tiefer hinein.

Der rauhe Fels ist naß, glitschig der Boden und trügerisch die Dunkelheit, an die sich die Augen nur langsam gewöhnen. Vorsichtig taste ich mich vorwärts. Manchmal poltert der Schädel hohl an den kühlen Stein. Es entstehen chaotische Töne, und die Schallwellen überlagern und verstärken sich im echoartigen Hin und Her - bis krachend die Höhle hinter mir einstürzt. Es führt kein Weg mehr in die Außenwelt! In der Dunkelheit beginnen die Wände in einem kalten Licht zu glühen. So kann es weitergehen.

Leuchtende Schatten huschen vorbei, und aus den fernen Tiefen der Höhle brandet ein trockenes Lachen heran. Bevor ich irrsinnig werde, verstummen die Geräusche in einer beklemmenden Stille. Nur schleifende Schritte durchschneiden die Einsamkeit des Weges. Dann entquillt ein Klang hinter der nächsten Biegung. Es ist ein Tropfen, der viele weitere ankündigt, die sich zu einem plätschernden, rauschenden und schließlich tosenden Wasser vereinen.

Das Naß packt und reißt mich in einen Strom, der mich herumwirbelt und in rasender Fahrt durch die Höhlengänge spült. Ich muß von Angst durchflutet die Augen schließen. Und wieder taucht der Mann mit dem Herzen vor mir auf. Still liegt er da. Nichts kann ihn mehr aus seiner Bahn werfen hier auf dieser Welt.
"Er muß in sein Schwert gestürzt sein! Vom Wasser gepackt und zum Willenlosen geworden, zum Ungeschützten. Er will den Tod abwehren und das Schwert aus seiner Brust reißen - in einer letzten Willensanstrengung. Aber es ist zu spät, um dem Schicksal entgegenzutreten, denn die Fluten packen ihn mit gewaltiger Macht. Das Schwert wird mitsamt dem Herzen aus der Brust gerissen. In einer letzten Bewegung, einer uralten Geste, ergreift der Krieger das Herz."
Und so habe ich ihn angetroffen. Ihn, das Wirklichkeit gewordene Abbild eines Mannes, der das Herz gesucht und den Tod gefunden hat.

Gewaltsam zwinge ich die Lider hoch. Der unterirdische Strom wirft mich in einen riesigen Felsdom und läßt mich los. Frei kann ich nun schwimmen, Zug um Zug, prustend und hustend. Dort hinten scheint eine trockenen Stelle zu sein. Pfeifend durchbohrt irgendwo ein Tropfstein die Luft. Platschend kühlt er sich im Wasser ab. Ein letztes Blubbern. Der Tod wartet oben an der Decke. Und weiter teile ich das nasse Element.

Ein Festklammern am Fels, ein Hochziehen, dann stehe ich fröstelnd und nackt, nur mit dem Gürtel bekleidet, auf dem schwarzen, feuchten Fels und blicke auf die dunkle Wasserfläche hinaus. Weit, sehr weit hinten gähnt das Loch, aus dem ich gespült wurde. Im Dom ist ein diamantenes Glitzern und Glühen.

Der Fels hinter mir hat eine Einbuchtung, die eine Truhe birgt. Sie scheint uralt, denn eine dicken Staubschicht überzieht den gewölbten Deckel. Die Beschläge sind rostig und von grünem Span überzogen. Ein goldenes Schloß ist vorgehängt. Ein muffiger Geruch - nach vergessener Weisheit schmeckend - umweht das Holz. Nirgends ein Schlüssel! Bei genauerem Hinsehen ist ein Loch im Schloß in einer merkwürdigen und ungewohnten Form zu entdecken. Einer halbierten Zwetschge ähnlich und irgendwie keilförmig nach unten hin zugespitzt. Eine knöcherne Nase könnte vielleicht einen solchen Abdruck hinterlassen. Eine Nase?

Hastig nehme ich den Schädel in meine Hände und vergleiche. Einen Versuch scheint es wert, also stecke ich die weiße Nase in das gelbe Loch. - Mit einem lauten Krach springt das Schloß auf. Langsam klappe ich den grell quietschenden Deckel hoch.

Eine Pergamentrolle mit zwei Jadegriffen liegt unten im Bauch der Truhe. Vorsichtig entrolle ich das brüchige Material auf dem schwarzen Fels. Da sind rote und blaue Zeichen. Die unschön geschriebenen Randbemerkungen sind vergilbt, die schwarze Unterschrift ist unleserlich. Ein rotes Siegel mit einem Adler, der ein Lamm in seinen Klauen hält und dessen Schwingen weit ausgebreitet sind, baumelt herab. Erstaunlich und unbegreiflich! Wieder beuge ich mich über die Truhe. Da liegen ein grünes Messer und daneben ein braunes Leder. Goldene Buchstaben sind in das Leder gepreßt. Es sind sehr fremdartige Zeichen.

Da - unter der Dolchscheide - ein diamantener Schlüssel aus einem Stück! Auch ihn nehme ich heraus und befestige alles am Gürtel. Der Schädel ist jetzt auf der linken Seite, der Dolch - es ist ein riesiger Saphir - steckt rechts im Leder. Mit wieviel Geduld, Wissen und Ausdauer sind Waffe und Schlüssel geschliffen worden!

Es ist nichts mehr in der Truhe! Als ich den Deckel zufallen lasse, zerfällt sie zu Staub. Der rieselt leise über die Felskante, kommt mit dem Wasser in Berührung und löst sich sofort zischend in Dampf auf. Ein extrem merkwürdiger Geruch entsteht!

Inhalt


Der Kampf mit dem Höhlendrachen

Plötzlich wird das Wasser aufgewühlt, und es steigen riesige, grüne Augen aus der Tiefe, die mich drohend anglotzen. Ein wahrer Alptraum von einem Drachen quillt aus der Schwärze und peitscht mit seinem greulichen Schwanz das Wasser. Ob das Zischen des Staubes ihn geweckt hat? Das Untier rollt im Wasser heran und stößt nach dem Störefried! Doch es ist zu langsam, ich kann ausweichen, auf einen höheren Felsvorsprung klettern, hinter das Gestein kauern und den riesigen Drachen beobachten. Das Höhlenwesen schnaubt und schnüffelt, saugt tosend die Luft ein und prüft sie wütend.

Einer der tödlichen Steine löst sich von der Decke und fällt klatschend ins Wasser. Der Koloß dreht sich leicht um und wendet den Kopf. Das ist die Gelegenheit, denn der Drache ist abgelenkt. Ein Sprung der Verzweiflung. Meine Hände suchen Halt und finden ihn an den Schuppen des Riesentieres. Jetzt reagiert der Drache auf die unverfrorene Tat. Rasend schnell ist die Fortpflanzung der Impulse durch die meterlangen Nerven. Doch die sind zu lang, weshalb sich die Muskelfasern zu spät zusammenziehen.

Denn schon habe ich den Saphirdolch in meiner Faust und stoße ihn mit aller Kraft unterhalb der Schädelkapsel in den Nacken. Ein Zittern erfaßt den Körper des Kolosses. Aus der klaffenden Wunde spritzt eine gelbe Flüssigkeit. Der Kopf des schwer getroffenen Tieres schwankt auf das Wasser hinaus und dann wieder zum Felsvorsprung. In diesem Moment springe ich ab.

Noch einmal schwankt der Kopf auf den See hinaus. Die Bewegung wird langsamer und für einen Moment scheint alles eingefroren. Doch dann kippt das Ganze und schließlich knallt das Haupt des Drachens schwer auf den unteren Felsvorsprung. Weil keine Muskeln sich spannen, um den Fall zu bremsen und abzufangen, splittern die Schädelknochen hörbar beim Aufprall. Eine gelbe zähe Masse fließt aus dem zertrümmerten Kopf über das ausgebreitete Pergament. Dann beginnt der plumpe Körper ruckweise ins Wasser zurückzugleiten.

Noch bevor der Drache in den Tiefen verschwindet, schneide ich mit der scharfen Klinge die Ohren ab und breche im letzten Moment in einer verzweifelten Anstrengung einen spitzen Zahn aus dem Maul. Dann fällt der Kopf platschend ins Wasser und der Leib versinkt in den Fluten, die sich barmherzig über ihm schließen und ihn der Verwesung übergeben. Das abgeschnittene Ohr ist ohne Schuppen und wie von einem weichen, feinen Fell überzogen. Der Zahn wird mir ein Speer und auch ein Wanderstab sein.

Aus dem einen Ohr werden zwei Löcher herausgeschnitten. Durch sie werde ich die Arme hindurchstrecken können. Das spitze Ende wird umgeklappt und fertig ist der schützende Überwurf! Die Fleischreste des Zahnes werden abgeschabt und stillen meinen Hunger.

Ein Blick auf die Pergamentrolle zeigt, daß sich dort, wo sie ausgebreitet lag, fette gelbe Würmer suhlen. Das zähe Drachenblut hat sich in dicke Maden verwandelt. Und es verwandelt sich weiter, denn es entstehen noch mehr Würmer. Die stürzen sich wie die anderen gierig aufs Pergament und scheinen noch die letzten Reste vertilgen zu wollen. Um zu retten, was zu retten ist, wische ich mit bloßen Händen die Tiere weg. Es gelingt mir, den Fetzen mit der Unterschrift und das rote Siegel den kleinen Abkömmlingen des Drachens zu entreißen. Die Erdenwürmer, ihrer Nahrung beraubt, schlürfen jetzt den Rest des ausgeflossenen Blutes. Kaum haben sie ihr eigenes Körpergewicht aufgezehrt, teilen sie sich. Bald einmal hat es nichts mehr, was die Viecher fressen könnten, und vergeblich kriechen sie suchend umher.

Die Bewegungen werden langsamer, die Unterbrüche länger. Zuckend schrumpft das Gewürm auf die Hälfte seiner Größe zusammen. Ein letzter schleimiger Schlürfversuch - und zu Ende ist es mit dem Herumkriechen und Herumsuchen. Sorgfältig werden die reglosen Würmer aufgesammelt und auf die beiden ausgeschnittenen Ohrteile gelegt. Mit einem abgeschnittenen Striemen schnüre ich sie zu zwei Proviantsäckchen zusammen.

Das Stück Pergament mit der Unterschrift wird auf das Bruststück des Ohres gelegt, das als Überwurf gedacht ist, und in den durch den mit dem Wasser in Berührung kommenden Truhenstaub entstandenen Dampf gehalten. Schon bald hat sich das Pergament aufgelöst, während sich die schwarze Unterschrift in den Mantel irgendwie einbrennt.

Den Mantel lege ich um, die Proviantbeutel und das Siegel werden an den Gürtel gehängt. Die vom Gewürm verschonten Jadegriffe können durch das Hinterhauptsloch des Schädels gestoßen werden. Um sie am Herausfallen zu hindern, wird das goldene Vorhängeschloß darin verklemmt. Dann suche ich, den Zahn als Wanderstab in der linken Hand haltend, einen Ausweg aus der Riesenhöhle.

Inhalt


Die Kobolde und der Vulkanschlot

Da ist ein Loch, durch das ich mich durchzwängen kann. Dahinter sind glitschige Stufen. Bald versperrt ein plumper Steinkopf mit wulstigen Lippen und geschlossenen Augen den Weg. Nichts ist beim Abtasten zu spüren, das auf einen geheimen Mechanismus hinweisen würde. Ist hier also der Weg zu Ende, gibt es kein Weiterkommen? Mit meinen Gedanken wandere ich ratsuchend in der Mythologie und in der biblischen Geschichte herum - Fels - Stab - Moses - Stab - Fels - und haue den Drachenzahn an den Steinkopf. Dieser zerspringt in tausend Stücke!

Plötzlich ein stechender Schmerz! Dunkelheit!

Nach einer Weile komme ich wieder zu mir. Dunkle Gestalten huschen herum. Sie sind klein und von einer grau-grünen Farbe. Lange Borsten bedecken ihren Körper. Die Gesichter sind konturlos. Sie haben meine Hände auf dem Rücken zusammengebunden und den Zahn an meinem Hals gehängt. Eine Flucht ist unmöglich. Ich werde auf die Füße gestellt und in das Halbdunkel geschubst. Es geht abwärts und immer tiefer und tiefer hinunter. Gänge zweigen links und rechts ab. In diesem Labyrinth führen mich die Kobolde zielbewußt weiter hinunter in die immer wärmer werdende Erde.

Wir kommen zu einem Spalt, einem Abgrund! Tief unten blubbert eine rot-schwarze Lava. Die Gestalten huschen springend über den grauenerregenden Schlund, wobei sie sich schemenhaft von der roten Glut unter ihnen abzeichnen. Das alles geschieht gespenstisch lautlos. Einige springen zu kurz und fallen. Für einen Augenblick treten ihre Umrisse schärfer hervor. Die Gestalt wird kleiner und verfärbt sich. Sie wird rot, dann dunkelrot.

Ich werde an Händen und Füßen gepackt und über den Abgrund geschleudert.
"Niemals komme ich ... aah!"
Ein harter Aufprall. Der Schädel am Gürtel zerbricht, die Jadegriffe rollen über die Kante und verschwinden. Das Schloß bleibt am Rand des Abgrundes liegen.

Man reißt mich hoch - und weiter geht es in die Tiefe, in die Hitze. Der Schweiß perlt, schließt sich zu einem Rinnsal zusammen, fällt zu Boden und spritzt auseinander. Die Grau-Grünen verfärben sich zu orange!
"Es sind Vulkanmenschen!"

Die glühende Wärme macht mir derart zu schaffen, daß ich zusammensacke. Der morsche Strick zerreißt an einem spitzen Felsstück. Sofort packe ich den Zahn und schwinge ihn im Kreis und kämpfe mich durch die stumme Meute. Nur das harte Aufschlagen des Elfenbeines und mein eigenes Keuchen durchdringt die Stille.

Es gelingt mir wegzurennen. Der Vorsprung zu den Verfolgern vergrößert sich merklich. Kurz vor dem Abgrund, über den ich springe muß, beginnen die Eingeweide der Erde zu dröhnen, zu wanken und zu zittern. Der Abgrund klafft ächzend auf, und die Lava quillt aus der Tiefe. Entsetzt pralle ich am Rand zurück. Das Schloß! Schnell hebe ich es auf, wobei ich mit den nackten Füßen auf die Schädelsplitter stehe. Diese schneiden sich tief in die Fußsohlen ein und bleiben stecken. Ein rasender Schmerz.

Kaum ist das Schloß am Gürtel, kommen die Verfolger - stumm und lautlos. Der Urschlund klafft ächzend noch weiter auseinander. Ich wanke, verliere das Gleichgewicht und rutsche über die Kante. Verzweifelt suchen meine Hände einen Halt. Die Finger schleifen über den glatten Fels. Sie verkrampfen sich. In einer tödlichen Langsamkeit kippt mein Körper über die Kante. - Ein Ruck! Der Fall ist aufgehalten, bevor er richtig begonnen, denn die Füße stehen auf den Jadegriffen, die sich vorhin in einem Spalt verklemmt haben.

Sachte drehe ich mich gegen den Abrund, in dem die Lava weiter hochsteigt, biege die Knie, stoße mich ab und fliege auf die andere Seite. Der Brustkorb scheint beim Aufprall auf die Kante zu bersten! Halb wahnsinnig vor Schmerz ziehe ich mich hoch, stehe auf und schaue zurück. Die Lava ist weiter angestiegen und quillt bereits über den Rand! Der Schlund erweitert sich nochmals. Ich komme ins Rutschen und trete auf die Lava! - Doch sie verbrennt mich nicht! Es sind die Schädelsplitter! Sie werden durch die Hitze geschmolzen und mit der Haut der Fußsohlen zu einer hitzeunempfindlichen Schicht verschmolzen. So kann ich die Lavamasse überschreiten und dem Inferno entfliehen.

Später sehe ich, daß das Siegel weich geworden sein muß, denn der Adler hat seine Schwingen angelegt und scheint sich niedergelassen zu haben. Vom Schädel baumelt nur noch die eine Hälfte am Ledergurt. Die andere ist zum Schuhwerk geworden.

Inhalt


Und wie geht es weiter?

Das ist eine lange Geschichte. Der Text hat bereits 1968 eine Fortsetzung gefunden. Er enstammt nicht einem luziden Traum oder einer außerkörperlichen Erfahrung. Vielmehr saß ich während mehrerer Tage an der Schreibmaschine (damals gab es noch keine Computer) und ließ die Bilder aufsteigen. Dann lernte ich - manchmal (und immer öfter) geschah das sogar bei intakter Bewußtheit - in den Schlaf hineinzugehen und fand jenseits des Alltags die Quellen der Nacht. Das war nicht einfach, und der Weg war niemals ein gerader.
zum Anfang des Dokumentes


Konvertierung zu HTML April/August 1996
Homepage: http://www.surselva.ch/oobe/index.htm
e-mail: werner.zurfluh@surselva.ch
©Werner Zurfluh