Die Körperunabhängigkeit des Ich - eine Erfahrungsgewißheit

Vortrag an den PSI-Tagen in Basel vom 1.11.1985; 2. korr. Auflg. 1996.

Werner Zurfluh
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Wer die "Außerkörperlichkeit" schon selbst erlebt hat, weiß, daß das Ich in diesen Zustand wachbewußt bleibt und seinen Zustand als außerkörperlich erkennt. Diese Existenzform - so ungewohnt sie auch sein mag - kann kritisch gegenüber dem Alltäglichen abgegrenzt werden. Das Ich verfügt über ein kontinuierliches Bewußtsein und die gewohnten Denkkategorien - und es handelt besonnen. Das Wahrnehmungsvermögen bleibt vollständig intakt und ist unter Umständen sogar wesentlich erweitert. Die Außerkörperlichkeit ist demnach zumindest eine gefühlsmäßig gesicherte Erfahrungsgewißheit. Von der Bewußtheit her gesehen entspricht sie dem Selbstverständnis des Ich im Alltag.

Daraus ließe sich die Folgerung ziehen, daß die "Außerkörperlichkeit" als Beweismittel für ein "Leben nach dem Tode" bestens geeignet ist. Es fehlt auch nicht an experimentellen Versuchen, welche die Körperunabhängigkeit schlüssig beweisen wollen. Wer heute von sich mit einigem Nachdruck und überzeugend behauptet, die Außerkörperlichkeit schon mehrmals selbst erlebt zu haben, dem wird die Kompetenz zugeschrieben, gewisse Fragen mit Leichtigkeit beantworten zu können. Tatsächlich wurde mir schon oft die Frage: "Gibt es ein Leben nach dem Tod?", gestellt. Man scheint dabei prinzipiell von der Annahme auszugehen, daß ich - wenigstens für mich selbst - diese Frage definitiv beantworten könne. Leider ist dem nicht so, weshalb meine "Antworten" den Fragestellern nie gefallen haben. Einmal wurde sogar die Dreharbeit bei einem Fernsehinterview unterbrochen, nur weil ich mir erlaubt hatte, die Frage als solche zu hinterfragen.

Es überrascht mich keineswegs, daß viele nicht verstehen können, daß es mir aus praktischen und erkenntnistheoretischen Gründen unmöglich ist, die Frage "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" zu bejahen oder zu verneinen. Beantworten ließe sich diese Frage meines Erachtens nur innerhalb eines ganz bestimmten Weltbildes, nämlich desjenigen, aus dem heraus sie gestellt wurde. Ich aber gehe davon aus, daß andere, nicht-alltägliche Seinsbereiche prinzipiell existieren und insbesondere im Schlafzustand des physischen Körpers von einem wachbewußten Ich auch erfahren werden können. Aus diesem Einbezug der eigenen Erfahrungsmöglichkeit von nichtalltäglichen Wirklichkeitsbereichen ergibt sich eine völlig andere Fragestellung, und viele Gebiete der Parapsychologie - unter anderem das Hellsehen, der Mediumismus, die Geistheilung oder eben die Sterbe- und Nachtodesforschung - erscheinen in einen ganz anderen Licht.

Die Frage "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" ist eine ganz bestimmte, vorgegebene Frage innerhalb einer ganz bestimmten Weltanschauung. Wer sie beantworten will und dabei erst noch die Forderung nach Objektivität, Gültigkeit und Wahrheit im Bereich des mit dem Weltbild verbundenen Paradigmas gelten läßt, wird sich kaum für andere Fragestellungen interessieren. Dies ist vom Standpunkt der Erkenntniskritik her gesehen zumindest fragwürdig, denn bereits mit der Formulierung einer Frage werden deutliche Grenzlinien vorgezeichnet. Diese legen den Rahmen fest, innerhalb dessen Bereich sich zum Beispiel das Forschungsprojekt "Leben nach dem Tod" abzuspielen hat. Alles Spontane und Unerwartete scheint belanglos und unpassend. Es wird einfach als paranormal bezeichnet, weil es überhaupt nicht in die angestrebte Richtung paßt - und "bestenfalls" in das Prokrustesbett des Anerkannten hineingezwängt. Was sich auf diese Weise auch nur einigermaßen eingliedern und abgrenzen läßt, bekommt zumindest den Charakter eines Indizienbeweises. Schließlich glaubt man ja von allem Anfang an zu wissen, wie etwas behandelt werden muß und was wichtig und was nebensächlich ist.

Was bedeuten schon banale und subjektive nächtliche Erfahrungen wie z.B. die Außerkörperlichkeit, wenn am Ende des Lebens das Ereignis des Todes steht? Man ist im allgemeinen davon überzeugt, daß die Zeitspanne zwischen dem abendlichen Einschlafen und den morgendlichen Erwachen außer Träumen nicht viel bringt. Und wenn man das Traumgeschehen zu deuten versucht, übersieht man meistens die teilweise doch sehr subtilen Hinweise. Diese wären bei genauerer Betrachtung durchaus geeignet, eine Auffassung zu entwickeln, die in den nächtlichen Ereignissen mehr sieht als bloß ein Abbild der subjektiven Wünsche, Vorstellungen und Verdrängungsmechanismen. Doch die eigenen Vorurteile wiegen oft schwerer. So wird denn nur ein kleiner Bereich des nächtlichen Erfahrungsspektrums erfaßt - wenn überhaupt.

Die Nacht bleibt ohne die wachbewußte Beteiligung des Ich im Dunkeln - also in einem unbewußten Bereich. Erst in Zusammenhang mit einem achtsamen und in bezug auf Deutungen sehr zurückhaltenden Umgang mit den nächtlichen Quellen werden die Stimmen der nichtalltäglichen Wirklichkeit direkt vernehmbar und vor allem deutlicher - und es kommt unter Umständen sogar zu Erlebnissen, in denen die Bewußtseinsklarheit des Ich vollständig auch bei schlafendem Körper erhalten bleibt. Derartige Erfahrungen geben einem, vor allem, weil sie nicht bloß seltene Einzelereignisse bleiben, sondern bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen zu wiederholten Malen erlebt werden können, die gefühlsmäßige Gewißheit, daß die Bewusstheit des Ich nicht zwingend vom Zustand des Körpers abhängig ist. Gerade diese Überzeugung ist nicht nur für die Außerkörperlichkeit, sondern auch für die Sterbeerfahrung charakteristisch - denn sie ist auch all jenen bekannt, die ein Nahtoderlebnis gehabt haben.

Um selbst die Außerkörperlichkeit zu erleben, ist es keineswegs notwendig, daß sich der physische Körper in einem medizinisch kritischen Zustand befindet. Das abendliche Zubettgehen oder die meditative Versenkung führt nämlich bei entsprechender Vorbereitung mit großer Wahrscheinlichkeit zu derselben Erfahrung. Nur verlangen diese sanften Methoden unter anderem die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis - und ein gehöriges Maß an Offenheit für das Ganz-Andere, Unerwartete und Überraschende. Doch was nutzt die Gewißheit der persönlichen Erfahrung, wenn es einer weitverbreiteten Auffassung zufolge letztlich einzig darum geht, die über den Tod hinaus fortdauernde Existenz des Individuums objektiv zu beweisen?

Die zentrale Frage, wie der Mensch Kenntnis von der Wirklichkeit erlangt und ob dieses Wissen auch verläßlich und wahr ist, stellt sich ganz besonders im Hinblick auf die außerkörperliche Erfahrung und das persönliche Überleben des Todes. Der einzelne Mensch kann die Antwort auf das "Wie?" meines Erachtens nur unter der Voraussetzung finden, daß sein Ich-Bewußtsein kontinuierlich bestehen bleibt. In diese Kontinuität miteinbeschlossen sind aber auch z.B. Gedächtnisinhalte, die sich zwecks optimaler Anpassung an eine unbekannte Situation einsetzen lassen.

Das Ich ist tagsüber wachbewußt einer Unmenge von Eindrücken ausgesetzt. Diese Eindrücke gilt es zu verarbeiten und in den vorhandenen Erfahrungsbestand einzugliedern. Falls das Ich aber überfordert und in seinen sonstigen Erfahrungsmöglickeiten, die nicht arbeits-, massenmedien- oder freizeitkonform sind, eingeengt wird, kommt es tagsüber und vor allem in der Einschlafphase zu einem totalen Verlust des Wachbewußtseins. Und weil es während des Schlafzustandes dann wegen der tagtäglichen Beanspruchung und der vom Alltag her übernommenen Vorurteile nicht gelingt, luzid zu bleiben oder zu werden und neue, nichtalltägliche Erfahrungen zu machen, werden die Gedächtnisinhalte weiterhin einseitig nur vom Alltag her bestimmt. Leider gilt es als normal, daß sich sowohl das bewußte Erinnerungsvermögen als auch der Erinnerungsinhalt als solcher strikt auf den Alltag beschränkt.

Manchen gelingt es, wachbewußt einzuschlafen oder wenigstens luzid zu träumen. Solltre dies ganz spontan geschehen, dürfte man sich nicht allzu sehr um die ''objektive Wirklichkeit" des "wahren" Zustandes seines physischen Körpers kümmern. Aber dies ist leichter gesagt als getan, denn diejenigen, die vor lauter Skepsis und Gewohnheit das Staunen verlernt haben, werden sofort die Deckungsgleicheit von Körperzustand und Ichzustand herbeiführen. Es ist eben in einer außerordentlichen Situation schwierig, die Grundlagen des persönlichen Wissens anzuzweifeln, und zuzugeben, daß sie nicht ausreichen, die Lage zu erfassen oder gar zu erklären.

Manchmal ist das Wissen, das man sich im Alltag erworben hat, überhaupt nicht geeignet, in einer völlig neuartigen Situation die zur Erfassung notwendigen Entscheidungsgrundlagen zu liefern - beispielsweise, wenn die Umgebung, in der man sich als wachbewußtes Wesen befindet, keinerlei Ähnlichkeiten mehr mit der alltäglichen hat. Für mich persönlich geht es deshalb - speziell im außerkörperlichen Zustand - immer wieder um die Frage, ob ich trotz aller Widersprüche zu den gewohnten Vorstellungen in der betreffenden Situation bestehen kann - und zwar ohne Verlust der Kontinuität des Ich-Bewußtseins.

Mit der Zeit, d.h. mit dem Zuwachs an Erfahrung, werden die nur graduellen Unterschiede zwischen Einschlafen und Sterben offensichtlich. Sogar die Verwandtschaft zwischen dem Schlaf und dem "Leben nach den Tod'', wie es verschiedene Totenbücher beschreiben, wird zur persönlichen Erfahrungsgewißheit. Aber gerade aufgrund dieses Wissens sehe ich mich außerstande, über das Sterben, den Nachtod oder das "eigentliche Sosein" des "ausserkörperlichen Daseinszustandes" etwas Endgültiges und Unumstößliches auszusagen. Dies ganz im Gegensatz zu jenen, die meinen "Objektivität" in bezug auf diese Problematik sei durch die Sammlung und kritische Sichtung einer Vielzahl voneinander völlig unabhängiger Erfahrungsberichte gewährleistet.

Gerade die Vielzahl der eigenen Erfahrungen macht mich skeptisch und vorsichtig, denn mit dem quantitativen Zuwachs ändert sich die Qualität des Erlebens - nicht eigentlich in Hinblick auf die Kontinuität des Ich-Bewußtseins, als vielmehr auf die Ausgestaltung der Wirklichkeitsauffassung sowohl im Alltag als auch im außerkörperlichen Zustand.

Ich kann also nur erzählen und die für mich ausschlaggebenden Voraussetzungen erläutern - und dabei versuchen, erkenntniskritisch zu bleiben. Auf diese Weise möchte ich zeigen, daß ein bestimmtes Wissen nicht mehr und nicht weniger als ein Schlüssel für den einzelnen Menschen darstellt. Damit läßt sich zwar keine Objektivität gewinnen, aber damit kann die unterschätzte, verbotene und tabuisierte Dimension des persönlichen Erlebens wieder zugänglich gemacht werden. Mit dem Zuwachs an persönlicher Erfahrung erscheint schließlich auch der Sterbeprozess in einem anderen Licht.

Das Sterben erweist sich auf dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen gewissermaßen als natürliche Ausgangsbasis für ein Hinüberwechseln in den außerkörperlichen Zustand. Und was den "Tod" betrifft, so ist aufgrund der erstaunlichen Vielfalt und Alltagsferne des außerkörperlichen Erlebens zu vermuten, daß die aus dem Alltagsverständnis heraus gewachsenen Anschauungen von Raum und Zeit grundsätzlich keinen direkten Vergleich mit dem Nachtodeszustand zulassen.

Die hier skizzierte Auffassung drückt mein Bestreben aus, wenigstens nachträglich die Verantwortung für das eigene Denken, Wissen und Handeln zu übernehmen. Indem ich dies tue, verwerfe ich allerdings jene Vorschriften, die besagen, wie mein Erleben tagsüber, in der Nacht und während der letzten Zeit vor dem definitiven Tod des physischen Körpers zu sein hat. Ich habe auch keinen Grund mehr, die eigenen Bedürfnisse oder die der anderen Wesen zu verdrängen - bloß weil sie einer einseitig auf den materiellen Alltag ausgerichteten Gesellschaft mit irgendwelchen spezifischen Objektivitäts- und Wahrheitsvorstellungen widersprechen. Es mag zwar bequemer sein, die Welt, die man erlebt, unwillkürlich und unachtsam in Unwissenheit aufzubauen. Wenn man jedoch versucht, bewußt einzuschlafen und folglich auch bewußt zu leben und zu sterben, sind die gewohnten Vorstellungsgrenzen aufzugeben.

Letzten Endes stirbt jeder für sich allein - und dieser Vorgang ist ebenso naturnotwendig und unvermeidlich wie jeder andere Stoffwechselprozeß. Doch beim Sterben kommt es ohne entsprechende Übung und Vorbereitung - wie beim Einschlafen oder bei der meditativen Versenkung - zu einer Sinnesdeprivation. Die normale Tätigkeit der Sinnesorgane wird dabei sozusagen eingestellt. Angesichts dieser Vorgänge kann man die menschliche Existenz etwas dramatisierend als ein "Sein zum Tode'' auffassen, als ein ständiges Hinwegsterben. Diese Auffassung hat durchaus ihre Berechtigung. Der Mensch ist allein schon aus ethischen Gründen dazu verpflichtet, sich mit seiner Endlichkeit auseinanderzusetzen, zeit seines Lebens, selbst wenn es ewig dauern sollte - und nicht erst in seiner sogenannten letzten Stunde. Er kann dies problemlos tun, denn der Sachverhalt der fließenden und niemals starren Wechselwirkungsprozesse ist überall und jederzeit sichtbar. Relativität, Beschränktheit und Endlichkeit sind ebenso Wesensbestandteile des Lebens wie Geburt, Tod und Transzendenz. Dies ist jedoch für viele schwer zu akzeptieren. Statt kooperativ zu sein, versuchen sie, gegen die Unvorhersehbarkeit des Wandels und gegen die eigenen Ängste anzugehen, sei es nun mittels extremer medizinischer Versorgung oder durch Absicherung des Materiellen und ideologischen Besitzstandes.

Falls die "spirituelle Erfahrungsdimension" im alltäglichen Bereich keine wesensbestimmende Rolle spielt, wird das Materielle von einem materialistischen Weltbild vereinnahmt und damit ausschließlich. Wegen der sich daraus ergebenden totalen Verkümmerung der eigenen Wandlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten wird die Suche nach Beweisen für ein "Leben nach den Tod" ungemein wichtig und sogar absolut lebensnotwendig. Denn der Tod erscheint plötzlich als unüberwindbare Schranke, und die Suche nach schlüssigen Beweisen für das "Nachtodesleben" wird zum Akt der Verzweiflung und Ohnmacht jener, die einerseits verunsichert sind, weil sie keinen Halt mehr im Glauben finden und andererseits genügend "seelisch-geistige" Sensibilität besitzen, um sich derartiger Problemen anzunehmen. Viele Menschen fühlen sich in ein Gefängnis eingemauert. Weil sie nur die Verhaltensvorschriften des eindimensionalen materialistischen Weltbildes kennen, sind sie - gewissermaßen als gehorsame Mitglieder ihrer Gesellschaft - weder willens noch fähig, auszubrechen. Denn die offiziell zugelassenen und als verhaltensrelevant geltenden Texte beschreiben nur die Mittel und Vorgehensweisen aus den Beständen des kartesianischen und newtonschen Weltbildes.

Nehmen wir nun - entgegen all der bisher vorgebrachten Bedenken - einmal an, das persönliche Überleben des Todes sei mit Hilfe irgendwelcher Experimente innerhalb des momentan geltenden naturwissenschaftlichen Rahmens bereits bewiesen oder wenigstens in absehbarer Zukunft beweisbar. Was würde dies nun für den einzelnen Menschen bedeuten? Und welche erkenntnistheoretischen und methodischen Voraussetzungen wären für die Beweisführung ausschlaggebend?

Da ist als erstes das Begriffspaar "Leben und Tod". Üblicherweise wird es prinzipiell als gegensätzlich aufgefaßt und sowohl auf die physische Körperlichkeit als auch auf das bewußte Ich bezogen. Nur schon ein Biologe ist jedoch nicht in der Lage, die Frage "Was ist Leben?" exakt zu beantworten. Dasselbe gilt für die Definition des eigentlichen Todeszeitpunktes. Genau bestimmen läßt sich weder das eine noch das andere. Für Biologen wie Mediziner geht es in der Praxis bloß darum, sich auf gewisse Charakteristiken zu einigen, damit überhaupt gearbeitet werden kann. - Ich selbst mußte nun - weniger als Biologe als vielmehr im nächtlichen Erfahrungsbereich - über Jahre hinweg lernen, daß Leben und Tod relative Bezeichnungen sind und sich prinzipiell nicht auf die Kontinuitat des Ich-Bewußtseins anwenden lassen. Von den vielfach im außerkörperlichen Zustand erlittenen Toden und der Erfahrung der inhaltsleeren Bewusstheit her gesehen weiß ich mittlerweile beim besten Willen nicht, was "Leben nach dem Tod" heißen soll.

Bei der Beweisführung in bezug auf das "Leber nach dem Tod" geht man im allgemeinen davon aus, daß es ein Vorher und ein Nachher gibt. Zeit hat linear zu sein und von der Vergangenheit via Gegenwart in die Zukunft voranzuschreiten. Schwankungen des subjektiven Zeitempfindens sind dabei ebenso vernachlässigbar wie beispielsweise die Frage, ob eine Wirkung ihre eigene Ursache beeinflussen kann. Wer sich nicht gerade mit erkenntnistheoretischen Problemen der modernen Physik beschäftigt und damit den gesunden Menschenverstand zumindest in bezug auf Grenzfragen verloren hat, lebt ganz gemütlich und angenehm im Umkreis der Newtonschen Mechanik mit ihrer räumlichen Dreidimensionalität, der Kausalität und dem zeitlich linearen Ablauf der Ereignisse. Allein schon durch die Auseinandersetzung mit dem Erkenntnisproblem in der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie sind mir die mechanistischen Denkkategorien allerdings ein bißchen abhanden gekommen.

Als jemand, der die Außerkörperlichkeit schon mehrmals erlebt hat, habe ich etliche Zweifel an der Korrektheit von umgangssprachlichen Bezeichnungen wie "schlafen" und "wachen" oder "tot'' und "lebendig". Ich weiß auch nicht genau, wie es letzten Endes mit der Identität von Körperzustand und Ich-Bewußtseinszustand steht. Allzuoft habe ich schon gewissermaßen von außerhalb den "Bruder Esel" d.h. meinen physischen Leib, im Bett liegen sehen und ihn mit meinen Zweitkörper oder auch mit anderen Körpern verglichen, mit denen ich mich jeweilen im außerkörperlichen Zustand bewegte. Und die von mir selten erlebte Existenz als körperloser Bewußtseinspunkt ist mit irgendeiner Art von Körperlichkeit überhaupt nicht mehr vergleichbar. Die unausgedehnte, punktuelle Existenz führt höchstens zur Frage: "Wer lebt und stirbt denn eigentlich?", also letzten Endes zur berühmten Frage: "Wer bin ich?" Ob nicht vielleicht doch diese Frage vor der anderen, vor dem "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" beantwortet werden müßte?

Allein schon die Frage nach einem Beweis für die "nachtodliche Existenz" geht von einer beobachtbaren Abkopplung des bewußten Ich vom physischen Körper aus. Eine Antwort innerhalb der naturwissenschaftlichen Rahmenbedingungen wird dann - bedingt durch die Auswertungsmethodik - statistische Aussagen enthalten. In diese Statistik müßten die durch spezielle Messanordnungen aufzeichenbaren Werte der Abtrennung bzw. der totalen Unabhängigkeit des bewußten Ich vom physischen Körper eingehen. Über die Meßmethodik und die Auswertung wird man diskutieren können, aber nicht über die Forderung, daß die Messung jederzeit und überall von voneinander unabhängigen Forschergruppen wiederholt werden kann.

Unter Umständen und meistens unbemerkt setzt ein Experiment bereits etwas als bewiesen voraus, was mit dessen Hilfe hätte nachgewiesen werden sollen. In Zusammenhang mit gewissen Experimenten zur Lösung der Frage "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" ist dies die Kommunikationsmöglichkeit mit einen Ich, dessen Körper physisch nicht mehr existiert. Wie dem auch sei, in meinem kleinen Büchlein "Märchen als Schlüssel zu den Quellen der Nacht" habe ich auf eine Auffassung hingewiesen, die nicht unbedingt eine intensive Beschäftigung mit methodologischen, wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Betrachtungsweisen zur Bedingung macht.

In Zaubermärchen und Schamanengeschichten kommt ein ganz anderer Standpunkt zum Ausdruck. Diese erzählen nämlich von gemeinsam erlebten "ekstatischen" Zuständen, wobei der Aufenthalt im Diesseits von allen Beteiligten klar von der Existenz in einem alltagsfernen Jenseits unterschieden wird. Diese und andere "märchenhafte Berichte" werfen ein neues Licht auf die Problematik der Intersubjektivität. Dabei geht es, wie man aus dem alltäglichen Umgang mit den Mitmenschen weiß, um die Billigung, Bestätigung und den Nachvollzug einer Erfahrung - und letzten Endes um persönliche, familiäre und gesellschaftspolitische Vereinbarungen. In bezug auf Sterbeerfahrungen und außerkörperliche Erlebnisse ließe sich also unter Umgehung der naturwissenschaftlichen Nachweismethodik und Erkenntnisproblematik eine Einigung darüber erzielen, daß die Annahme einer andauernden Identität von Bewußtseins- und Körperzustand nicht notwendig ist.

Die zuvor genannten Voraussetzungen "unvereinbarer Gegensatz zwischen Leben und Tod" "Dreidimensionalität des Raumes und linearer Ablauf der Zeit", "strikte Gültigkeit der umgangssprachlichen Bezeichnungen" und "feststehende Identität von Ich- und Körperzustand" bilden einen Teil der erkenntnistheoretischen Basis des von der Parapsychologie angestrebten wissenschaftlichen Beweisversuches für das persönliche Überleben des Todes. Nicht eine dieser Grundannahmen ist jedoch für den Beweis der persönlichen Existenz notwendig, ausreichend oder gar zuständig - weder im Alltag noch im außerkörperlichen Zustand.

Bei allen Experimenten in bezug auf das "Leben nach dem Tod" geht es ja um das Überleben des Menschen als personale Einheit, die über ihre Ich-Identität genau Bescheid weiß. Bei den Lebenden und den Verstorbenen muß - was nicht übersehen werden darf - Einigkeit darüber herrschen, daß die Beweisführung innerhalb eines bestimmten, weltanschaulichen Rahmens durchgeführt wird. Die "ehemals klinisch Toten" können hier - wie die Leute mit "Außerkörperlichkeitserfahrung" - nur eine indirekte Funktion übernehmen - und eventuell von früheren Begegnungen mit Verstorbenen im außerkörperlichen Zustand erzählen.

Ganz anders steht es mit einer endgültig verstorbenen Person. Für sie gibt es ein weiteres ziemlich heikles Problem, weil der Nachweisversuch von materiell existierenden Lebewesen vorgenommen wird. Ein direkter Kontakt mit irgendwelchen technischen Geräten scheint bis heute nicht zweifelsfrei realisierbar zu sein. Also bleibt den Verstorbenen wohl nichts anderes übrig, als sich indirekt durch Vermittlung eines Mediums zu beteiligen. Hier aber wird plötzlich der persönlichen Erfahrung ganz bestimmter Menschen eine wesentliche Rolle zugesprochen. Man sollte sich bei der Anhörung der Worte eines Mediums darüber im Klaren sein, daß gerade das, was man zu Beginn nicht zulassen wollte, nämlich das subjektive Erleben, jetzt akzeptiert wird. Doch weshalb muß denn überhaupt ein Medium dazwischengeschaltet werden? In außerkörperlichen Zustand während des normalen Schlafes kann man den Toten ja auch begegnen. Wer den Wunsch hat, mit Verstorbenen zu sprechen, ist dazu befähigt, es im außerkörperlichen Zustand ohne Vermittlung durch ein Medium zu tun.

Der Schlaf ist ein Erfahrungsbereich, der allen Menschen direkt und mit Leichtigkeit zugänglich ist - in Gegensatz etwa zur klinisch überwachten Sterbephase oder zum Mediumismus. Aber das simple Einschlafen ist zu naheliegend, zu banal und zu unscheinbar, als daß es lohnend scheint, die Kontinuität des Ich-Bewußtseins beizubehalten. Wer es trotzdem versucht, wird nicht erwarten dürfen, sogleich erfolgreich zu sein, denn es gibt eine Unmenge von Dingen, die zuerst im Alltag bewußt zu machen sind.

Für die Bewußtwerdung des Verdrängten, der Schattenseiten und der Komplexe eignen sich nach wie vor die Träume - auch wenn in ihnen nur noch ein Zerrspiegel des bewußten, stabilen und koordinationsfähigen Ich vorhanden ist. Die Aufarbeitung der Traumfragmente und normalen Träume ist nicht nur eine immer wiederkehrende Notwendigkeit, sondern gehört zu den ersten Schritten des "Erkenne-dich-Selbst" und zur ehrlichen Anerkennung der eigenen Voraussetzungen. Dieser Einsatz lohnt, denn früher oder später kommt es - wenn man es zuläßt - zu luziden Träumen, in denen das Ich sich seines Zustandes mit aller nur wünschenswerten Klarheit bewußt ist und über sämtliche gewohnten Funktionen verfügt, egal, wie man diese nun einteilt und klassifiziert. Es wird sogar möglich, nach Mitteln zu suchen, um sich jede Art von Wünschen zu erfüllen - auch die nach einer Begegnung mit Verstorbenen. Wer jedoch weniger danach strebt, die eigenen Vorstellungen zu bestätigen, sondern sich darum bemüht, den Erkenntnis- und Wechselwirkungsprozeß weiter voranzutreiben, kommt schließlich zu dem Punkt, wo sich die Frage "Gibt es ein Leben nach den Tod?" ohne Vermittlung durch Dritte selbst beantworten läßt oder einfach erübrigt.

Viele machen einen Umweg über die Erzählungen von Medien, Reanimierten und Leuten wie mich, obwohl sich eine persönliche Beteiligung an der Versuchs- und Nachweisanordnung "nachtodliche Existenz" verwirklichen ließe. Irgendwie scheinen dabei Ängste und die Sorge um Objektivitätskriterien hineinzuspielen, vielleicht aber auch die Scheu vor dem Arbeitsaufwand. Aber kann ein einzelner Mensch durch einen von außen herangetragenenen Beweis jemals die unerschütterliche Gewißheit und die endgültige Gewähr dafür bekommen, daß er selbst als bewußte personale Einheit über die Grablegung hinaus weiterexistieren wird?

Ein Beweis ist immer theorieabhängig und in den Naturwissenschaften statistischer Art. Demzufolge können nur Aussagen mit Angabe der Wahrscheinlichkeit gemacht werden. Es gibt keine absolute Sicherheit! Aus Gründen der Intersubjektivität und Objektivität läßt sich die Frage "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" mit den Mitteln der modernen Wissenschaft niemals hundertprozentig bejahen oder verneinen und ganz bestimmt nicht auf einen ganz konkreten Einzelfall anwenden.

Das eigene Menschsein mit all den Möglichkeiten der bewußten Existenz liegt jenseits aller wissenschaftlichen Methoden. Die Naturwissenschaft müßte schon einen grundlegenden Paradigmenwechsel vollziehen, um den Menschen als solchen als Ganzheit mitsamt seiner Bewußtheit und all seinen Erfahrungen in den Blick zu bekommen.

Der einzelne Mensch wird in der Wissenschaft also keinen Halt finden können. Ohne die persönliche Erfahrungsgewißheit der Körperunabhängigkeit des lch und ohne Selbsterkenntnis als spezielle Form der Erkenntnistheorie und Wissenspraxis bleibt nur der Glaube an ein ewiges Leben. Für diejenigen, die nicht nach Beweisen suchen und gleichzeitig in der Gewißheit der unsichtbaren und unfaßbaren Anwesenheit Gottes leben, sind Glaube und Hoffnung eine durchaus akzeptable Lösung. Solange der Mensch nicht zweifelt, kann er sich geborgen fühlen. Wenn sich aber auch nur der geringste Zweifel erhebt, muß die Suchwanderung aufgenommen werden. Weil Selbsterkenntnis damit zu einer Frage des Überlebens wird, sind alle Informationsquellen zu berücksichtigen, die zur Verfügung stehen. Dazu gehört auch der nächtliche Bereich, in dem jedem Menschen neue Erfahrungsdimensionen von manchmal geradezu visionärem Charakter zugänglich werden.

Roger Bacon, einer der Väter der Wissenschaft, betonte bereits im 13. Jhd., daß es zwei Arten gibt, Wissen zu erwerben: einerseits durch die logische Beweisführung und andererseits durch die Erfahrung. Bei einer Beweisführung werden logische Schlußfolgerungen vorgebracht, die anerkannt werden müssen. Dadurch wird jedoch keine Gewißheit verursacht. Es ist vielmehr die Erfahrung, die den Zweifel beseitigt und den Geist zur Ruhe bringt. Wer jetzt noch meint, auf die unmittelbare, persönliche Erfahrung verzichten zu können, möge folgende Worte Buddhas in Erinnerung behalten: "Glaubt nicht, bloß weil die Überlieferung es sagt, selbst wenn sie schon sehr alt und vielerorts verbreitet ist. Glaubt nicht, bloß weil viele Leute von etwas sprechen. Auch dem, was die Weisen vergangener Zeiten sagten, sollt ihr keinen blinden Glauben schenken. Glaubt nicht an eure eigenen Vorstellungen, indem ihr euch einredet, ein Gott habe sie euch eingegeben. Glaubt nicht, bloß weil eure Lehrer und Priester es behaupten. Prüft alles selbst und glaubt an das, was ihr in euch selbst erfahren und als vernünftig befunden habt - und nach dem sollt ihr euren Lebenswandel richten."

Man sollte die Erfahrung weiterhin als die Grundlage der Wissenschaft gelten lassen. Nur darf man sie nicht auf den Alltag und die Tätigkeit der Sinnesorgane bzw. den Wachzustand des Körpers beschränken. Denn diese Einschränkung ist theorieabhängig und deshalb willkürlich. Sie entspricht keineswegs den tatsächlich gegebenen Möglichkeiten. Weltbilder, Dogmen, Postulate und Theorien können deshalb niemals oberste Instanz und letzte Autorität sein. Sie sind bloß Behelfsmittel von vorübergehender Bedeutung. Das einzig lebensnotwendige Kriterium des Menschseins ist die Bewusstheit und damit die Kontinuität des Ich-Bewußtseins. Und diese ist eindeutig nicht auf den Wachzustand des physischen Körpers beschränkt. Diese Auffassung hat eine alte Tradition. Nur findet sie keine Gnade in den Ohren der Mächtigen, die Stabilität und Berechenbarkeit fordern. Im Prinzip aber wäre es ein Leichtes, diesen Standpunkt zu uberwinden. Es genügt schon die Bereitschaft, während 24 Stunden täglich wachbewußt zu bleiben. Damit hört die Eindimensionalität des Alltags schlagartig auf - und das Leben nach dem Tod beginnt hier und jetzt.


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